Severin Freund hat als Skispringer den Gesamtweltcup in der Saison 2014/15, den Einzel-WM-Titel auf der Großschanze (2015) und die Skiflug-WM (2014) gewonnen. Zudem wurde er mit dem deutschen Team 2014 in Sotschi Olympiasieger. Im März 2022 beendete er seine Karriere. Seit 2023 ist der 37-Jährige als TV-Experte für das ZDF im Einsatz. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Severin Freund, Sie haben 2014 in Sotschi olympisches Gold gewonnen und stehen heute als ZDF-Experte an der Schanze. Wie sehr verändert dieser Rollenwechsel Ihren Blick auf den Sport – gerade in einer Phase, in der Skispringen stark unter Beobachtung steht? Es verändert vielleicht ein bisschen den Ort, von wo aus man draufblickt – und man hat dadurch einen offeneren Blick als zu der Zeit, in der man aktiv war. Die Spiele in Sotschi waren auch keine einfachen und keine alltäglichen Spiele. Da war genug dabei, was ich als skurril wahrgenommen habe. Bei uns im Team war schnell klar: Das Drumherum muss man links und rechts liegen lassen, wir konzentrieren uns aufs Sportliche. Dieses Sportfest, das man vorher vielleicht mit Olympischen Spielen immer in Verbindung gebracht hat – das wurde es eher nicht. Aber wir waren trotzdem da, um etwas zu holen. Vielleicht bieten die Winterspiele in Mailand–Cortina jetzt wieder die Möglichkeit, dass es ein großes Sportfest wird. Material spielt im Skispringen seit jeher eine große Rolle. Haben sich aus Ihrer Sicht eher die technischen Möglichkeiten weiterentwickelt oder die Bereitschaft, systematisch an die Grauzonen zu gehen? Materialdiskussionen gab es im Skispringen schon immer. Was sich vielleicht verändert hat: Das Reglement wird immer ausgefeilter. Es war oft so: Jemand hatte eine Idee, hat sich etwas einfallen lassen – und im Jahr darauf stand im Reglement: „Das darfst du nicht mehr.“ Dann musste man sich wieder etwas Neues einfallen lassen. Mittlerweile steht so viel im Reglement drin, dass bei jeder Sache erst mal gecheckt wird: „Darf der das?“ Das macht die Arbeit für die Teams komplexer. Grundsätzlich war und wird Material immer ein Thema bleiben. Auch das Thema Einheitsanzüge gab es schon mal, das ist zu meiner Zeit von der FIS (der Internationale Skiverband, d. Red.) schon getestet worden. Wir hatten in Courchevel circa im Sommer 2015 welche dabei, mit Einheitsstoff. Wir haben es ausprobiert, aber sie haben leider nicht funktioniert. Es ist auch nicht so, dass man als Athlet hingehen würde und sagen: „Das wollen wir auf keinen Fall.“ Wenn es gut funktionieren würde, würde das auch angenommen werden. Aber damals hat man festgestellt: Die Stoffe, die da kamen, machten nicht zwei, drei Meter Unterschied aus, sondern da hat der Sprung nicht mehr funktioniert. Deswegen wurde es wieder verworfen. Mittlerweile gibt es eine Beschränkung der Anzahl der Anzüge – das ist gut angenommen worden. Fakt ist aber auch: Was letztes Jahr in Norwegen passiert ist, in Trondheim – das war eine Dimension, die ich mir nicht vorstellen konnte. Da reden wir nicht mehr von Graubereichen, sondern da hat jemand das Reglement offensichtlich gelesen und sich trotzdem entschieden, etwas zu machen. Das war klar das Überschreiten der roten Linie. Wo verläuft aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen legitimer Optimierung und bewusster Manipulation? Das ist eine schwierige Frage. In Trondheim war es klar: Im Reglement steht eins zu eins drin, dass es keine Nahtverstärkungen geben darf. In vielen anderen Fällen ist es nicht so einfach. Es ist immer dann einfach, wenn man sich auf Zahlen verlassen kann: Gewicht, Luftdurchlässigkeit des Anzugs – solche Sachen sind super. Da steht eine Zahl, und die passt oder sie passt nicht. Beim Umfang des Anzugs wird es komplizierter, weil es sich um dehnbares Material handelt. Wenn du absolut sicher sein willst, dass du nicht in den Gefahrenbereich kommst, dann gehst du auch nicht ans Limit. Es ist ein bisschen wie in der Formel 1. Nur dass in der Formel 1 deutlich mehr Manpower dahinter ist, um alles zu überprüfen und das Regelwerk zu schreiben. Skispringen ist nicht Formel 1: Das alles ist mit Geld verbunden. Technische Lösungen – zum Beispiel ein 3D-Scanner – da könnte man mehr investieren, und das muss man wahrscheinlich in Zukunft auch. Aber