FAZ 16.12.2025
16:38 Uhr

Medikamente aus der Drogerie: dm eröffnet seine Onlineapotheke


Die einen protestieren, die anderen expandieren: Während die Vor-Ort-Apotheken in Deutschland das Licht ausschalten, startet dm in Tschechien seine neue Onlineapotheke.

Medikamente aus der Drogerie: dm eröffnet seine Onlineapotheke

„Lékárna“ steht direkt über dem Eingang, das bedeutet: „Apotheke“. Davon gibt es viele in Tschechien. Aber nur eine mit einem deutschen Hinweis, wer hier im tschechischen Bor sein Geschäft macht: „ dm med – Meine Versand-Apotheke bei dm“. Tatsächlich ist das Ladengeschäft nur das gesetzlich vorgeschriebene Entree für ein viel größeres Geschäft: für die am Dienstag gestarteten Internetapothekenaktivitäten der größten Drogeriemarktkette Deutschlands. Schon vor Monaten hatte das Karlsruher Unternehmen bekanntgegeben, bald auch in diesem Bereich tätig sein zu wollen. Trotz des erwarteten heftigen Gegenwinds aus der Branche, die für ihre wenig zimperliche Öffentlichkeitsarbeit bekannt ist. Wegen der Onlineapotheke „wird es erst einmal ziemlich scheppern und knallen, mit Abmahnungen und einstweiligen Verfügungen“, prophezeite dm-Gründersohn und -Geschäftsführer Christoph Werner im Oktober im Gespräch mit der F.A.Z. Apotheken beklagen „chronische Unterfinanzierung“ Zum Starttag war davon zunächst wenig zu spüren. Die Apotheker waren mit anderem als dm beschäftigt. Am Mittwoch wollen sie mit einer bundesweiten Protestaktion auf ihre „chronische Unterfinanzierung“ hinweisen. Unter dem Motto „Versorgungsblackout“ sollen zeitweise die Lichter in den Apotheken ausgeschaltet werden – „nur eine Notbeleuchtung bleibt an“, so die Ankündigung. An dieser Aktion dürfte man in Bor, nur 20 Autominuten von der deutschen Grenze entfernt, kaum teilnehmen. Dort sollte vielmehr das Licht besonders hell strahlen. Denn vom Apothekengeschäft verspricht sich die Kette einiges, vor allem auch positive Effekte aus der Zusammenarbeit mit dem bestehenden Geschäft. 2500 Arzneimittel im Angebot Als „besonderen Vorteil“ hebt das Karlsruher Unternehmen hervor, dass Kunden Produkte aus der Versandapotheke gemeinsam mit Artikeln aus dem Drogeriesortiment des dm-Onlineshops bestellen können. Die Lieferung erfolge wahlweise direkt nachhause oder an eine Abholstation im Markt. „Gesundheitsvorsorge muss zeitlich, finanziell und logistisch niederschwellig sein, und sie muss ins Leben der Menschen passen“, sagt Sebastian Bayer, Geschäftsführer für das Ressort Marketing und Beschaffung. Ziel von dm-med sei es, Menschen einen einfachen Zugang zu relevanten Gesundheitsprodukten zu ermöglichen. Im neuen Bestellangebot finden sich rezeptfreie, apothekenpflichtige Produkte und apothekenexklusive Artikel. Deren Zahl beziffert dm auf 2500 Arzneimittel sowie Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine, daneben gibt es knapp 1000 Produkte aus dem Bereich Dermokosmetik. Das Sortiment beinhaltet unter anderem die Kategorien Schmerztherapie, apothekenpflichtige Nahrungsergänzung, Grippemittel und Frauengesundheit. Versendet wird aus Bor, wo sich auch die dm-med-Präsenzapotheke befindet. Dort stünden den Kunden für Fragen deutschsprachige Apotheker sowie pharmazeutisch-technische Assistenten zur Seite, wird versichert. Eine Reaktion auf den „Megatrend Gesundheit“ Der Betriebsstart der Onlineapotheke ist Teil eines größeren Strategieplans von Geschäftsführer Werner. Er will damit auf kurz- und mittelfristige Entwicklungen wie steigende Gesundheitskosten auf der einen Seite sowie den „Megatrend Gesundheit“ auf der anderen reagieren – und auch ein wenig die etablierte Apothekenbranche aufmischen. Dass sich dies nicht ganz so einfach gestaltet, ist auch Werner klar. „Der Gesundheitsmarkt in Deutschland ist stark reguliert. Wenn wir weiterhin ein relevanter Anbieter von Gesundheitsprodukten sein und den Kundenwünschen in diesem Bereich entsprechen wollen, können wir unsere Sortimentskompetenz nur ausweiten, indem wir mit einer Versandapotheke kooperieren.“ Konkurrenz für Shop-Apotheke und DocMorris Dabei konkurriert dm nicht nur mit den Präsenzapotheken in Deutschland, sondern auch mit etablierten Onlineanbietern wie Shop-Apotheke oder DocMorris . Ob die Kundschaft jetzt umschwenkt, muss sich zeigen – zumindest profitiert die Drogeriekette von ihrem in Jahren aufgebauten Öko- und Menschlichkeitsbild. Eine in Auftrag gegebene Studie zeige laut dem Unternehmen das „große Zutrauen der Menschen in dm“. Demnach würden rund 70 Prozent der Bürger apothekenpflichtige Produkte auch bei dm kaufen. Die neue Onlineapotheke ist nicht das erste Angebot der Karlsruher jenseits des traditionellen Drogeriesortiments. Seit August werden in ausgewählten Märkten Vorsorge-Gesundheitsdienstleistungen angeboten. Mit den Partnern Aware Health, Skleo Health und dermanostic können Kunden vor Ort Blutanalysen, Augenscreenings sowie Hautzustands- und Hauttypanalysen durchführen lassen. So zuversichtlich dm die eigene Zukunft sieht, so pessimistisch sind die Vor-Ort-Apotheker vor ihrem Protesttag gestimmt. „Für die Apotheken sieht es gerade finster aus. Immer mehr Apotheken schließen für immer“, sagt Thomas Preis, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Und auch dm, dessen ist mancher Fachmann überzeugt, trägt zu dieser Entwicklung mit bei.