Es gibt nur wenige, die von sich sagen können, dass ihnen Václav Havel beim Coming-out geholfen hat. Martin Krafl gehört zu ihnen. Er war seit einigen Jahren Sprecher des tschechischen Staatspräsidenten, als ihn ein Boulevardjournalist in einem Prager Café kaltblütig erpresste. Er stellte Krafl vor die Wahl, der Zeitung, für die er schrieb, entweder kompromittierendes Material über schwule und lesbische Politiker und Künstler zu liefern oder vom Massenblatt geoutet zu werden. Dass es in der Tschechischen Republik homosexuelle Politiker und Künstler gab, wussten in den politischen und journalistischen Kreisen Prags viele. Ein offener Umgang mit der eigenen Sexualität war damals aber noch undenkbar. Geheimhaltung war das Gebot der Stunde, beruflicher Ruin die Gefahr, die jeder Betroffene fürchtete. Krafl sah daher keinen anderen Ausweg, als zu kündigen: „Ich war Experte für Krisenkommunikation, und auf einmal ging es um mich. Ich fühlte mich völlig verloren.“ Dann vertraute er sich dem Präsidenten an. Havel, von 1989 bis 2003 Bewohner der Prager Burg, erst als das letzte Staatsoberhaupt der Tschechoslowakei, dann als das erste der Tschechischen Republik, gab ihm Rückendeckung. „Er reagierte unglaublich“, sagt Krafl. Der Präsident schlug vor, auf einer Pressekonferenz solle ihm selbst die Frage gestellt werden, ob er schwul sei. Er würde die Frage dann bejahen. Das sei doch absurd, sagte ihm Krafl. Womit Havel ihn dort hatte, wo er ihn hatte haben wollen – beim Mut zur Haltung, auf die allein es ankommt, weil es egal ist, was andere sagen. Havels Verhalten gab Krafl die Kraft, den Erpressungsversuch ins Leere laufen zu lassen: Er hatte sein Coming-out auf einer ganzen Seite der Tageszeitung „Lidové noviny“. Havel habe immer gesagt, was zähle, sei das Leben in der Wahrheit, sagt Krafl: „Das hat er in meinem Fall bewiesen.“ Inzwischen ist der damalige Pressesprecher drei Berufsfelder weiter und bereitet mit dem Team „Czechia 2026“ vom Haus des Buches an der Frankfurter Braubachstraße aus den tschechischen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse vor. Zwischendurch war er Sprecher des tschechischen Fernsehens und Kulturdiplomat in Berlin, Zürich und Wien. Jetzt ist er die Ein-Mann-Vorausabteilung des Ehrengastteams, das sich während der Buchmesse im Oktober mit 75 Autorinnen und Autoren sowie zahlreichen Verlagen präsentiert, im Ehrengastpavillon und am tschechischen Gemeinschaftsstand, in zahlreichen Lesungen auf dem Messegelände und in der Innenstadt sowie einem reichhaltigen Begleitprogramm in zahlreichen hessischen Kulturinstitutionen. Noch fünf Wochen bis Messebeginn Am 10. August ist er in Frankfurt angekommen, mit 45 Kilogramm Übergepäck für zweieinhalb Arbeitsmonate. Das Leben aus dem Koffer ist ihm vertraut. Er wohnt in Brünn, seinem Arbeitsort, in Wien, von wo aus er noch immer Kulturtipps für die Hörer des Kultursenders „Vltava“ verfasst, in Leipzig, wo sein Partner lebt, und ab und zu in der Hauptstadt Prag, wo er Kollegen und Experten trifft. Nach Frankfurt komme er wie nach Hause, sagt er: Seit 2023 ist er alle zwei Monate für mindestens eine Woche zu Besuch gewesen, hat mit den Kollegen von der Buchmesse Kontakt gehalten und mit Museen Ausstellungen geplant. Er hat Routine. Diesmal aber war er beim Verlassen des Flugzeugs nervös. Vor ihm und den anderen 15 Mitgliedern des Teams, das von Tomáš Kubíček geleitet wird, dem Generaldirektor der Mährischen Landesbibliothek, liege das große Finale: „Mit meiner Ankunft fängt es an.