Der Künstler Jonathan Meese muss nicht lesen. In einem Clip, den man auf Youtube findet, nimmt Meese Martin Heideggers „Sein und Zeit“ aus dem Regal, streicht mit den Händen über die Seiten und sagt: „Wenn ich so gemacht hab, dann hab ich’s im Kopf.“ Leider (oder zum Glück?) ist er allein mit dieser Begabung. Zum Lesen muss man sich Zeit nehmen, und das tun, wenn man Artikeln und Umfragen glauben darf, viele Menschen immer seltener. Das Lesen, heißt es, sei in Gefahr oder, schlimmer noch, längst passé: „The End of Reading is here“, titelte das Magazin „The Atlantic“ in diesem Sommer. Ob es so dramatisch ist, lässt sich bezweifeln, die Ergebnisse einer neuen Studie der Soziologin Caroline Amlinger klingen hoffnungsfroher. So oder so ist das Lesen aber gerade Thema, nicht zuletzt wegen der schlechten Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie. Es ist nicht einfach, über das Lesen, seine Relevanz und seine Bedrohung zu schreiben. Schnell klingt man kulturpessimistisch (die gute alte Zeit!), abgedroschen (Kafka und die Axt für das gefrorene Meer in uns), staatstragend („Macht des geschriebenen Wortes“) oder verniedlichend (Heißgetränk, Hygge, Herbstlaub). Gleichzeitig ist nicht zu leugnen, dass Lesen etwas unbedingt Erhaltenswertes ist. Warum, das versuchen in diesem Jahr gleich mehrere Bücher von unterschiedlichen Standpunkten aus zu erklären. Politische Folgen „Der Niedergang des Lesens steht für mehr als bloß den Verlust eines netten Hobbys“, schreibt James Marriott, Kolumnist der britischen „Times“, und überlegt in seinem Buch mit dem unheilverheißenden Titel „Das Ende des Lesens: Über die allmähliche Zerstörung des Denkens, der Demokratie und der Gesellschaft, wie wir sie kennen“ (Dumont), was für politische Folgen es haben könnte, wenn wir aufhören, zu lesen. Marriott ist – man ahnt es – wenig optimistisch. Obwohl er anerkennt, dass Bücher nicht vor autoritären Regimen schützen und sogar von ihnen missbraucht werden können (man denke an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts), bezweifelt er, dass es umgekehrt aufgeklärte Gesellschaften ohne Leser geben kann: „In der gesamten modernen Geschichte gingen Demokratie und Literalität miteinander einher. Ob die Demokratie das Hinscheiden des Drucks überleben kann, ist eine der drängendsten Fragen unserer Zeit.“ Es geht Marriott nicht nur um das Lesen im Allgemeinen, sondern um die Art, wie wir lesen – und auf welchem Medium. Das Chaos, in dem wir uns gerade befinden, ist für ihn eine direkte Folge „der Kolonisierung unserer Kultur durch süchtig machende Bildschirme“. Denn obwohl man meinen könnte, dass uns so viele Informationen wie noch nie zur Verfügung stehen, nutzen viele Menschen das Handy selten zur tiefer gehenden Recherche, sondern eher, um auf Tiktok zu scrollen oder „Candy Crush“ zu spielen. Unsere Gesellschaft und Politik, sagt Marriott, seien geistig verflacht. Das klingt plakativ, und tatsächlich ist Marriotts Buch, man könnte es auch Manifest nennen, über weite Strecken nicht gerade subtil. Dem Autor selbst ist das durchaus bewusst: Mögliche Einwände denkt er mit, ohne sich allzu lang mit ihnen zu beschäftigen. Die Dringlichkeit, die einem von jeder Seite entgegenspringt, ist gewollt. Hier schreibt jemand, der sich sorgt und etwas verteidigen möchte, das er aufrichtig liebt: Zeitungen, Bücher und die Kultur, für die sie stehen. Denn eine Politik, so Marriott, die für das Smartphone, ja überhaupt für Bildschirme gemacht wird, sei eine andere als eine, die auf Worten basiert. Die visuelle Inszenierung eines Präsidenten wie Donald Trump, der von Triumphbögen träumt und KI-generierte Bilder von sich teilt, erinnert ihn an vordemokratische Zeiten, in denen Machthaber ihre Herrschaft nicht durch Argumente, sondern durch eine prunkvolle Bildsprache zum Ausdruck brachten. „Ich liebe die Ungebildeten“ Ein berühmter Satz Donald Trumps lautet konsequenterweise: „Ich liebe die Ungebildeten!“ Lesen, das weiß auch Marriott, macht einen nicht zu einem besseren Menschen, aber ermöglicht eine größere gesellschaftliche Teilhabe. Eine Person, die in der Lage ist, unterschiedliche Textformen zu verstehen und politische Debatten zu verfolgen, hat nicht nur deshalb einen Vorteil, weil sie begreift, wie die Gesellschaft funktioniert. Sie kann sich auch besser ausdrücken und zur Wehr setzen. Skeptiker, die an der These der Leseapokalypse zweifeln, sagen oft, dass wir mehr läsen als je zuvor: E-Mails, Chatnachrichten – das Internet besteht zu großen Teilen aus Text. Dass dieses Lesen anders ist als das Vertiefen in einen Roman, kann die Leseforschung erklären – man kann es aber auch an sich selbst beobachten. Viele Menschen wünschen sich, in einem Buch versinken zu können, wie in der Kindheit, und würden zustimmen, dass man diesen Zustand der Immersion selten erreicht, wenn