FAZ 20.12.2025
13:31 Uhr

Marion Cotillard im Interview: „Als ich Frozen sah, kannte ich das Andersen-Märchen gar nicht“


Marion Cotillard interpretiert im Kino das Märchen der „Schneekönigin“ neu. Hier erzählt sie, weshalb sie sich selbst nicht für eine Diva hält und warum Instagram sich verschlechtert hat.

Marion Cotillard im Interview: „Als ich Frozen sah, kannte ich das Andersen-Märchen gar nicht“

Wer Marion Cotillard interviewen möchte, muss Geduld mitbringen. Die französische Oscar-Gewinnerin („La vie en rose“) ist dafür bekannt, dass sie zu Presseterminen gerne mal mit einer Verspätung von 60 und mehr Minuten auftaucht. Eine Diva sei sie trotzdem nicht, sagt die Fünfzigjährige, die auch wegen Filmen wie „Inception“ und „Asterix & Obelix im Reich der Mitte“ bekannt ist und im Juni nach 18 Jahren die Trennung von Guillaume Canet, dem Vater ihrer Kinder, bekannt gab. Wir sprachen mit ihr zur Weltpremiere ihres neuen Films „Herz aus Eis“, der seit 18. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen ist. Madame Cotillard, in Ihrem neuen Film „Herz aus Eis“ verkörpern Sie eine berühmte Schauspielerin in den Siebzigerjahren, die für eine Verfilmung von Hans Christian Andersens „Die Schneekönigin“ vor der Kamera steht. Was bedeuten Ihnen Märchen? Ehrlich gesagt haben Märchen in meinem Leben nie die allergrößte Rolle gespielt. Ich erinnere mich eigentlich nicht daran, dass meine Eltern meinen Brüdern und mir welche vorgelesen hätten. Und ich selbst habe mit meinen Kindern auch eher andere Geschichten geteilt als die klassischen Märchen. Dabei sind die alten Klassiker dieser Gattung wirklich spannend, in ihrer Mischung aus Traumhaftigkeit und Grausamkeit. Das Faszinierende an ihnen ist doch, dass sie immer auch etwas auszusagen scheinen über die Welt, in der wir heute leben, indem sie über die Geschichte hinaus auch noch eine psychologische Ebene miterzählen, die unsere Urängste, Wünsche und Bedürfnisse anspricht. Was ist Ihrer Ansicht nach die Quintessenz von Andersens Märchen? Ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich beantworten kann, zumal ich mit dem Originaltext nicht sonderlich vertraut bin. Außerdem habe ich den Eindruck, dass seine Geschichte eine ist, in der jede Adaption einen anderen Kern zu entdecken scheint. Zum ersten Mal in Berührung mit ihr kam ich zum Beispiel durch den Disney-Animationsfilm „Die Eiskönigin - Völlig unverfroren“, ohne allerdings zu wissen, dass dessen Grundlage das Andersen-Märchen war. Das realisierte ich erst, als ich einige Jahre später eine Bühnenadaption an der Comédie Française sah, die deutlich werktreuer war. Der Umgang unserer Regisseurin Lucile Hadzihalilovic mit der Vorlage nun bei „Herz aus Eis“ ist wieder ein ganz anderer. Doch genau darin liegt eben die Stärke von solchen alten Texten, die nicht umsonst zu Klassikern wurden: Sie lassen sich immer wieder neu interpretieren. Die Herangehensweise von Hadzihalilovic ist eigenwillig. Machte das für Sie den besonderen Reiz aus? Das kann man so sagen. Ich liebe es, mit wirklichen Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten. Nicht auf jeden, der hinter der Kamera steht, trifft diese Bezeichnung zu, und das ist auch okay, denn nicht jeder Film braucht zwingend eine große künstlerische Vision. Aber immer wenn es, wie hier, der Fall ist und ich eingeladen bin, wirklich einzutauchen in eine bis ins Letzte von einer Künstlerin durchdachte Welt, dann macht mich das als Schauspielerin glücklich. Dann ist die Arbeit besonders intim und befriedigend, und ich habe das Gefühl, dass man dem Publikum etwas mehr mitgibt als üblich. Und seien es auch nur Fragen. Dass Sie hier eine Schauspielerin spielen, dürfte Ihnen den Zugang zu dieser Welt erleichtert haben. Oder machte es die Sache eher schwieriger, weil Ihnen die eine oder andere Erfahrung womöglich zu persönlich erschien? Natürlich kann ich als Schauspielerin viele Gefühle nachempfinden, die eine Kollegin womöglich spürt. Aber gleichzeitig ist Schauspielerin nicht gleich Schauspielerin; jeder Mensch ist anders. Der Beruf meiner Figur in „Herz aus Eis“ war daher weder