Mit ihrem neuen Inspekteur bekommt die Marine einen Admiral, der seemännische Prägung mit vielfältiger Erfahrung in internationalen Missionen und Stabsaufgaben verbindet. Tobias Abry soll den Wandel der Seestreitkräfte fortsetzen und beschleunigen. Denn der russische Überfall auf die Ukraine hat Deutschlands Marine nicht nur eine Kursänderung aufgezwungen, sondern eine harte Wende. Der vorletzte Marine-Chef hatte noch Tage zuvor für Moskaus Standpunkt geworben und einer Art katholisch-russisch-orthodoxen Allianz gegen China das Wort geredet. Vorbereitungen für den längst spürbaren Gezeitenwechsel in Nord- und Ostsee gab es in seiner Deutschen Marine nicht. Das änderte sich unter seinem Nachfolger Jan Christian Kaack. Nach dem Rauswurf des politisch wirren Admirals reagierte dieser ebenso beherzt wie kühl auf den Überfall. Mit seinem Befehl, nach Kriegsausbruch alle schwimmfähigen Boote und Schiffe der Marine in See zu schicken, markierte der neue Inspekteur den Bruch mit allen Illusionen. Minderwertige Schiffe zu astronomischen Preisen Der Wiederaufbau der Seestreitkräfte kommt seither voran. Allerdings langsamer, als es nötig wäre, um die aggressiver auftretende russische Flotte und deren Proxys wie Schattentanker, Sabotagetrupps oder Spionageschiffe in Schach zu halten. Das liegt auch an Werften, denen es die Politik es zu oft gestattet hatte, minderwertige Schiffe zu astronomischen Preisen vom Stapel zu lassen. Die politische Kampfvereinigung einiger Abgeordneter, die das für CDU und SPD im Bundestag organisiert hatten, machte ihrem Spitznamen „Küsten-Mafia“ alle Ehre. Beschafft wurden auf diese Weise Geld und Wählerstimmen. Aber leider auch leicht bewaffnete Fregatten, die vielleicht in der Lage wären, einen somalischen Piraten-Tender zu stoppen, aber kein russisches Kriegsschiff. Nun geht Kaack in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird an diesem Mittwoch Konteradmiral Abry. Der aus Helmstedt stammende Offizier, einst Bester seines Jahrgangs, muss dafür sorgen, dass die Seestreitkräfte im Falle eines Falles helfen können, Deutschland und seine Verbündeten zu verteidigen. Selbst wer nur die russischen Wut- und Drohreden der letzten Tage betrachtet, muss konstatieren: Die Gefahr ist real, schwere Wetter ziehen auf. Dem „Fight tonight“, also der Bereitschaft, von sofort an zu kämpfen, ist auch Abry verpflichtet. Aber ebenso dem vorausschauenden Plan. Seine meist optimistische und fröhliche Art sollte man dabei nicht mit mangelnder Entschlossenheit verwechseln. Abry war zuletzt Chef des Stabes im Marinekommando, ehe Verteidigungsminister Boris Pistorius ihn recht kurzfristig auf einen Unterabteilungsposten ins Ministerium beorderte. Das geschah wohl in dem Bestreben, Abry noch einmal aus der Nähe zu erleben. Offenbar mit überzeugendem Resultat.
