Aus zwei Gründen, bemerkte vor einigen Jahren der britische Philosoph Bernard Williams, seien moralphilosophische Publikationen besonders riskant: zum einen wegen der Unzulänglichkeit der eigenen Einsicht und zum anderen wegen der Tendenz, die Leserschaft in die Irre zu führen. Der ersten Gefahr, stellte er fest, „sind sehr wenige Autoren entgangen, der zweiten hingegen sehr viele, und zwar dadurch, dass sie es einem entweder unmöglich machen, sie ernst zu nehmen, oder sich strikt davor hüten, irgend etwas Wichtiges zu schreiben, oder beides miteinander kombinieren“. Dem moralphilosophischen Entwurf von Markus Gabriel wird man diesen Vorwurf kaum machen können. Er ist überreich an Themen und Thesen, greift in viele Bereiche der theoretischen und praktischen Philosophie und ihrer Geschichte aus, um der Stellung der Moral im Konzert der Kulturen gerecht zu werden. Vor dem Hintergrund fernöstlicher Lehren und antiker Positionen führt Gabriel einen kritischen Dialog mit Kant und seinen Erben sowie deren utilitaristischen Widersachern. Ein Kessel Buntes? Reduktionistische Anwandlungen jedweder Couleur werden verworfen, die Instanz des Gewissens wird rehabilitiert und ein moralischer Universalismus verteidigt, der mit der Pluralität und Diversität von Lebensarten kompatibel ist. Eine Theorie der Willensfreiheit verdeutlicht, warum Selbstbestimmung das höchste Gut der Menschen ist; eine „neue Aufklärung“ wird ins Auge gefasst, die zu einem progressiven Gang der Geschichte in Richtung eines „ökosozialen Liberalismus“ beitragen könnte, der es sich mit der Religion nicht verscherzen muss. Beispielshalber wird die aktuelle Weltlage kommentiert und gegen einen haltlosen „Meinungsjournalismus“ ausgeteilt, was den Verfasser nicht hindert, seinerseits Rat für den Umgang mit den kurrenten gesellschaftlichen Krisen zu erteilen. Derart in Schwung geraten, mündet das Buch in das Manifest eines „demokratischen Kapitalismus“, der, wenn es ihn gäbe, die Menschheit einer versöhnenden Vereinigung von personaler Würde und kollektiver Freiheit nahebringen würde. Einen bloßen Kessel Buntes ergeben diese vielfältigen Ausgriffe und wechselnden Stilebenen des Buches allerdings nicht. Denn sie alle kreisen um eine realistische Deutung des Charakters moralischer Normen: um die, wie der Autor es sieht, Tatsache, dass diese Normen Tatsachen sind. Hierin liegt eine gehörige Provokation, da Normen nach überwiegender philosophischer Ansicht keine Tatsachen, sondern Tusachen sind: eine Sache des Sollens und nicht des Seins. „Moralische Tatsachen“ – der Normen in Tatsachen verwandelnde Buchtitel stellt diese Ordnung der Dinge infrage. Mit seiner sprachlichen Umstellung unterstreicht Gabriel zum Einen, dass moralische Urteile uneingeschränkt wahrheitsfähig sind: „Gut“ und „böse“ sind Fälle von „wahr“ und „falsch“. Zum anderen macht er geltend, dass moralische Tatsachen, sosehr sie die Menschen in Verantwortung nehmen, Teil der objektiven, nicht vom Menschen gemachten Wirklichkeit sind: Ihr „Sollen ist selbst ein Sein“. Damit wendet der Autor sich sowohl gegen einen moraltheoretischen Anti-Realismus, der in der Moral nichts als Menschenwerk am Werk sieht, als auch gegen einen „altbackenen“ Realismus, der die Moral gänzlich in einer außermenschlichen Sphäre verortet. Der „neue Realismus“, dem sich Gabriel insbesondere in seinem Werk „Sinn und Existenz. Eine realistische Ontologie“ verschrieben hat, verfolgt einen dritten Weg. Ihm zufolge sind Gegenstände und Gegenstandsbereiche nur zusammen mit Arten ihres Gegebenseins gegeben, woraus sich eine Pluralität von „Sinnfeldern“ eigenen Rechts ergibt, die je für sich zu analysieren sind – so auch das Feld der Moral. Das Handeln