Es ließe sich wohl ein stattliches Instrument zusammenstellen aus all den Pfeifen, die gerade in der Orgelbauwerkstatt Klais versammelt sind. Sie lehnen an Wänden, lagern in Kisten, manche stecken schon in Windladen, auf denen sie zum Klingen gebracht werden. Deckenhohe Exemplare aus Metall oder Holz sind darunter und solche, die nicht größer sind als eine Blockflöte. Viele passen ins Bild, das jeder Kirchenbesucher von einer Orgel im Kopf hat. Andere sind von einer Art, die selbst Organisten nicht so oft zu Gesicht bekommen – zum Beispiel die durchschlagende Acht-Fuß-Klarinette, eine Zungenstimme mittlerer Tonhöhe mit weichem Klang, typisch für deutsche Orgeln aus der Zeit der Spätromantik. „Ich habe die Werkstatt noch nie so voller Pfeifen erlebt“, sagt der Intonateur Jakob Wieser, als er den Besucher durch den Betrieb führt. Augenscheinlich ist die Johannes Klais GmbH & Co. KG momentan gut ausgelastet. Deutschlands bekannteste Orgelbaufirma fertigt neue Instrumente und restauriert oder rekonstruiert historische, etwa für die Laeiszhalle, das alte Hamburger Konzerthaus. Für die dortige Orgel sind die mächtigen Schallbecher eines 16-Fuß-Zungenregisters bestimmt, das in einer hohen Halle auf seine Auslieferung wartet. Die längste dieser hölzernen Pfeifen misst an die fünf Meter. Mehr als doppelt so lang wäre das Subkontra-C eines 32-Fuß-Prinzipals. Als Prunkstück der Schauseite des Instruments, Prospekt genannt, ist solch eine Pfeife nur an wenigen großen Orgeln zu sehen. Solch ein Koloss würde nicht in der Bonner Werkstatt fertiggestellt, zu leicht könnte die weiche Zinnlegierung beim Transport beschädigt werden. „Wir würden die Einzelteile an Ort und Stelle zusammenfügen“, erklärt Wieser. Einen derartigen Register-Riesen bekommt die Orgel der Laeiszhalle nicht. Wohl aber findet er sich in einem viel berühmteren Instrument, das derzeit von Klais instand gesetzt wird. Von ihm wird später noch die Rede sein. Wo einst Claudio Monteverdi wirkte Nicht wegen dieses Projekts hat Geschäftsführer Philipp Klais zum Besuch in seinem Betrieb eingeladen, sondern wegen eines anderen Vorhabens, das für ihn ebenso prestigeträchtig ist: Zusammen mit der italienischen Werkstatt Zanin wird Klais die Orgelanlage der Basilika San Marco in Venedig neu gestalten; am Dienstag sind die Pläne offiziell vorgestellt worden. Der im Jahr 1094 vollendete Markusdom ist nicht nur eine der größten Touristenattraktionen Italiens, sondern seit jeher ein Zentrum geistlicher Musik – der berühmteste Kapellmeister, der dort wirkte, war Claudio Monteverdi. Dieser Tradition machen die dortigen Orgeln in ihrem jetzigen Zustand allerdings wenig Ehre. Es handelt sich um zwei Instrumente auf Emporen über dem Altarraum, mit historischen Pfeifen von 1766. Das größere der beiden, das auch noch Register eines englischen Orgelbauers von 1893 enthält, wurde 1972 umgebaut und mit einem bemerkenswert unansehnlichen Prospekt versehen. Auch klanglich genügt diese Orgel modernen Ansprüchen nicht mehr. Klais und Zanin wollen das wertvolle Material aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten und es behutsam um neue Register ergänzen. Diese werden neben respektive hinter die alten Pfeifen gestellt; einige der modernen Stimmen – darunter die tiefsten Basspfeifen – sollen Platz auf den Emporen des Querhauses finden. An der Hauptorgel wird ein Zentralspieltisch mit vier Manualen aufgestellt, von denen aus die neueren Teile der Orgel angesteuert werden. Die Register von 1766 hingegen können nur von Klaviaturen zum Klingen gebracht werden, die direkt an den Orgelgehäusen angebracht sind. Dort können sich dann wieder zwei Organisten musikalische „Duelle“ liefern, wie es seit jeher in San Marco Brauch war. Insgesamt wird die