“ Er hat eine Mietwohnung an der Kölner Straße, geht gerne am Mainufer und im Holzhausenpark spazieren und schätzt die Torten im Café Liebfrauenberg zwischen Hauptwache und Römer. Ein paar Ecken weiter hat er im Haus des Buches sein eigenes Büro. Es ist üblich, dass das Gastland des jeweiligen Messejahres eine kleine Dependance am Sitz des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Buchmesse aufmacht. Weniger üblich ist Krafls kurze Vorlaufzeit. Andere Ehrengäste sind mehrere Monate vor Messebeginn in Frankfurt präsent, im Fall der Tschechischen Republik reichten den Frankfurter Ausrichtern der Bücherschau aufgrund der guten Vorbereitung der Gäste die acht Wochen, die Krafl nun zur Verfügung stehen. Seit 2019 leitet er in Brünn und Prag das Tschechische Literaturzentrum, das tschechische Autoren, Bücher und Verlage im Ausland bekannt machen soll. Es ist Teil der Mährischen Landesbibliothek, der zweitgrößten des Landes, die seit zehn Jahren im Auftrag der Regierung in Prag die internationalen Auftritte der tschechischen Kultur und Literatur koordiniert. Die Entscheidung für die Provinz sorgte 2015 im hauptstadtlastigen Literaturbetrieb für Unruhe, aber der tschechische Gastlandauftritt auf der Leipziger Buchmesse des Jahres 2019 war so erfolgreich, dass seitdem alle mit der Entscheidung ihren Frieden gemacht haben. Am Leipziger Auftritt hatte Krafl entscheidenden Anteil. Kubíček, Generaldirektor der Bibliothek und des tschechischen Gastlandauftritts, hatte ihn 2017 aus Wien nach Brünn geholt: „Wir beide haben viel zusammen geschafft.“ Sprecher des tschechischen Fernsehens Geboren wurde Krafl 1971 im Erzgebirge. Als Kind sei ihm die Region fremd gewesen, sagt er: „Ich fühlte, ich war anders.“ Er wusste: „Diese Gegend wird nicht die sein, in der ein schwuler Mann leben kann.“ Sein Großvater sprach Deutsch mit ihm, was damals nicht gerne gesehen war, weswegen er dem Enkel sagte, er bringe ihm nun die „Sprache der Erwachsenen“ bei. „Der Plan meiner Familie war, dass ich Internationale Beziehungen und Diplomatie studiere, damit ich außer Landes gehen kann.“ Er selbst wollte Schauspieler werden. Dann kam, „zum Glück“, die „Samtene Revolution“ von 1989, und vieles wurde etwas leichter. Krafl ging nach Prag ins Studium, besuchte die Hochschule für Ökonomie und belegte an der Theaterfakultät der Akademie der Darstellenden Künste Rhetorik-Kurse. Über eine seiner Professorinnen, die den Staatspräsidenten kannte, erhielt der junge Mann, der Deutsch sprach, das „absurde Angebot“, auf die Burg zu kommen. „Ich habe das abgelehnt. Ich fand, ich sei zu jung.“ Schließlich ließ er sich aber doch dazu bewegen und äußerte nur noch die Bitte, nicht sofort auf englische Muttersprachler losgelassen zu werden. Am ersten Arbeitstag wartete auf ihn eine Delegation aus dem Buckingham-Palast. Er hat das alles überstanden, war für das Ehepaar Havel auch privat tätig, wollte sich aber beruflich weiterentwickeln und teilte den Havels zum Ausscheiden des Präsidenten aus dem Amt mit, dass er sich verändern müsse. Ein Jahr später wurde er Sprecher des tschechischen Fernsehens. Da hatte er fast alle seine beruflichen Bekanntschaften verloren, weil er plötzlich nicht mehr „wichtig“ war, und musste sich in einer Gesellschaft behaupten, die scharf in die Anhänger von Havel und Václav Klaus geteilt war. Krafl nahm eine Stelle beim Landeshauptmann von Mittelböhmen an, der auf der Klaus-Seite stand. Was sich als hilfreich erwies, als das Fernsehen sich einen neuen Generaldirektor wählte, der Krafl als Sprecher zu sich holte. Leipzig als Eintrittskarte für Frankfurt Die Jahre beim Fernsehen empfand Krafl aufgrund der gesellschaftlichen Polarisierung als schwierig und wechselte zu den tschechischen Kulturinstituten. Von 2007 bis 2011 leitete er das in Berlin, anschließend bis 2017 das in Wien, „meiner Lieblingsstadt“, zuständig auch für Zürich in der Schweiz. In seinem Leben seien oft Dinge passiert, die er nicht verstanden habe, sagt er: „Erst wenn ich zurückschaue, ist es ein Puzzle, in dem alles zusammenpasst.