kann jederzeit ins Böse umschlagen Tatsachen spielen hier eine deutlich andere Rolle als in den Naturwissenschaften oder bei dem Bau einer Bahntrasse, auch wenn der Grundbegriff gleich bleibt. Tatsachen, sagt Gabriel unter Hinweis auf Gottlob Frege, sind Inhalte wahrer Sätze. Ein Behauptungssatz ist wahr, wenn es sich so verhält, wie der Satz es sagt. Ist der Satz wahr, dann ist es eine Tatsache, dass es sich so verhält – und das unabhängig davon, ob erkenntnisfähige Wesen erkannt haben oder erkennen können, dass es so ist. Vor diesem Hintergrund wendet sich Gabriel der Besonderheit moralischer Tatsachen zu. Er versteht diese als Instanzen der ethischen Bewertung von Handlungen und Handlungsgründen. Im Anschluss an Kants berühmte Formel, „Handle so, daß du die Menschheit in sowohl deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals nur als Mittel brauchest“, wird der Leitbegriff des Buches definiert: „Eine Tatsache ist dann moralisch, wenn sie davon handelt, was eine Person in einer Situation tun bzw. unterlassen soll – und zwar lediglich, sofern sie ein Mensch ist“ – ein Mensch, der zur Selbstbestimmung fähig ist, deren Ausübung er allen anderen Menschen zugestehen muss. Das klingt konventionell, wird aber von Gabriel mit ontologischer Verve neuartig ausgelegt. Dass eine Norm gültig ist, bedeutet nunmehr, in einer erneuten Abweichung vom üblichen Sprachgebrauch, „dass die Tatsache besteht, dieses und jenes zu tun“. Solche Tatsachen „handeln von uns, wir sind Teil ihres Inhalts“. Denn moralische Tatsachen haben eine Appellstruktur. Sie sind „adressaten-spezifisch“ auf die Akteure bezogen, an die sie sich richten und denen gegenüber sie sich „gleichsam aktiv melden“. Ihre „logische Form“, heißt es an einer Stelle, „ist gleichsam ein Schrei“ wider die Versuchungen der Unmoral. Auch wenn der Gebrauch der sozialen Freiheit jederzeit ins „Böse“ umschlagen könne, sei das menschliche Tun und Lassen in seiner „gesamten Wirklichkeit in die moralischen Tatsachen integriert“. Gegen seine Hauptgegner, die erkenntnis- und moraltheoretischen Antirealisten, zu denen er unter anderen Jürgen Habermas, Rainer Forst und Rahel Jaeggi rechnet, wendet Gabriel ein, dass die moralischen Tatsachen nicht von ihren Adressaten hervorgebracht, konstruiert oder auf die Handlungswelt projiziert worden sind. „Wir sorgen nicht dafür, dass die moralischen Tatsachen bestehen, wir konstruieren nicht ihre Wahrheit, sondern tragen nur zu ihrem Inhalt bei.“ Die Maßstäbe der Moral liegen demnach zeitlos fest. Die gesellschaftsbildenden Hervorbringungen der Menschen, sosehr sie ihre Lebensformen erweitern und bereichern, bringen nicht „Wirklichkeit, Wahrheit, Tatsachen allererst ‚in die Welt‘“, sondern beruhen auf ihnen. Tatsachen, die handeln, Meldung machen, schreien und reflektieren Die Wirklichkeit selbst ist dabei nach Gabriel keineswegs untätig. Denn „in Tatsachen handelt die Wirklichkeit von sich selbst. Die Wirklichkeit ist selbstbezüglich, auch wenn keine Subjekte auftreten, die diese Selbstbezüglichkeit verkörpern.“ Auch wo Subjekte evolutionär auftreten, werden Gut und Böse weder erfunden noch konstruiert, sondern entdeckt und erfasst. Wie sehr auch die moralischen Tatsachen auf ihre Anerkennung durch die Menschen bezogen sind, sie selbst bestehen anerkennungsunabhängig. Ihre Existenz hängt nicht von Art und Grad ihrer Berücksichtigung durch Subjekte und Kollektive ab. Werden sie aber berücksichtigt, wie es Gabriel zufolge im menschlichen Miteinander weithin, wenn auch keineswegs durchgängig geschieht, so verwirklichen die Handelnden „etwas, was zeitlos wahr ist“. Woraus folgt: „Als geschichtliche Wesen haben wir einen Ort außerhalb der Geschichte.