FAZ 16.01.2026
17:57 Uhr

Mark Carney in Peking: Trump bringt Kanada und China wieder näher zusammen


Seit Trump die internationale Ordnung zerlegt, will sich Kanada neu aufstellen – und vereinbart mit Peking eine deutliche Annäherung in Handelsfragen.

Mark Carney in Peking: Trump bringt Kanada und China wieder näher zusammen

Acht Jahre lang war kein kanadischer Ministerpräsident mehr in Peking, und schlechter konnten die bilateralen Beziehungen kaum sein: Verhaftungen, Wahleinmischung, Spionage, Sanktionen, Gegensanktionen und Strafzölle prägten das Verhältnis zwischen China und Kanada. In Sicherheitsfragen bleibt das meiste davon ungelöst. Seit Donald Trump aber Freund und Feind umstößt, ist doch alles anders: Von einer „neuen Phase positiver Dynamik“ zwischen Kanada und China sprach Xi Jinping, als er Kanadas Ministerpräsident Mark Carney am Freitag in der Großen Halle des Volkes empfing. Carney wiederum erklärte in Peking: „Die Fortschritte, die wir in dieser Partnerschaft erzielt haben, bilden eine gute Grundlage für die neue Weltordnung.“ Wie diese „neue Weltordnung“ aussehe, wollte Carney später auf Nachfrage der Presse nicht weiter skizzieren. Die Welt sei noch dabei, zu bestimmen, wie diese Ordnung aussehen werde, sagte er. Doch werde das bisherige multilaterale System „ausgehöhlt oder untergraben“. Die Annäherung ausgerechnet des US-amerikanischen Nachbarlandes Kanada an China ist ein Gewinn für Xi. Seit der US-Präsident die internationale Ordnung zerlegt und auch Kanada etwa mit Zöllen nicht ausspart, will Carney Kanada geopolitisch anders aufstellen. Es gehe darum, so Carney, „unsere Wirtschaft, die von einem einzigen Handelspartner abhängig ist, zu einer Wirtschaft zu transformieren, die stärker und widerstandsfähiger gegenüber globalen Schocks ist.“ „Stabiler als mit anderen Ländern“ Außenministerin Anita Anand wurde genauer: Es sei „notwendig“, den Handel außerhalb der USA „in den nächsten zehn Jahren um mindestens 50 Prozent zu steigern“. Dass sich Kanada strategisch von den USA wirklich wegbewegt, glaubt man indes auch in China nicht. Schließlich ist das Handelsvolumen Kanadas mit den USA zuletzt mehr als zwölf Mal so groß gewesen wie das zwischen Kanada und China. Doch vereinbarten Peking und Ottawa eine deutliche Annäherung in Handelsfragen. Carney erklärte, dass Kanada bis zu 49.000 chinesische Elektroautos nicht mehr mit dem bisher geltenden Einfuhrzoll von hundert Prozent, sondern fortan nur noch mit sechs Prozent belege. Das ist ein Bruch mit den USA, mit denen Kanada die hundert Prozent im Gleichklang verhängt hatte. Carney sagte, im Gegenzug werde China vom ersten März an Zölle auf kanadischen Raps von achtzig auf 15 Prozent senken und Einfuhrbeschränkungen auch gegen andere Produkte der kanadischen Landwirtschaft aussetzen. Mit einem Seitenhieb gegen die Vereinigten Staaten sagte Kanadas mitgereiste Industrieministerin Melanie Joly vor Journalisten: „Die Gespräche hier waren vorhersehbarer und stabiler als manchmal mit anderen Ländern, einschließlich unseres Nachbarn.“ Mehr Energieträger aus Kanada Denn auch China muss seine Außenbeziehungen neu austarieren. Nachdem die USA den venezolanischen Staatschef gestürzt haben, sind Öllieferungen von dort nach China vorerst ausgesetzt worden. Dabei handelt es sich zwar um weniger als fünf Prozent der chinesischen Öl-Gesamteinfuhren. Passend dazu aber soll Schweröl aus kanadischen Ölsanden mit dem venezolanischen Öl kompatibel sein. Energieminister Tim Hodgson sagte jetzt in Peking nach Treffen mit chinesischen Ölfirmen, China wolle mehr Energieträger aus Kanada kaufen. Peking wiederum gab schriftlich bekannt, man wolle „die Kooperation bei der Erschließung traditioneller Energieressourcen wie Erdöl und Erdgas intensivieren“. Der Politikprofessor Shi Yinhong von der Renmin-Universität in Peking ist dennoch skeptisch. „China kann aufgrund der politischen Veränderungen in Venezuela zwar zusätzliche Ölmengen aus Kanada beziehen“, sagte Shi der F.A.Z. „Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass dies nicht von Dauer sein wird“, so der Professor: „Sowohl Kanada als auch China befürchten, dass Trump Druck ausüben könnte, weil dadurch der amerikanische Ölexport beeinträchtigt würde.“ Keine Annäherungen in der Sicherheitspolitik Doch zumindest propagandistisch profitiert China schon jetzt. Die Chinesen präsentieren sich als verlässlicher Anker in einer turbulenten Welt. So pries Außenminister Wang Yi Carneys Besuch als „von entscheidender und symbolischer Bedeutung für die bilateralen Beziehungen“. So wie das NATO-Mitglied Kanada bestrebt ist, seine Außenbeziehungen auszubalancieren und dabei auch die Beziehungen zu China zu verbessern, empfängt der Staats- und Parteichef dieser Tage zahlreiche westliche Regierungschefs. Anfang Januar kam Südkoreas Präsident Lee Jae-myung nach Peking, Ende Januar soll der britische Premierminister Keir Starmer kommen, und auch Bundeskanzler Friedrich Merz wird demnächst erwartet. Zeitlich fällt das in die übliche Besuchssaison in Peking. In der Sicherheitspolitik jedenfalls sind Annäherungen kaum zu erwarten. Und auch für Kanada bleibt China eine Bedrohung der Sicherheit. Ottawas Inlandsgeheimdienst kam zum Schluss, dass China in die beiden vergangenen kanadischen Unterhauswahlen „eingegriffen“ habe. Im Wahlkampf letztes Jahr hatte Carney China noch als Kanadas größte Sicherheitsbedrohung bezeichnet.