Anlage 61 Register mit zusammen rund 4500 Pfeifen umfassen. Für ein Gotteshaus in der Größe von San Marco sind das vergleichsweise bescheidene Dimensionen. Ein Blick auf die Registeraufstellung, die Disposition, lässt ebenfalls manches vermissen, was etwa in einer deutschen oder französischen Kathedralorgel zu erwarten wäre. Es fehlt zum Beispiel eine 32-Fuß-Bombarde, ein Zungenregister, das beim Fortissimospiel für imposantes Grollen sorgt. Auch die in modernen Großorgeln so beliebten, besonders klangkräftigen Horizontaltrompeten und Hochdruckregister fehlen. „Dieses Instrument ist nicht darauf ausgelegt, die lauteste Orgel Italiens zu werden“, sagt Philipp Klais. Stattdessen soll das Werk seine altitalienischen Merkmale, aber auch die spätromantischen Elemente bewahren, die 1893 hinzugefügt wurden. Während der romantische Orgelbau vor allem in Deutschland und dem angelsächsischen Raum danach strebte, ein Symphonieorchester zu imitieren, galt in Italien seit jeher die menschliche Stimme als das Ideal, dem klanglich nachzueifern sei. Am deutlichsten bringt dies ein Register namens „Voce umana“ zum Ausdruck, das auch in der neuen San-Marco-Orgel zu finden sein wird: eine Reihe von Pfeifen in mittlerer, also Acht-Fuß-Tonlage, die etwas höher gestimmt sind als die übrigen Pfeifen der Orgel. Werden sie zusammen mit einem normalen Prinzipalregister ähnlicher Bauart gezogen, ergibt sich ein sanft auf- und abschwingender Ton, eine Schwebung. Italien gilt als Ursprungsland dieses Registertyps, der später als „Vox coelestis“ oder „Unda maris“ auch nördlich der Alpen Verbreitung fand. Kein Blickfang, der die Architektur stört Dezent wird auch der optische Auftritt der San-Marco-Orgel sein. Der geplante Freipfeifenprospekt des Hauptinstruments wirkt harmonischer als sein Vorgänger, ist mit seinen 16-Fuß-Pfeifen, die auf den Visualisierungen kleiner aussehen, aber auch alles andere als monumental. Überhaupt wird die Orgel für die Besucher des Doms kein Blickfang werden – und das soll sie auch nicht. Größere Eingriffe in die Architektur der goldenen Basilika mit ihren prachtvollen Mosaiken, etwa das Zustellen größerer Fenster, verbieten sich angesichts des Denkmalcharakters von selbst. Auch eine ebenerdige Aufstellung des Werks kam nicht infrage, wie Philipp Klais deutlich macht. Sein Vertrauen in die Fluttore, die Venedig vor Überschwemmungen schützen sollen, hat Grenzen. Etwa drei Jahre wird es nach Schätzung des Orgelbauers dauern, bis die Anlage fertig ist. Während Klais sich vor allem um die modernen Ergänzungen kümmert, obliegt die Restaurierung der Pfeifen von 1766 Zanin. Das Unternehmen, 1827 gegründet, ist nach eigenen Angaben die älteste noch aktive Orgelbauwerkstatt Italiens. Ihre Tradition reicht damit weiter zurück als jene der Firma Klais, die seit 1882 in Bonn ihrem Handwerk nachgeht. Wie sehr der Begriff „Handwerk“ hier angebracht ist, wird dem Besucher bei einem Rundgang durch die Klais’schen Räume schnell bewusst. Obwohl das Unternehmen Orgeln auf der ganzen Welt baut, hat sich sein Werksgelände, nicht weit von der Bonner Innenstadt entfernt, den Charme einer Hinterhofmanufaktur bewahrt. Draußen im Holzlager stapeln sich Bretter von Eiche, Fichte, Tanne und Ahorn, aus denen Pfeifen, Windladen und andere Bauteile gefertigt werden. Drinnen wirkt eine CNC-Maschine zum Bohren der Windladenlöcher schon wie der Gipfel der Innovation, während ansonsten vielerorts mit Werkzeugen von der Art gearbeitet wird, wie sie schon vor Jahrhunderten die Altmeister der Orgelbaukunst zu handhaben wussten. „Das kann man nicht aus Büchern lernen“ In einem Schmelzofen, der aus den Fünfzigerjahren stammt und nicht größer ist als ein Gaststättenherd, werden die Legierungen für die Metallpfeifen