FAZ 03.12.2025
11:00 Uhr

Mathe-Chaos beim Triathlon: Warum der Vierzehnte gewinnt


Ein defekter Rundenzähler, Hilfe von ChatGPT, verblüffte Gesichter: Beim Triathlon in Dubai wähnte sich der Deutsche Mika Noodt schon als Sieger – und ist doch der erste Verlierer. Eine Glosse.

Mathe-Chaos beim Triathlon: Warum der Vierzehnte gewinnt

Der Zweite, so heißt es im Sport, ist der erste Verlierer. Aber manchmal ist der Zweite auch der Sieger – und der Erste nur der Zweite. Und manchmal, so wie hier, ist sogar der Vierzehnte der Erste und die ersten dreizehn sind allesamt Verlierer. Klingt absurd? Ist aber gerade passiert. Um das zu verstehen, müssen wir kurz nach Dubai blicken. Zum vorletzten Stopp der hochdotierten Triathlon-T100-Serie. Es war das Rennen des Jahres, keine Frage, eine Sportgroteske irgendwo zwischen Seifenoper und Fata Morgana. Dabei war das Drehbuch so schön geschrieben. Zwanzig der weltbesten Mitteldistanzler am Start, strahlende Sonne, 125.000 Dollar Preisgeld. Das Schwimmen funktionierte ohne Zwischenfall, was man im Nachhinein schon als kleines Wunder verbuchen muss. Aber dann stiegen sie aufs Rad. Acht Runden waren zu fahren, achtmal zehn Kilometer. Rechenprobleme vermasseln den Wettkampf Drei Mann fuhren vorn: der Neuseeländer Hayden Wilde, der Franzose Mathis Margirier und der Belgier Marten van Riel. Dahinter der Deutsche Mika Noodt, der sich an diesem Tag nicht ganz wohl fühlte und entsprechend abwartend fuhr. Als Noodt nach acht Runden gemeinsam mit dem Briten Sam Dickinson in die Wechselzone abbog, bot sich ihm ein überraschendes Bild: keine Räder, nichts. Die drei Führenden offenbar verschollen. Des Rätsels Lösung: Wilde, Margirier und Van Riel hatten die Ausfahrt verpasst und drehten eine neunte Runde. Dumm gefahren, könnte man sagen. Noodt, der angesichts seiner leichten Unpässlichkeit beim Laufen nur „cruisen“ wollte, entschied sich spontan um. Er hängte Dickinson ab, ehe ihn der Amerikaner Morgan Pearson überholte. Noodt war also Zweiter, als er in den Zielkanal abbog, nachdem die elektronische Anzeige „Go Finish“ signalisiert hatte. Erstaunlicherweise hing das Siegerband aber noch über der Ziellinie. Noodt lief durch, riss es hoch – und war baff erstaunt, warum von Pearson weit und breit nichts zu sehen war. Die Antwort: Der Amerikaner war draußen noch unterwegs, auf seiner achten Runde. Die Anzeige hatte ein Rechenproblem, Pearson nicht. Wie der Hase unter lauter Igeln Die Laufdistanz der T100-Serie beträgt 18 Kilometer, in Dubai exakt unterteilt in acht Runden zu je 2,25 Kilometern. Die Anzeige schickte die Athleten jedoch schon nach sieben Runden ins Ziel. Am Ende liefen nur vier offenbar mathematisch geschulte Athleten die korrekte Distanz. Die anderen sechzehn, inklusive Noodt, hatten sich auf die Anzeige verlassen. Pearson kam nach seiner Ehrenrunde als Vierzehnter ins Ziel und musste sich angesichts der dort schon versammelten Konkurrenz gefühlt haben wie der Hase unter lauter Igeln. Später wurde er doch noch zum Sieger erklärt. Eine Competition Jury tagte, bis es dunkel wurde. Ratlose Funktionäre blätterten in Regelbüchern und fragten bei ChatGPT nach, wie das Problem zu lösen sei. Nach fünf Stunden wurde schließlich verkündet, dass der Vierzehnte gewonnen hatte und der Erste Zweiter geworden war. Pearson vor Noodt. Gewertet wurde die Zeit nach der siebten Runde aller Teilnehmer. Auf dem Podium schließlich drei einsame Männer, die eher wirkten wie Reisende an einer verspäteten Gepäckausgabe als wie frisch gekürte Triathlon-Helden. Nächste Woche zieht der Tross weiter nach Qatar zum großen Finale der T100-Serie. Dann geht es in der Gesamtwertung um zwei Millionen Dollar Preisgeld. Mal schauen, wer gewinnt. Vielleicht zur Abwechslung mal der Erste.