FAZ 17.02.2026
18:48 Uhr

Meister und Margarita: Wie ein Russe Bulgakows Meisterwerk auf die Bühne bringt


Timofej Kuljabin lebt seit dem Beginn des Ukrainekriegs im Exil. Jetzt inszeniert der Russe einen Klassiker der Sowjetzeit, Bulgakows „Meister und Margarita“ am Schauspiel Frankfurt.

Meister und Margarita: Wie ein Russe Bulgakows Meisterwerk auf die Bühne bringt

Zwölf Jahre alt war Timofej Kuljabin, als er zum ersten Mal den Roman „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow las. Wie viele andere lief er mit dem Buch durch die Straßen Moskaus, denn mit den präzisen Ortsbeschreibungen des Romans, womöglich das bedeutendste Buch der russischen Literatur im 20. Jahrhundert, kann man wie mit einem Reiseführer durch die Stadt gehen. Noch vor wenigen Jahren, erinnert sich Kuljabin im Gespräch, gab es organisierte Führungen, pilgerten Bulgakow-Verehrer zu den einschlägigen Adressen: „Mich hat das Buch ein Leben lang begleitet.“ Der 1984 in Ischewsk geborene Kuljabin studierte an der Moskauer Theaterakademie und war von 2014 bis 2022 Künstlerischer Leiter im Theater „Rote Fackel“ in Nowosibirsk. Schon sein Vater leitete dieses Theater, Kuljabin wuchs gleichsam auf der Bühne auf. Dort entstanden unter seiner Leitung viel beachtete Produktionen wie etwa seine Version von Tschechows „Drei Schwestern“ in Gebärdensprache, die von den russischen Theaterkritikern zum Schauspiel des Jahres 2015 gewählt wurde, den Nationalen Theaterpreis „Die Goldene Maske“ erhielt und in zahlreichen europäischen Ländern sowie in Japan gastierte. Seine provokative „Tannhäuser“-Inszenierung am Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheater Nowosibirsk wurde auf Druck der orthodoxen Kirche nach wenigen Vorstellungen abgesetzt. Schon vor dem Frühjahr 2022, als Kuljabin nach dem russischen Überfall auf die Ukraine seine Heimat verließ und seitdem in Berlin lebt, arbeitete er regelmäßig an renommierten Bühnen wie dem Residenztheater München, dem Schauspielhaus Zürich oder dem Deutschen Theater in Berlin. Seine Inszenierung von „Der Meister und Margarita“ ist seine zweite Arbeit am Schauspiel Frankfurt. Bulgakow schrieb seinen Roman von 1928 an und vollendete ihn kurz vor seinem Tod 1940. Das Buch, das wie kein anderes den perfide-brutalen Irrsinn des stalinistischen Terrors beschreibt, konnte erst viele Jahre später veröffentlicht werden. 1966 erschien eine stark gekürzte Fassung in wenigen Exemplaren, doch kursierten im Untergrund mit Schreibmaschine oder gar handschriftlich vervielfältigte Exemplare, vielerorts trafen sich Menschen zu geheimen Lesungen. Die erste vollständige Fassung erschien 1966 im Westen, erst Mitte der Siebzigerjahre wurde es auch in der Sowjetunion offiziell gedruckt. Der Roman zählt seitdem zu den meistgelesenen Werken in Russland, viele Russen kennen ihn teilweise auswendig, Sentenzen daraus sind zu Sprichwörtern geworden, und sogar der ehemalige Präsident und Putin-Vertraute Dmitri Medwedew, erzählt Kuljabin amüsiert, verwendete erst kürzlich in einer Rede ein Zitat daraus. Ein Werk des Widerstands gegen den Totalitarismus „Der Meister und Margarita“ ist also ein eminent politischer Roman, ein Werk des Widerstands gegen den Totalitarismus, das mit satirischer Schärfe und unbestechlicher Präzision Willkür, ideologische Verblendung, menschliche Feigheit geißelt und dabei über weite Strecken und auch noch in den absurdesten Wendungen komisch ist. Wenn ein Regisseur wie Kuljabin ein solches Werk in einer eigenen Fassung auf die Bühne bringt, ist