es kostet eben. Fördert diese Komplexität Innovation oder lädt sie zum Tricksen ein? Zu Zeiten, in denen weniger festgelegt war, hattest du ein freieres Feld und konntest deutlich mehr ausprobieren. Jetzt, da mehr festgelegt ist, wird ganz genau gelesen und überlegt, was man noch machen darf und was nicht mehr. Ich glaube auch, dass die ganz großen Revolutionen im Skispringen schwerer zu erreichen sind. So etwas wie damals bei Simon Ammann bei den Olympischen Spielen 2010 mit seiner Stabbindung sehe ich nun nicht. Auch weil es mittlerweile Materialkataloge gibt, in denen alles drinstehen muss, wird so etwas deutlich schwieriger. Und irgendwann sind Ideen auch aufgebraucht. Das bringt aber auch wieder Feuer ins Spiel: Wenn alles auf einem ähnlichen Niveau ist, entscheiden die Details. Sie kennen beide Seiten: Kabine und Kommentatoren-Platz. Wie sensibel nehmen Springer heute das Thema Fairness wahr, auch im Vergleich zu Ihrer Generation? Da hat sich nichts verändert. Es gibt schon immer dieses Grundvertrauen: Man weiß, dass jeder alles gibt, und trotzdem geht man davon aus, dass die anderen nichts machen, was man selbst nicht machen würde. Dann kam das letzte Jahr – und das hat gezeigt, dass zumindest von einer Nation etwas gemacht wurde, was nicht zufriedenstellend geklärt wurde. Nach wie vor ist es für jeden, der den Sport betreibt, schwer nachzuvollziehen, warum nur drei norwegische Trainer und Betreuer beteiligt gewesen sein sollen und warum das erst zum Schluss der Weltmeisterschaft herausgekommen sein soll. Das sind alles so Sachen, bei denen du Fragezeichen im Kopf hast – wenn du selbst Athlet warst oder jetzt Athlet bist. Gleichzeitig merkst du: Die Leute versuchen, sich schnell wieder aufs Daily Business einzustellen. Du bist als Athlet darauf angewiesen, dass die Kontrollen nach bestem Wissen und Gewissen, mit viel Akribie, gemacht werden. Die Quote, wie viel kontrolliert wird – jetzt auch mit einem zusätzlichen Mann – hat sich erhöht. Mehr kannst du als Athlet nicht machen. Gewinnen die im Skispringen die Athleten, die am saubersten arbeiten oder die, die am Limit operieren? Mit dem besten Material der Welt gewinnst du keine Wettkämpfe, wenn du nicht gut springst. Das ist Fakt. Aber du brauchst konkurrenzfähiges Material, wenn du ganz vorne bestehen willst. Das ist genauso Fakt. Da ziehe ich gerne wieder den Vergleich mit der Formel 1: Da gewinnt auch nicht zwangsläufig immer das beste Auto oder nur der beste Fahrer, sondern der Mix. Die FIS setzt seit dem Trondheim-Skandal auf härtere Kontrollen und ein Kartensystem. Spüren Sie bereits eine abschreckende Wirkung im Weltcup-Alltag? Das merkt man, definitiv. Vor allem das System mit Gelben und Roten Karten greift. Wenn du am Wochenende durch eine Verwarnung eine Pause bekommst, ist das eine Bremse. Denn du weißt: „Wenn mir das noch mal passiert, verliere ich vier Wettkämpfe“. Das ist ein großer Einschnitt im Winter. Es gibt mittlerweile einen neuen Kontrolleur, den Österreicher Mathias Hafele, der das als Vollzeitjob macht – nicht nebenbei. Und er sagt: Er hatte viele Ideen, einen Großteil konnte er umsetzen, nicht alles. Er nimmt daher jetzt über die Saison Dinge auf, die noch nicht so sind, wie er sie gerne hätte und wo die Zeit nicht gereicht hat. Er hat aber schon deutlich gemacht: Das wird im nächsten Jahr und im Jahr darauf angegangen. Viele ehemalige Athleten – allen voran Sven Hannawald – sprechen von einem Imageschaden für den Sport. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Glaubwürdigkeit des Skispringens? Wenn im Sport so etwas mit diesen Dimensionen passiert, kann es kein Weiter so geben. Norwegen ist doppelt betroffen. Den Wettkampf Raw Air gibt es heuer nicht. Und Skispringen hatte dort schon zuvor nicht den allerbesten Stand. Zum Beispiel wurde der Abgang von Alex Stöckl, ein verdienter Trainer, der viel Erfolg geholt hatte, in der Öffentlichkeit nicht nur positiv aufgenommen. Dann kamen die Vorfälle in Trondheim dazu. Selbstverständlich ist das ganze Skispringen betroffen. Das beste Beispiel ist gerade unser Gespräch. Doch nicht nur die medialen Nachfragen sind mehr geworden, auch Fans und Sponsoren haken nach. Das ist vollkommen natürlich und gut. Bedenklich wäre eher, wenn das nicht so wäre.