“ Tatsachen, die handeln, Meldung machen, schreien und reflektieren; Personen, die im Zeitlosen heimisch sind: Dieser philosophische Realismus hat surrealistische Züge. „Wie kann moralischer Fortschritt“, so fragt sich der Autor, „einerseits als historischer Vorgang und andererseits als Tatsachenerkenntnis verstanden werden?“ Gabriel will die Bedingtheit des situativen Tuns und Lassens mit der Unbedingtheit des moralisch Geforderten vermitteln. Das wird so gedacht werden, dass die Entdeckung der zeitlosen, im Sein verankerten moralischen Normen mit ihrer sukzessiven Anerkennung in Raum und Zeit einhergeht. Allein auf diesem Weg könne die Wahrheitsfähigkeit moralischer Urteile theoretisch gesichert werden. Diese Konstruktion aber geht an der geschichtlichen Wirklichkeit moralischer Normativität vorbei, was den neuen Realismus mit einem empfindlichen Mangel an Realismus versieht. Auch kann man bestreiten, dass Tatsachen überhaupt zum Inventar der Welt gehören; Tatsachen sind abstrakte Gegenstände, die auf existierende Gegebenheiten und Begebenheiten verweisen, aber selbst keine solchen Vorkommnisse sind. Um Tatsachen zu schaffen oder zu verändern, kann man nicht mit Tatsachen hantieren, sondern muss in die Welt eingreifen. Ebenso lässt sich bezweifeln, dass die Währung der Wahrheit jenseits der Landesgrenzen der Humanitas Gültigkeit hat. Wahrheit ist eine Tugend von Darstellungen; wo es diese nicht gibt, gibt es jene nicht. Für die Moral und ihre Theorie bedeutet das, dass sie mit den menschlichen Bordmitteln auskommen muss. Die Grundsätze der Moral sind nicht in den Akten des Seins hinterlegt; sie sind historisch entstanden und haben seither immer wieder auf dem Prüfstand gestanden. Das für die Menschen Gute, die Ermöglichung und der Schutz selbstbestimmten Lebens, bleibt unter dem Druck historischer Erfahrung bis ans Ende der Tage auslegungsbedürftig. Für ein zeitloses Ein-für-alle-Mal ist hier kein Platz. Den Wahrheitsanspruch moralischer Urteile relativiert das nicht. Gerade in dilemmatischen Konflikten, deren Existenz Gabriel leugnet, manifestiert sich, was im Bemühen um das richtige, von wahren Einschätzungen getragene Handeln auf dem Spiel steht. Deshalb ist es ein Wahrzeichen moralischen Bewusstseins, solche Situationen erkennen zu können und angesichts ihrer dennoch nicht die Hände in den Schoß zu legen. Wie bei anderen gravierenden Problemlagen sind hierbei Abwägungen verlangt, bei denen sich Entdecken und Erfinden in Praxis und Theorie oft genug die Waage halten. Ein entsprechender Pragmatismus projiziert nichts auf eine normativ indifferente Welt und stülpt ihr nichts über, wie Gabriel behauptet, sondern nimmt es inmitten der moralisch und anderweitig gedeuteten Wirklichkeit mit der Frage nach dem Rechten und Gerechten auf. Ein unruhiger Geist wie Markus Gabriel aber ist immer für Überraschungen gut. Durch seinen weiten Blickwinkel enthält das Buch eine Reihe überzeugender Analysen, die nicht von den systematischen Prämissen des Autors abhängig sind – so etwa zur Unmöglichkeit einer Ableitung moralischer Urteile von allgemeinen Prinzipien, zu einem nichtlinearen Verständnis moralischen und politischen Fortschritts. Selbst dies jedoch wird im Gestus der unerschütterlichen Gewissheit vorgetragen, dass ontologische Wende und neuer Realismus in allen Bereichen den Königsweg des gegenwärtigen Philosophierens ausmachen. Bernard Williams hätte wohl angemerkt, dass auch die Ausschilderung einer alternativlosen Route ins theoretische Glück das Publikum in die Irre führen kann. Markus Gabriel: „Moralische Tatsachen“. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können. C.H. Beck Verlag, München 2025. 463 S., geb., 36,– €.