man sich im Internet bewegt. Das Lesen dort ist kein schlechtes Lesen, denn schnell Informationen erfassen zu können, hat viele Vorteile. Aber es ist ein anderes. Ideal wäre es, beides zu können. Wie sich unser Gehirn verändert, wenn wir lesen, beschreibt der Psycholinguist Falk Huettig in seinem Buch „The Perks of Being a Bookworm“ (Von den Vorteilen, ein Bücherwurm zu sein; Cambridge University Press). Huettig hat, der Titel verrät es, in jahrelanger Forschung zahlreiche Argumente für das Lesen gesammelt. Lesen hat primäre und sekundäre Effekte, womit gemeint ist, dass sowohl die Tätigkeit an sich als auch die Inhalte, die wir durch sie aufnehmen, Einfluss auf unser Denken und Gedächtnis haben. So können Hörbücher oder Podcasts unser Vokabular genauso erweitern wie ein Buch, aber die Tätigkeit des Lesens geht noch darüber hinaus. Wer liest, lernt, Zeichen wie b und d zu trennen, was keine Kleinigkeit ist, weil es uns wohl dabei hilft, Gesichter und Objekte zu unterscheiden. Lesen verbessert zudem die Gedächtnisleistung und unsere Abstraktionsfähigkeit. Sich genauer mit diesen Effekten zu beschäftigen, ist deshalb erfrischend, weil sich viele Debatten über den Medienwandel in den letzten Jahren etwas erschöpft haben. Da sagen die einen, dass die Digitalisierung und insbesondere Social Media zwangsläufig zu Verdummung führten – und die anderen, dass auch das Buch, ja sogar die Schrift bei ihrer Einführung von Kulturpessimisten verteufelt worden sei, genau wie das Radio und der Fernseher. Das mag stimmen, nur funktioniert nicht jedes Medium nach den gleichen Regeln. Und wenn es einfach glücklich machen würde? In seinem Buch „Reading Matters: A History for the Digital Age“ (NYU Press), das in diesem Jahr auf Englisch erschienen ist, zeichnet der schwedische Theologe Joel Halldorf die Geschichte des Lesens anhand technischer Entwicklungen nach. Seine Disziplin spielt bei dieser Betrachtung keine geringe Rolle: Religionen werden von Ritualen geprägt, argumentiert Halldorf, genauso wie der Mensch und so auch sein Umgang mit dem Lesen. Das bedeutet, dass es nicht egal ist, wie und womit wir lesen. Halldorf sagt nicht, dass ein Medium besser ist als das andere, doch er plädiert dafür, sich bewusst zu machen, dass unser Leseverhalten sich mit jedem Medium ändert. Diese Gedanken sind nicht neu, Medientheoretiker wie Marshall McLuhan, auf den sich sowohl Halldorf als auch Marriott und Huettig beziehen, haben all das längst gewusst. Und doch ist es lohnenswert, die Wechselwirkung von Gesellschaft und medialem Wandel in einer Zeit nachzuvollziehen, in der das Lesen – und das Schreiben – sich radikal verändern. Ein Aspekt, der bei den zweifellos guten Gründen für das Lesen – Demokratieförderung, Hirntraining und so weiter – untergeht, ist der wohl banalste von allen: Lesen kann sehr glücklich machen. Die Frage ist nur, wie man das vermittelt. Müssen wir nur von der Freude des Lesens schwärmen, um es populärer zu machen? Der Pessimist James Marriott glaubt nicht daran. Dass Lesen Freude bereite, sei die Sicht eines Lesers. Realistischerweise müsse man feststellen: „George Eliot ist keine Konkurrenz für das iPhone.“ Dass Lesen anstrengend sei, dürfe man nicht leugnen: „Ich glaube, wenn Bücher eine Zukunft haben sollen, müssen wir gerade diese Schwierigkeit zu einem für sie sprechenden Argument machen.“ Er plädiert für mehr Puritanismus: zu lesen, weil es wichtig ist. Dass Pflicht aber nicht gerade sexy ist, zeigt die Schullektüre. In Bezug auf Sport hat diese Argumentation trotzdem teilweise funktioniert: Viel mehr Menschen als früher wissen, dass es gut ist, sich zu bewegen, und gehen regelmäßig ins Fitnessstudio. Auch das ist nicht immer angenehm. Warum scheint Gewichtestemmen dennoch eine so viel naheliegendere Anstrengung zu sein als die geistige Arbeit, die darin besteht, einen komplexen Text zu lesen? Sollten wir lesen als Sport begreifen, etwas, das wir tun, damit unser Gehirn nicht einrostet? So richtig überzeugend klingt das nicht. Genauso wenig andere Vergleiche: Gemüse essen wird oft erwähnt, am besten bio. Andere widersprechen: Lesen sollte nicht wie Gemüse essen sein, schreibt der Theologe Halldorf, eher wie Wein trinken. Nun ja. Besser trifft es vielleicht eine andere, besonders schöne Passage in Halldorfs Buch. Darin zitiert er zwei mittelalterliche Mönche, die Bücher kopieren. Der eine verzweifelt: „So wie die Kranken sich nach Gesundheit sehen, sehnt sich der Schreiber nach dem Ende dieses Bandes.“ Der andere aber vergleicht seine Freude bei der Arbeit mit der seiner Katze, wenn sie Mäuse fängt. Wie die Katze die Maus fasst man beim Lesen den Gedanken eines anderen und spielt damit. Man ist konzentriert, für sich und doch zu zweit. Sicher, dafür braucht es Mühe. Aber wenn es gelingt, wird das Lesen und Denken plötzlich spielend leicht.
