FAZ 04.01.2026
11:16 Uhr

Marco Müller im Stil-Fragebogen: „Mein Lieblingsduft ist der Geruch von Speck“


Marco Müller ist Küchendirektor im Berliner „Rutz“ mit drei Michelin-Sternen. Uns verrät er, was ihn inspiriert und was im Kühlschrank eines Sternekochs nie fehlen darf.

Marco Müller im Stil-Fragebogen: „Mein Lieblingsduft ist der Geruch von Speck“

Eigentlich wollte Marco Müller Künstler werden. Er machte dann in Brandenburg eine Ausbildung zum Koch. Aber im Restaurant „Rutz“ in Berlin-Mitte, dessen Küchendirektor er seit 2004 ist, erlebt man auch einen Künstler - dessen Kreationen auf Tellern statt auf Leinwänden landen. Regionale Zutaten verwandelt er in Geschmackserlebnisse. Und das so gekonnt, dass das „Rutz“ seit 2020 drei Michelin-Sterne hat, als einziges Berliner Restaurant. Der 55 Jahre alte Marco Müller, dreifacher Vater und passionierter Angler, eröffnete 2020 auch das „Rutz Zollhaus“ in Berlin-Kreuzberg und ist Juror der ZDF-Sendung „Die Küchenschlacht“. Ehe im „Rutz“ das Abendgeschäft startet, nimmt er sich Zeit für unseren Fragebogen. Was essen Sie zum Frühstück? In der Woche trinke ich nur doppelten Espresso mit Eiswürfeln. Am Wochenende machen meine Familie und ich immer Crêpes. Wo kaufen Sie Ihre Kleidung ein? Meist bei Best Secret. Mir geht es bei Kleidung weniger um Marken als um Qualität. Was ist das älteste Kleidungsstück in Ihrem Schrank? Eine Jeansjacke von Levi's. Ich besitze sie, seit ich 18 bin – und sie passt noch immer! Sie hing bestimmt 25 Jahre im Schrank, aber in letzter Zeit hole ich sie immer wieder einmal raus. Wegwerfen werde ich sie nie. Wann haben Sie zuletzt handschriftlich einen Brief verfasst? Wenn meine Familie und ich im Sommer verreist sind, schreiben wir immer Postkarten. Als Kind erzogen mich meine Eltern – meine Mutter ist technische Zeichnerin, mein Vater Architekt – dazu, vernünftig und mit Feder zu schreiben. Bis heute schreibe ich wichtige Dinge per Hand auf. Statt einer Feder benutze ich dafür aber meinen 30 Jahre alten Lamy-Füller. Welches Buch hat Sie im Leben am meisten beeindruckt? „Das Parfum“. Ich habe das Buch vor 20 Jahren gelesen und fand schon damals den Wunsch inspirierend, einen Duft auf sein Wesentliches zu reduzieren. Das ist auch ein Teil meiner Arbeit: Wenn ich im Wald ein Blatt oder eine Nadel finde, rieche ich daran, ganz intrinsisch. Begeistert mich ein Duft, etwa der einer frisch gemähten Wiese, ist meine Frage: Wie kann ich ihn in unsere Küche integrieren? Wir können ja kein frisch gemähtes Gras servieren. Also experimentieren wir und finden die Lösung meist in komplementären Aromen. Wie informieren Sie sich über das Weltgeschehen? Zu 90 Prozent über das Radio. Interessiert mich etwas besonders, lese ich etwas dazu. Auf dem Handy habe ich die Apps von „Spiegel“, „Stern“, „Tagesspiegel“ und F.A.Z. Was ist Ihr bestes Smalltalk-Thema? Ich stelle am liebsten Fragen. So bekommt man ein Gefühl für das Gegenüber. Bei welchem Film haben Sie zuletzt geweint? Bei einem Filmabend mit Freunden habe ich geweint, vor Lachen. Sind Sie abergläubisch? Jein. Ich fordere mein Glück ungern heraus, und ich unke nicht, wenn ich mir etwas wünsche. Beim Angeln haben mein bester Freund und ich ein Ritual, in dem etwas Aberglaube steckt; bevor wir starten, stoßen wir immer an und sagen: „Auf dicke Fische“. Das hat uns einmal in Spanien am Ebro geholfen und ist seitdem ein Muss. Worüber können Sie lachen? Über mich selbst. Und über Sarkasmus und Zynismus. Ihr Lieblingsvorname? Robyn, der zweite Vorname