gemischt. Zinn und Blei sind die wichtigsten Zutaten, auch Kupfer, Antimon und Bismut können verwendet werden und sogar das von Organisten bisweilen als „Dachrinnen-Baustoff“ geschmähte Zink, dessen Einsatz nach Worten des Intonateurs Wieser in bestimmten Fällen seine Berechtigung hat: Zink sei leichter als Blei und daher für bestimmte Pfeifenkonstruktionen besser geeignet. Ist die Legierung geschmolzen, wird sie mit dem Gießschlitten zu einem langen Blech ausgezogen – ein Arbeitsschritt, der viel Erfahrung erfordere, sagt Wieser. „Das kann man nicht aus Büchern lernen.“ Danach wird das Metall zugeschnitten und zur Pfeife gestaltet, die auf der Windlade eingepasst, gestimmt und gegebenenfalls auf Hochglanz gebracht werden muss, wenn sie die Schauseite der Orgel zieren soll. Sodann wartet die Pfeife im Klais’schen Lager auf den Transport, wie die vielen anderen, die entweder neu gefertigt oder restauriert wurden. Damit nicht am Ende ein Werkstück in der falschen Orgel landet, ist sorgfältige Beschriftung essenziell, wie Wieser deutlich macht. An einer mannshohen Metallpfeife, die an der Wand lehnt, hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Passau Dom HO: Großprinzipal 8’“. Diese Pfeife gehört zu Europas größter Orgel, die derzeit von Klais und der Berliner Werkstatt Karl Schuke generalsaniert wird. Klais kümmert sich dabei um die Hauptorgel, schon für sich genommen ein riesiges Instrument. 2028 soll das Projekt abgeschlossen sein. Es heißt, nach der Modernisierung solle die gesamte Orgelanlage mehr als 22.500 Pfeifen haben. Würde sie damit den Titel „Größte Kirchenorgel der Welt“ zurück nach Deutschland holen? Bisher gebührt Ranglistenplatz eins dem Instrument in der Kapelle der US-Militärakademie West Point: Je nach Quelle hat es zwischen 21.600 und 23.500 Pfeifen. Begeistert von Konzert im Kölner Dom Philipp Klais kann mit solchen Superlativen nichts anfangen. „Die Pfeifenzahl hat für uns null Relevanz“, sagt der Orgelbauer. Für ihn kommt es darauf an, dass das Klangkonzept stimmig ist, ob in San Marco oder im Passauer Dom. Im letzteren Fall erscheint es ihm mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Instruments gerechtfertigt, einige „amerikanische“ Register von großer Klangkraft hinzuzufügen. Wichtiger als maximale Lautstärke ist ihm aber, eine Einheit von Raum und Instrument zu schaffen, die im Gottesdienst die Menschen ebenso bewegt wie im Konzert. Begeistert hat ihn im vergangenen Sommer der Auftritt der britischen Organistin Anna Lapwood im Kölner Dom: An die 13.000 Menschen wollten die junge Musikerin hören, sie spielte ihr Konzert zweimal, und trotzdem fanden nicht alle, die gekommen waren, Platz in der Kathedrale. Lapwood habe die Möglichkeiten der von seiner Firma erbauten Domorgeln „extrem gut“ genutzt, findet Klais. Besonders gefreut hat ihn, dass das Publikum im Durchschnitt deutlich jünger gewesen sei als sonst bei Orgelkonzerten üblich. Das mache ihm „total viel Hoffnung“ für die Zukunft der Orgelmusik. Für die Kathedrale in der Nachbarstadt hat Klais im Übrigen ein weiteres Werk in Arbeit: einen Neubau der Orgel in der Marienkapelle, in der die meisten der täglichen Gottesdienste des Kölner Doms stattfinden. Das 18-Register-Werk wird auf einer Hebebühne installiert werden, um außer der Marienkapelle auch den Hochchor des Doms beschallen zu können. Im Sommer soll es fertig sein. Es wird einen fahrbaren Spieltisch bekommen, von dem aus nicht nur das neue Instrument, sondern die gesamte Orgelanlage der Kathedrale zum Klingen gebracht werden kann. 12.408 Pfeifen werden der Kölner Dommusik dann zu Diensten stehen, so hat es ein Orgelenthusiast für seine Website errechnet. Philipp Klais wird es nicht nachgeprüft haben. Er hat Besseres zu tun.
