FAZ 06.05.2026
17:17 Uhr

Marburger Oberbürgermeister: „Biontech-Gewinne aus Steuermitteln finanziert“


Der Oberbürgermeister von Marburg findet deutliche Worte zur geplanten Schließung des Biontech-Werks an der Lahn. Auch aus dem hessischen Landtag kommt Kritik.

Marburger Oberbürgermeister: „Biontech-Gewinne aus Steuermitteln finanziert“

Die vom Corona-Impfstoffhersteller Biontech angekündigte Schließung des Standorts Marburg stößt in Hessen auf scharfe Kritik. Der Marburger  Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) rügte am Mittwoch den Umgang mit den derzeit noch 540 Beschäftigten, „die diesem Unternehmen am Standort mit der Produktion des Covid-Impfstoffs horrende Gewinne beschert haben“. Kaya Kinkel, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im hessischen Landtag, mahnte: „Biontech trägt auch Verantwortung für die Region und die Menschen, die zu seinem Erfolg beigetragen haben.“ Nach Ansicht des Marburger Oberbürgermeisters Spies erwächst diese Verantwortung auch daraus, dass das Unternehmen aus Mainz Hunderte Millionen Euro an Fördermitteln erhalten und in der Corona-Krise Milliardengewinne erzielt habe. „Die einzige Phase, in der das Unternehmen Gewinne gemacht hat, wurde letztlich aus Steuergeldern finanziert“, so Spies. Die Bundesregierung hatte Biontech im Herbst 2020 zugesagt, die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus mit bis zu 375 Millionen Euro zu fördern. Allerdings hat Biontech auch Milliarden an Steuern gezahlt, wovon außer Mainz auch Marburg profitierte: Von 2021 bis 2023 flossen der 80.000-Einwohner-Stadt laut früheren Angaben des Oberbürgermeisters mehr als eine Milliarde Euro an Gewerbesteuern zu. Normalerweise beläuft sich das Aufkommen aus dieser Steuerquelle in drei Jahren auf rund 300 Millionen Euro, wie Spies der F.A.Z. im März sagte. Marburger Werk war für Biontech ein „Wunschkandidat“ Biontech hatte die Stadt an der Lahn im Herbst 2020 als einen der Produktionsstandorte für seinen Impfstoff ausgewählt, weil das Unternehmen dort ein mit geeigneten Reinräumen ausgestattetes Werk des Pharmakonzerns Novartis übernehmen konnte – mitsamt den damals 300 Beschäftigten. „Ein Werk wie Marburg war unser Wunschkandidat“, sagte seinerzeit Biontech-Vorstand Sierk Pötting. Tatsächlich funktionierte die Produktion schon nach wenigen Monaten, im Februar 2021. Bei den Vorbereitungen habe die Stadt „alles an Unterstützung geboten, was möglich war“, sagte Oberbürgermeister Spies. Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Öslem Türeci, beide Ehrendoktoren der örtlichen Philipps-Universität, hätten das Tempo in Marburg damals ausdrücklich gelobt. Vor wenigen Wochen hat das Gründerpaar angekündigt, Biontech bis zum Jahresende zu verlassen, um sich mit einem Start-up ganz der Entwicklung neuer Krebstherapien zu widmen. Enttäuscht von Biontech zeigte sich auch die Gewerkschaft IG BCE. Das Unternehmen habe sich „in der Pandemie gefeiert als Retter, und kaum dass es sich für sie nicht mehr rechnet, schmeißt man alles hin“, sagte Anne Weinschenk, die Leiterin des IG-BCE-Bezirks Mittelhessen. Zwar hatte Biontech schon vor gut einem Jahr angekündigt, in Marburg von damals 670 Arbeitsplätzen bis zu 350 abzubauen. Dass das Unternehmen die Stadt Ende 2027 aber ganz verlassen wolle, werde die IG BCE nicht widerspruchslos hinnehmen, sagte Weinschenk. Die Gewerkschaft wolle „ausloten, ob es Möglichkeiten gibt, dass der Standort Marburg nicht komplett aufgegeben wird“. Investitionen sollten Pandemie überdauern Noch Anfang 2023 hatte Biontech das Produktportfolio in Marburg erweitert: Für rund 40 Millionen Euro wurden neue Anlagen für Plasmid-DNA errichtet, einem wichtigen Ausgangsmaterial sowohl für die Herstellung von mRNA-basierten Impfstoffen wie Comirnaty als auch für Krebstherapien, an denen Biontech arbeitet. