Thomas Spies trägt Schwarz an diesem Tag. Doch das ist nur seine Dienstkleidung. Ansonsten verströmt der Oberbürgermeister von Marburg gute Laune. Er lächelt ungekünstelt zur Begrüßung vor seinem Büro und wirkt entspannt. Das war vor zwei Jahren an gleicher Stelle nicht anders. Seinerzeit konnte der Sozialdemokrat besonders gelassen sein. Denn die Uni-Stadt an der Lahn saß buchstäblich auf einem Berg von Geld. Von 2021 bis 2023 wurde Marburg mit Gewerbesteuer nur so überschüttet. Mittlerweile hat sich das Blatt zwar gewendet. Doch die Kommune hat mit einem in der Pandemie eigens aufgelegten Spezialfonds vorgesorgt. Diese Rarität hilft ihr in Zeiten mit roten Zahlen im Haushalt. Spies verdeutlicht, wie sehr der Zufluss an Gewinnsteuern aus den heimischen Unternehmen in jenen drei Jahren angeschwollen war. „Wir nahmen 770 Millionen Euro mehr als üblich ein.“ Diese Summe sei zu den 300 Millionen hinzugekommen, mit denen die Stadt in der Regel über eine solche Zeitspanne rechnen könne. Anders gesagt: Binnen drei Jahren flossen der 80.000-Einwohner-Stadt mehr als eine Milliarde Euro zu. Nur an Gewerbesteuer, wohlgemerkt. Hinzu kamen die Grundsteuer, Anteile an der Einkommensteuer und Abgaben. Angesichts dessen sagte Spies seinerzeit: „Vor Inflation haben wir keine Angst.“ Zumal Marburg in der Deutschen Vermögensberatung und Siemens Healthineers verlässliche Gewerbesteuerzahler hat. Biontech baut einige Hundert Stellen in Marburg ab Um aus den Steuermillionen mehr Geld zu machen, schuf die Stadt den Spezialfonds. 350 Millionen Euro gab sie schließlich in diesen Topf. Dergleichen leisten sich in Deutschland nur wenige Städte. Drei Fondsgesellschaften verwalten jeweils einen Unterfonds. Zu verdanken hatte die Stadt einen erklecklichen Teil der Gewerbesteuer dem Unternehmen Biontech. Das ist ein offenes Geheimnis, auch wenn Spies keine Namen nennt. Während der Pandemie brachte das Mainzer Unternehmen seinen Corona-Impfstoff auf den Markt und verdiente Milliarden. Davon profitierte Marburg aufgrund des Standorts von Biontech an der Emil-von-Behring-Straße. Es ist einer der größten Produktionsstandorte für sogenannte mRNA-Impfstoffe in Europa. Ausgelastet ist er aber nicht mehr. Die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen ist eingebrochen, Biontech baut einige Hundert Stellen an der Lahn ab. 380 Millionen Euro habe die Stadt abgeben müssen, sagt Spies. Einen ordentlichen Teil davon als Umlage an den Kreis Marburg-Biedenkopf und gut 100 Millionen Euro an das Land als sogenannte Abundanz-Abgabe, das ist eine Art Reichensteuer für wohlhabende Kommunen. Obendrauf seien die Gewerbesteuerumlage und die Heimatumlage gekommen, die das Land auf die kommunale Familie verteilt habe. 190 Millionen Euro habe die Stadt investiert, in ein zweites Umspannwerk und ein zweites Wasserwerk, in eine große Hauptleitung und bezahlbare Wohnungen, in Schulen und Kindertagesstätten, in Sporthallen und Verwaltungsgebäude. 130 Millionen Euro Gewerbesteuer zurückgezahlt Nach dem Ende des Höhenflugs von Biontech musste die Stadt sogar Gewinnsteuern erstatten. Auf 130 Millionen Euro beziffert der Oberbürgermeister diese Rückzahlungen. „Hier tanzt die Gewerbesteuer immer mal um 30 Millionen Euro nach oben oder unten“, sagt Spies. Für Rückschläge ist die Kommune dank des Spezialfonds besonders gut gewappnet. Die 130 Millionen Euro holte sie laut dem Rathauschef aus diesem Vermögen ebenso heraus wie Geld für Investitionen. In der Folge liegt nicht mehr annähernd so viel in Wertpapiere investiertes Kapital im Spezialfonds wie anfangs. Es seien aber immer noch fast 70 Millionen Euro. Hinzu kämen rund 30 Millionen Euro, die täglich verfügbar seien. Zwar sei der Fonds auf Sicherheit ausgelegt und solle zuerst das Kapital bewahren. Gleichwohl habe er in der kurzen Zeit seit seiner Auflage schon 27 Millionen Euro an Kursgewinnen, Dividenden und Zinsen gebracht, hebt der Oberbürgermeister hervor. Dieser Betrag entspreche in etwa der Summe, welche die Uni-Stadt in einem Jahr investiere. „Das hat sich sehr gelohnt“, sagt er lächelnd. Angesichts des Auftriebs an den Märkten hätte Spies nach eigenen Worten gerne mehr Geld im Fonds gelassen. Doch sei Kommunen der Weg rechtlich verwehrt, Geld für sich arbeiten zu lassen und stattdessen günstige Kredite aufzunehmen. Städte seien schließlich keine Banken oder Finanzinvestoren.