“ Zusammenpassen soll auch alles beim Gastlandauftritt, der sich unter dem Motto „Czechia. A Country on the Coast“ an das internationale Fachpublikum und deutsche Leser richtet, inspiriert durch Shakespeare, in dessen „Wintermärchen“ Böhmen am Meer liegt. „Die Leipziger Buchmesse war für uns die Eintrittskarte in den Frankfurter Wettbewerb“, sagt Krafl. Sie führte zu ersten Gesprächen. Aber ein Schaulaufen war es trotzdem: Für Frankfurt konkurrierte die Tschechische Republik mit zwei weiteren Ländern. Auch in der Corona-Pandemie blieben die Tschechen daher am Ball und ließen den Kontakt nicht abreißen. Im Oktober 2023 wurde der Vertrag für 2026 unterschrieben. Drei Jahre seien ausreichend, sagt Krafl: „Chile hat nur zwei Jahre, das scheint mir zu kurz. Ich glaube, unser Fall war optimal.“ Der Rest von Kubíčeks Team wird nach und nach zu ihm stoßen, die zehn Ausstellungen des Begleitprogramms haben mit „Samizdat – Worte der Freiheit“ im Museum für Kommunikation begonnen und laufen nach und nach weiter an, das Team für den Aufbau des Ehrengastpavillons und des Gemeinschaftsstands aber macht sich erst Anfang Oktober auf den Weg. Bis dahin hält Krafl die Stellung, bereitet vor, klärt Probleme, hält Verbindung zu allen Beteiligten. Mit Buchmessen kennt er sich auch abseits von Frankfurt und Leipzig aus, denn er ist Direktor von ENlit, einem Spitzenverband von Übersetzungsförderern aus ganz Europa, und daher ständig auf Bücherschauen zu Gast. Er beobachtet, wie rasch sie sich derzeit verändern. Vor der Pandemie habe es zum Beispiel in Frankfurt stets Fachbesucher gegeben, die angereist seien, um von Stand zu Stand zu gehen und Gespräche zu führen. Der Messetag sei zwar schon immer eng durchgetaktet gewesen: „Aber man musste stets damit rechnen, dass man noch jemand anderen sieht.“ Heute kämen nur noch die, die in den Slots der Terminpläne stünden. Die Fachbesucher würden weniger, gleichzeitig dächten die Verleger über jeden Quadratmeter Standgröße nach. „Messen, die sich als Festival der Leser verstehen, haben höhere Überlebenschancen“, sagt er. Sie hätten den Rückhalt des Publikums. „Die Frankfurter Buchmesse bleibt, ganz sicher.“ Etwa 100 Veranstaltungen wird es für das Publikum in der Messewoche geben: „Wir versuchen, dass jeder Autor mindestens zwei Auftritte hat, aber das klappt nicht immer.“ Nach Leipzig fuhren vor sieben Jahren nur 55 Schriftsteller mit, und es gab in der Stadt wegen „Leipzig liest“ mehr Orte, an denen sie auftreten konnten: „Hier in Frankfurt ist das schwieriger.“ 160 Übersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche erscheinen in diesen Wochen und Monaten. Bleibt nur die geringe Tschechien-Kenntnis der Hessen, auf die Krafl immer wieder stößt. Er hatte es schon mit Gesprächspartnern zu tun, die ihn fragten, ob Brünn zu einem österreichischen Bundesland gehöre. In Bayern und Sachsen sei das anders, sagt er, in Österreich sowieso. „Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind hier exotischer als die Philippinen“, sagt Krafl und lacht. Aber der Ehrengast 2025 kam beim Publikum bestens an. So wird es auch der Tschechischen Republik ergehen, dem Land am Meer.