meiner großen Tochter. Machen Sie eine Mittagspause? Nein. Im Restaurant treffen wir uns alle am Nachmittag zum Personalessen – das ist immer sehr gut, darauf legen wir viel Wert. Danach probiere ich die ganze Zeit: Zutaten und neue Gerichte, abends in der Küche von der Vinaigrette übers Brot bis zum Fleisch. In welchem Land würden Sie gerne leben? Australien hat mich sehr gepackt. Vor allem Sydney. Die Menschen sind offen, entspannt und geben aufeinander acht. Das Essen ist auch großartig. Und die Restaurantszene erst! Ich könnte dort genial essen und kochen – und in der Mittagspause surfen. Was fehlt nie in Ihrem Kühlschrank? Butter. Wir haben immer zwei Sorten: Biorahmbutter und selbst aufgeschlagene. Das geht ganz einfach mit Sauerrahm, Salz, einer Kitchen Aid oder dem Handmixer. Ich liebe selbstgemachte, gesalzene Butter auf frisch gebackenem Brot. Bin ich länger auf Reisen, vermisse ich das richtig. Fühlen Sie sich mit oder ohne Auto freier? Im Urlaub ohne. Im Alltag erledige ich so viel wie möglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Geht beides nicht, nehme ich das Auto. Als ich noch näher am „Rutz“ wohnte, bin ich oft zur Arbeit gejoggt. Jetzt wohnen wir weiter weg, und die Verbindungen mit der Bahn sind nachts nicht gut. Was ist Ihr größtes Talent? Mich immer wieder für Dinge begeistern zu können. Was tun Sie, obwohl es unvernünftig ist? Ich kaufe mir zu viele Turnschuhe und zu viel Angelzeug. Welcher historischen Person würden Sie gerne begegnen? Entweder einem Pharao, weil ich mich schon immer für die ägyptische Mythologie interessiert habe und es mich fasziniert, wie sehr uns damalige Zivilisationen voraus und dann doch vergänglich waren. Und Karl Lagerfeld.Er hat mit seinem Antrieb, seiner Vielschichtigkeit und Kreativität über das normale Maß hinaus die Zeit geprägt. Tragen Sie Schmuck? Und eine Uhr? Uhren trage ich sehr gerne, aber nie in der Küche, das finde ich unhygienisch. Aktuell trage ich ein Modell von Victorinox. Schmuck besitze ich kaum, ich trage nur drei Armbänder: Eines ist seit acht Jahren mein Talisman. Das zweite erinnert mich mit der Aufschrift „Lakeday“ daran, genug Zeit an Seen und in der Natur zu verbringen, das tut mir gut, deshalb angle ich auch so gerne. Auf dem dritten steht „Let go“, als Abwandlung des Angelmottos „Catch and Release“. Haben Sie einen Lieblingsduft? Den Geruch von Speck. Was war Ihr schönstes Ferienerlebnis? Vor einigen Jahren habe ich fünf Tage lang in der Serengeti gezeltet. Morgens gab es unfassbare Sonnenaufgänge. Und diese Vielfalt! Nachts kamen die Tiere zwar auch dichter ans Zelt, aber darüber darf man vorher nicht zu viel nachdenken. Und man hat ja einen Guide dabei, allein darf man dort nicht zelten. Auf welchem Konzert waren Sie zuletzt? Bei Robbie Williams in der Berliner Waldbühne. Was fehlt Ihnen zum Glück? Manchmal hätte ich gerne mehr Zeit. Aber ich bin lebensbescheiden: Ich will alles, aber in Maßen. Vieles, was ich mir gewünscht habe, habe ich erreicht. Ich bin stolz auf meine drei Töchter und auf das, was wir mit dem „Rutz“ und dem „Rutz Zollhaus“ geschafft haben. Diese aktuelle Balance und Zufriedenheit in meinem Leben möchte ich gerne halten und bewahren. Was trinken Sie zum Abendessen? Wenn ich arbeite: Wasser. Und wenn nicht: ein gutes Bier. Am liebsten von kleinen Brauereien, Heidenpeters aus Berlin zum Beispiel oder Rollberg vom Fass. Am Wochenende auch gerne Rotwein in Gesellschaft, zum Beispiel mit meinem Vater und meinemBruder in Potsdam am See auf dem Steg.