FAZ 15.01.2026
14:13 Uhr

Medizinalcannabis: Von sich selbst berauscht


Vor zwei Jahren hat die Ampel ein Konjunkturprogramm für Rauschgiftkriminalität aufgelegt. Auch der Internethandel mit Cannabisblüten boomt. Mancher in der SPD berauscht sich daran.

Medizinalcannabis: Von sich selbst berauscht

Die von der Ampelregierung ins Werk gesetzte Cannabis-Legalisierung treibt mittlerweile (Achtung, Wortspiel) immer seltsamere Blüten. Dass die Rauschgiftkriminalität boomt, wie ein Vertreter der Gewerkschaft der Polizei am Mittwoch in einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages zu Protokoll gab, war immerhin von allen Fachleuten erwartet worden – was die sogenannten Gesundheitspolitiker von SPD, Grünen und FDP einschließlich des Gesundheitsministers Lauterbach nicht davon abhielt, alle Warnungen in den Wind zu schlagen. Nicht auf dem Zettel hatten die Recht-auf-Rausch-Politiker, dass ein erheblicher Teil ihrer Klientel mitnichten daran denken könnte, sich auf der eigenen Fensterbank oder in einem Cannabis-Klub als Kleingärtner zu betätigen. Warum sich die Blüten im Namen der innerhalb Europas fast  grenzenlosen ärztlichen Berufsfreiheit nicht einfach online verschreiben und von einschlägigen Apotheken liefern lassen? Steigerung um 400 Prozent Achtzig Tonnen Cannabisblüten wurden auf diesem im Internet ausgiebig beworbenen Weg zwischen dem ersten Halbjahr 2024 und demselben Zeitraum des vergangenen Jahres importiert – was einer Steigerung um 400 Prozent entspricht. Und das, wie ein Vertreter der Bundesärztekammer trocken feststellte, ohne dass es für die Verordnung von Cannabisblüten zu medizinischen Zwecken auch nur die geringste wissenschaftliche Evidenz gebe – Fertig- oder Rezepturarzneimittel seien vielmehr die erste und einzige Wahl. Die Bundesregierung täte daher alleine schon im Sinne des Gesundheitsschutzes gut daran, an dem Gesetzentwurf festzuhalten, der für die Verordnung von Medizinalcannabis einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt voraussetzt und den Versandhandel von Medizinalcannabis wegen der Umgehung von Aufklärungs- und Beratungspflichten unterbindet. Doch auch auf diesem Feld droht innerhalb der Koalition neuer Streit. Mit der Rechtspolitikerin Carmen Wegge an der Spitze wollen Teile der SPD-Fraktion an der bisherigen Regelung festhalten. Das ist ihr gutes Recht, haben sie doch in der vergangenen Legislaturperiode die Suppe mit angerührt, die jetzt die ganze Gesellschaft mit auslöffeln kann. Aber vielleicht hat die Fraktionsführung der SPD so viel Realitätssinn, dass sie es nicht so weit kommen lässt, dass sich der Streit über Medizinalcannabis zu der nächsten Regierungskrise auswächst. Argumente hat sie seit der Anhörung am Mittwoch mehr als genug.