das Wichtigste noch das Interessanteste an dieser Rolle. Ob eine Figur viel oder wenig mit mir als Privatperson zu tun hat, macht nicht unbedingt einen Unterschied, wenn ich sie spiele. Entscheidend ist, dass ich sie verstehe. Dass ich begreife, wie sie tickt, wie sie mit Emotionen umgeht, wovor sie sich fürchtet und wie sich selbst schützt. In diesem Fall war es besonders reizvoll, sich damit zu beschäftigen, welche Art von Beziehung diese Frau zu den Menschen in ihrem Umfeld zulässt und wie sie das Bild, das andere von ihr im Kopf haben, mit ihrem Selbstbild übereinbringt. Denken Sie selbst viel über Ihr Image, also über das Bild nach, das andere sich von Ihnen machen? Ich versuche es nicht zu tun, denn darüber, was andere denken, hat man ohnehin keine Kontrolle. Was letztlich ja gut ist. Natürlich kann das auch verdammt schwierig sein, zumal dann, wenn du dich so gar nicht wiedererkennst in dem Bild, das ein Fremder von dir hat. Das ist manchmal schmerzhaft, oder es macht wütend, aber es bleibt dir nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren. Denn bei diesem faszinierenden Job gehört es nun einmal dazu, dass Menschen, die dich nicht kennen, trotzdem irgendwie denken, du gehörst ihnen. Ganz falsch ist das auch nicht, denn du löst mit deiner Arbeit Gefühle in ihnen aus, die für immer mit ihrem Bild von dir verbunden sein werden. Eigentlich problematisch wird es dann, wenn es darum geht, andere zu be- und verurteilen. Also all das, worauf soziale Netzwerke inzwischen basieren. Die Mechanismen dort sind wirklich fatal: Selbst wenn es doppelt so viele positive Reaktionen auf einen Beitrag gibt wie negative, werden nur letztere aufgegriffen und perpetuiert. Damit habe ich ein echtes Problem. Instagram haben Sie trotzdem noch nicht den Rücken gekehrt. Das stimmt, aber wirklich Spaß macht es mir dort nicht mehr. Am Anfang war das ein Ort, an dem man einfach seine Fotos teilen und sich ein wenig kreativ ausprobieren konnte. Davon ist nicht mehr viel übrig. Heute geht es nur noch um Selbstvermarktung und Werbung. Nach Menschen, die dort ernsthaft ihren Blick auf die Welt teilen und sich Gedanken über unsere Gesellschaft machen, muss man ganz schön lange suchen. Deswegen verbringe ich heute, anders als früher, kaum noch Zeit auf dieser Plattform. Meine Manager und Agenten halten mich natürlich dazu an, meine Filme dort zu promoten. Aber das ist auch schon alles. Ich habe keine Lust, mich im Internet wirklich zu ernsthaften Themen zu äußern, denn das lädt immer nur dazu ein, dass andere einen missverstehen oder irgendwie ihren Frust ablassen wollen. Apropos Frust: Gab es je Phasen in Ihrer Karriere, in denen Ihr Umfeld Sie womöglich als Diva wahrgenommen hat, so wie die Schauspielerin in „Herz aus Eis“? Das würde mich eher wundern. Ich bin ziemlich harmoniebedürftig, vor allem in der Arbeit. Mir ist es wichtig, mit allen, mit denen ich zusammenarbeite, eine gute Beziehung zu haben, denn Konflikte stressen mich. Während einer Diva so etwas doch vermutlich herzlich egal ist, oder? Außerdem kann ich gut damit umgehen, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir wünsche. In den Anfangsjahren meiner Karriere habe ich viel Ablehnung erfahren, ich weiß, wie es ist, wenn man scheitert oder nicht das bekommt, wovon man träumt. Solche Erfahrungen sind nicht einfach. Aber letztlich wächst man an ihnen und lernt dazu. Vor „Herz aus Eis“ waren Sie gerade in der vierten Staffel der amerikanischen Serie „The Morning Show“ zu sehen, danach standen Sie wieder für ein paar französische Filme vor der Kamera. Versuchen Sie stets, eine bewusste Balance zu halten zwischen der Arbeit in der Heimat und der in Hollywood? Nein, da verfolge ich keinen bewussten Plan. Ich freue mich sehr, wie unterschiedlich meine Projekte oft sind, nicht nur, was die Drehorte angeht, sondern auch die Größenordnung der Produktionen oder die Genres. Aber ich suche danach nicht gezielt, sondern reagiere nur auf die Angebote, die auf meinem Tisch landen. Wenn mich ein Drehbuch anspricht, sage ich zu. Ganz gleich, ob das der dritte französische Film in Folge ist.