man versucht, darin einen Kommentar zur aktuellen Lage in Russland zu sehen. Doch abgesehen davon, dass sich Kuljabin derzeit bewusst nicht konkret politisch äußern möchte, um in Russland lebende Angehörige nicht zu gefährden, gehe der vielschichtige Roman und damit auch seine Bühnenfassung „über das Politische weit hinaus“, gehe es darin vielmehr „um philosophische, soziale und religiöse Fragen, das steht für mich im Mittelpunkt“. Anders als in seiner viel beachteten „Macbeth“-Inszenierung vor zwei Jahren, als Kuljabin einen überlangen Tisch auf die Frankfurter Bühne stellte, der sehr stark an jenen im Kreml erinnerte, an dem Putin seine diversen ausländischen Gesprächspartner meterweit von sich entfernt platzierte, wird es also keine Anspielungen auf die Gegenwart geben, denn in „Macbeth“ sei es um einen Diktator, einen tyrannischen Gewaltmenschen gegangen: „‚Macbeth‘ ist konkret, da ist die Assoziation auch konkret. Hier in ‚Meister und Margarita‘ geht es aber um eine Maschinerie, um einen Mechanismus.“ Um dieses Macht- und Unterdrückungssystem in all seinen Verästelungen in der Gesellschaft zu zeigen, hat Bul­gakow ein figurenreiches „Panorama einer Epoche, ein Panoptikum“, geschaffen, das man in seiner Komplexität vollständig natürlich nicht theatralisch ­wiedergeben könne, aber in den gut drei Stunden Spieldauer schlüpfen die 14 Darsteller in immer neue Rollen, wird es einen durchgehenden Soundtrack und Video-Einspielungen geben, um die vielen Schauplätze glaubwürdig auf die Bühne zu bringen und den gewaltigen Stoff zu bewältigen: „Wir haben versucht, alle Hauptstränge beizubehalten.“ Timofej Kuljabin und seine Dramaturgin Olga Fedyanina sind sich dabei der Herausforderung sehr bewusst, dass der Stoff in Deutschland anders als in Russland nicht als volkstümlicher Klassiker dem Publikum vertraut ist. Und doch wird man nicht umhinkommen, die auf der Bühne dargestellte Wirklichkeit der Dreißigerjahre trotz Kostümen, Telegrammen oder der in russischen Wohnungen jener Epoche allgegenwärtigen Primus-Gaskocher mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen. „Wir machen es absichtlich historisch, damit es nicht platt wird“, sagen Kuljabin und Fedyanina, doch habe „die aktuelle Situation so viel Zündstoff per se, da muss nicht mehr absichtlich zugespitzt werden.“ Und abgesehen von Russland müsse man den Blick ohnehin weiten, wo man auch hinschaue, fänden sich Parallelen zu der von Bulgakow geschilderten Irrsinns-Welt: „Das Absurde ist in der Gegenwart wie eine olympische Sportart!“ Seit vielen Jahren arbeitet Kuljabin eng mit der Dramaturgin Fedyanina zusammen. Die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin hat mit ihm gemeinsam die deutsche Bühnenfassung des Romans erstellt. Obwohl Kuljabin Deutsch versteht, führt er seine Schauspieler auf Englisch und vertraut im Gespräch auf die Übersetzungen von Fedyanina, die er immer wieder ergänzt. Auch in Zukunft inszeniert Kuljabin weiter an verschiedenen deutschen Bühnen, doch wird er im kommenden Herbst mit der Schauspielerin Anica Happich die Schauspieldirektion des brandenburgischen Staatstheaters Cottbus übernehmen. Darauf freut sich Kuljabin sehr, denn zur russischen Theatertradition gehöre es, dass man als Regisseur für ein Haus verantwortlich ist und kontinuierlich mit einem Ensemble arbeitet. In den vielen Jahren in Nowosibirsk habe er sich sehr wohlgefühlt: „Ich wollte das wieder haben, das hat mir gefehlt.“ „Der Meister und Margarita“, Schauspiel Frankfurt, Premiere am 21. Februar.