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wertete die Investition als gutes Zeichen: „Deutschland und Europa werden durch den Aufbau lokaler Wertschöpfungsketten resilienter“, sagte er bei einem Besuch in Marburg. Doch die Hoffnung, der Standort werde sich über das Ende der Pandemie hinaus dauerhaft als mRNA-Produktionsstätte etablieren, hat sich zerschlagen. Die Mengen, die für klinische Studien mit neuen Arzneimittelkandidaten benötigt würden, reichten für eine Auslastung des Werks nicht aus, teilte eine Unternehmenssprecherin jetzt zur Begründung der Schließungspläne mit. Die Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen wiederum sei mittlerweile so stark gesunken, dass Biontech ihre Produktion komplett dem Partner Pfizer überlassen werde. Mit Blick auf die Versorgung im Krisenfall werfe diese Ankündigung Fragen auf, findet Gewerkschafterin Weinschenk. „Wenn plötzlich wieder eine Pandemie ausbricht, was bedeutet das dann?“ Der US-Konzern Pfizer stellt Comirnaty allerdings nicht nur in den Vereinigten Staaten her, sondern auch in einem Werk in Belgien. Betriebsrat: Impfstoffvertrag läuft aus Der Betriebsratsvorsitzende des Marburger Werks, Mark Pfister, wies darauf hin, dass im ersten Quartal 2027 der Pandemiebereitschaftsvertrag auslaufe, der Biontech zur Lieferung von Impfstoffen für Deutschland verpflichte. Für eine Verlängerung habe sich in der Politik niemand zuständig gefühlt, kritisierte Pfister. Dem Biontech-Management hielt er vor, in Marburg könnten auch Antikörper produziert werden statt mRNA – zu Novartis-Zeiten habe das Werk genau das gemacht, „die Anlagen sind noch da“. Biontech entwickelt auch Wirkstoffe auf Basis von Antikörpern. „Warum nutzt man für deren Produktion nicht unsere Expertise und rettet vielleicht 300 Arbeitsplätze in Marburg?“, fragte der Betriebsratsvorsitzende. Der Rückzug aus der Produktion von Covid-19-Impfstoffen trifft auch Rheinland-Pfalz: Den Biontech-Standort in Idar-Oberstein, wo 440 Mitarbeiter unter anderem mit der Analytik und Qualitätskontrolle für Comirnaty beschäftigt sind, will das Unternehmen ebenfalls aufgeben. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD) sieht in dieser Ankündigung den „Ausdruck eines schwierigen Marktumfelds nach der Pandemie, das viele Unternehmen der Branche vor strukturelle Herausforderungen stellt“.  Entscheidend sei aber, dass der Stammsitz in Mainz Herzstück der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten von Biontech bleibe. Eine Biontech-Sprecherin sagte, die Einstellung der Comirnaty-Produktion treffe Mainz nicht – zwar werde am Stammsitz auch mRNA hergestellt, aber nicht für Covid-19-Impfstoffe. Sie hob hervor, dass Biontech in Mainz jüngst mehr als 370 Millionen Euro in neue Gebäude für Forschung, Entwicklung und Produktion investiert habe. Zwei davon befinden sich neben dem Hauptgebäude an der Goldgrube auf Teilen eines ehemaligen Kasernengeländes, auf dem die Stadt auch ein neues Wohnviertel plant. Der dritte Biontech-Neubau wurde an der Hechtsheimer Straße errichtet. Für Marburg ist das Aus für das Biontech-Werk nicht der erste Rückschlag. In der Nachbarschaft bauen bereits andere Unternehmen Stellen ab: Der Pharmadienstleister Nexelis schließt seine 75 Mitarbeiter zählende Filiale an der Lahn, und CSL Behring wickelt die Forschungseinheit CSL Innovation ab. 500 Stellen fallen dort weg. In der Produktion stehen bei CSL Behring 450 der 3000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Zeiten, in denen Pharmabeschäftigte am traditionsreichen Standort der früheren Behringwerke schnell den Arbeitgeber wechseln konnten, scheinen vorbei. Oberbürgermeister Spies hob hervor, Marburg biete weiterhin exzellente Rahmenbedingungen für zukunftsfähige Unternehmen. „Wir setzen unsere Stärken – von hoch qualifizierten Fachkräften bis zur wissenschaftlichen Expertise – nun umso gezielter ein, um neue Chancen zu schaffen.“ Biontech müsse die bestehende Reservierung für die Grundstücksfläche Görzhausen III nun absagen, um die Entwicklungsmöglichkeiten am Standort nicht zu behindern. Die Biontech-Aktie hat seit Bekanntgabe der Schließungspläne am Dienstagmittag rund zehn Prozent an Wert verloren.