FAZ 15.01.2026
15:36 Uhr

Mariam Claren über Iran: „Der häufig verwendete Begriff ‚Mullah-Regime‘ ist irreführend“


Viele hoffen auf einen schnellen Umbruch in Iran, doch die Deutsch-Iranerin Mariam Claren hält dagegen: Die Macht liege bei mehreren Apparaten. Was jetzt zählt, seien Solidarität, Aufmerksamkeit und politische Konsequenzen.

Mariam Claren über Iran: „Der häufig verwendete Begriff ‚Mullah-Regime‘ ist irreführend“

Sie arbeiten für HÁWAR.help, eine Menschenrechtsorganisation, die ein ­Patenschaftsprogramm für politische Gefangene in Iran ins Leben gerufen hat. Ihre Mutter war dort selbst mehr als vier Jahre lang politische Gefangene. Was erfahren Sie derzeit über die Situation in Iran und das Vorgehen des Regimes? Die Nachrichtenlage ist im Moment sehr schnelllebig. Das, was gestern noch galt, kann heute schon überholt sein. Viele Zahlen lassen sich derzeit nicht ver­lässlich überprüfen. Eine Zahl, die sich zuletzt verfestigt hat, spricht von rund 12.000 Toten. Sie stammt vom Exilsender Iran International. Die kurdische Menschenrechtsorganisation Hengaw konnte bislang etwa zweitausend Todesfälle bestätigen. Unbewaffnete Menschen, die für Freiheit auf die Straße gehen, werden mit massiver Gewalt niedergeschlagen. Warum gehen Menschen in Iran trotz der realen Gefahr von Festnahmen, Folter oder sogar Tod auf die Straße? Sagt das nicht eigentlich schon alles? Menschen riskieren das, obwohl sie wissen, dass sie auf der Straße erschossen werden können. Und selbst wenn sie den Tag überleben, drohen ihnen Verhaftung, Folter, sexualisierte Gewalt, Schau­prozesse, Todesurteile oder jahrelange Haft. Dass Menschen dieses Risiko ein­gehen, zeigt, wie verzweifelt sie sind – und wie sie mit diesem Regime ab­geschlossen haben. Was wir derzeit sehen, sind massive Inflation und wachsender Hunger. Genau dagegen richtete sich der Beginn der Proteste Ende Dezember. Sie wurden oft als reine Wirtschafts­proteste bezeichnet, stellten aber sehr schnell die Systemfrage. Ich denke an einen pensionierten Universitätsprofessor in Iran. Er gehört dort zur Oberschicht und hat mir berichtet, dass seine Rente umgerechnet 250 Euro beträgt. Wenn selbst Menschen aus dieser Schicht kaum überleben können, kann man sich vorstellen, wie es den Rest der Bevölkerung trifft. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, die iranische Staatsführung werde sich nicht mehr lange halten. Wie realistisch ist das aus Ihrer Sicht? Ein entscheidender Faktor wird dabei oft übersehen – auch in der verständlichen Euphorie. Das iranische Regime ist kein System, das mit dem Sturz einer einzelnen Person zusammenbricht. Innerhalb des Systems existieren mehrere Macht­apparate. Der häufig verwendete Begriff „Mullah-Regime“ ist deshalb irreführend. Ja, der oberste Führer Ali Khamenei ist ein Mullah. Aber die eigent­liche Macht liegt zu großen Teilen bei der Islamischen Revolutionsgarde. Sie ist es, die derzeit auf den Straßen Menschen tötet. Das bedeutet auch: Unbewaffnete Menschen können dieses System nicht allein stürzen. Ohne Rückendeckung von außen wird ein Wandel nicht möglich sein. Es braucht internationale Solidarität, kontinuierliche mediale Aufmerksamkeit und vor allem politische und diplomatische Konsequenzen. Deutschland ist weiterhin der wichtigste Handelspartner von Iran in Europa. Ein Handelsstopp, die Terrorlistung der Revolutionsgarde durch die EU und Unterstützung beim Internetzugang wären konkrete Hebel, um Druck von außen aufzubauen und den Menschen zu helfen. Die jüngste Ankündigung von Donald Trump, Länder, die weiterhin mit Iran handeln, mit Strafzöllen zu belegen, ist zumindest ein wirtschaftlicher Hebel. Wie werden solche Aussagen in Iran wahrgenommen? Man darf den Menschen dort nicht vorwerfen, dass sie hoffen, dass endlich etwas passiert. Viele sind müde, erschöpft, am Ende ihrer Kräfte. Gleichzeitig gibt es große Angst. Denn was bedeutet „Hilfe“? Eine militärische Intervention? Einen neuen Krieg? Wir haben im Sommer gesehen, wie schnell eine Eskalation zwischen Israel und Iran möglich ist und dass sie vor allem dazu führt, dass Menschen fliehen, statt weiter zu protestieren. Am Ende agiert der Westen nach eigenen Interessen. Ich höre viele Worte, aber ich sehe keine Taten. Wie gehen Sie persönlich damit um, auch als deutsche Staatsbürgerin? Ich sage das ganz offen, auch wenn es sehr privat ist: Ich fange immer wieder an zu weinen. Alle paar Minuten. Weil ich an die vielen Menschen denke, die gerade getötet werden. Viele fragen sich: Was passiert, wenn es diesmal wieder nicht gelingt? Wir können doch nicht einfach zu business as usual zurückkehren, nachdem so viele getötet wurden. Manchmal denke ich: Nein, das wird nicht passieren. Und im nächsten Moment sehe ich, wie politische Realitäten aussehen, und dann fehlen mir schlicht die Worte. Wie nehmen Sie vor diesem Hintergrund die Solidarität hierzulande wahr? Ich bin politisch links, das ist kein Geheimnis. Es macht mich sprachlos zu sehen, dass sich Teile der Linken nicht solidarisieren. Umso schwerer wiegt es, wenn nun infrage gestellt wird, ob es diese Proteste in Iran überhaupt gibt. Oder wenn gesagt wird: „Mit Menschen, die Moscheen verbrennen, können wir uns nicht solidarisieren.“ Aber hat sich jemand gefragt, warum diese Menschen so handeln? Das hat nichts mit Islamfeindlichkeit zu tun. Wenn man 47 Jahre lang vom Muezzin-Ruf geweckt wird – und dieser zeitgleich mit Hinrichtungen stattfindet –, dann hat man irgendwann genug. Diese Zusammenhänge auszublenden, empfinde ich als eine Form postkolonialer Ignoranz. Es ist traurig und beschämend, dass Solidarität ausbleibt, weil es eine romantisierte Vorstellung von der ­Islamischen Republik Iran gibt, die angeblich antiimperialistisch sein soll. Nichts an diesem Regime ist antiimperialistisch – das war es nie. Wenn Teile der Linken nicht erkennen, dass politischer und fundamentalistischer Islam die Kehrseite derselben Medaille des westlichen Imperialismus sind, dann bleiben sie analytisch stehen. Das ist schade, weil diese Bewegung eine enorme Schlagkraft hat. Doch sie nutzt sie nicht, weil es nicht in ihr ideologisches Raster passt. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Dass wir am 21. März – zum iranischen, kurdischen und vielen anderen Neujahrsfesten – alle in Iran sein können. Das ist vielleicht naiv, vielleicht sogar märchenhaft. Vor allem aber wünsche ich mir, dass dieses Regime nach 47 Jahren endlich endet. Dass die Iraner in einem demokratischen Prozess selbst über ihre Staatsform und politischen Vertreter entscheiden können. Und auch wenn dieser Weg lange dauert und viel Aufarbeitung und Veränderung erfordern wird, wünsche ich mir, dass dieser Prozess jetzt beginnt. Damit keine Mutter mehr in ein Leichenschauhaus gehen muss, um ihr Kind zu suchen.