FAZ 29.11.2025
10:07 Uhr

Malik Tillman im Interview: „In München wurde mir gesagt, was das Problem ist“


Malik Tillman war einst ein Toptalent des FC Bayern und im Sommer der Königstransfer bei Bayer Leverkusen. Der F.A.Z. erklärt der Fußballprofi, wie er in Schottland härter wurde und wieso er bei der WM für die USA spielt.

Malik Tillman im Interview: „In München wurde mir gesagt, was das Problem ist“

Experten im deutschen Fußball ist Malik Tillman ist schon länger ein Begriff. Die neue Nummer 10 von Bayer Leverkusen galt zu Beginn des Jahrzehnts als eines der größten Talente in der Akademie des FC Bayern München, in die der Klub gerade 70 Millionen Euro investiert hatte. 2021 tauchte er als Teenager in Champions-League-Partien der Münchner auf, spielte auch in der Bundesliga und im Pokal, setzte sich aber nicht durch beim Rekordmeister. Seither sind mehr als drei Jahre ver­gangen, in denen viel passiert ist. Der mittlerweile 23 Jahre alte Tillman hat sich durch zwei brillante Jahre bei der PSV Eindhoven mit zwei Meistertiteln vom Großtalent der Münchner zum Königstransfer von Bayer Leverkusen und zum Nationalspieler der USA entwickelt. Stand jetzt ist er als WM-Spieler gesetzt, manche Beobachter sagen sogar, Tillman sei beim Gold-Cup im Sommer der stärkste Spieler des US-Teams gewesen. Er schoss in sechs Partien drei Tore, bevor das Endspiel gegen Mexiko knapp verloren ging. Herr Tillman, wann lernt auch die Bundesliga Sie als einen besonderen Spieler kennen? „Ich benötige meine Zeit, um anzukommen. Auch an anderen Stationen war es so, dass ich eine gewisse Eingewöhnungszeit gebraucht habe, um meinen Flow zu finden. Ich muss eine Mannschaft und das ganze Umfeld kennenlernen, aber ich weiß aus Erfahrung: ­Irgendwann kommt dieser Rhythmus, dann läuft es auch. Außerdem hatte ich hier schon zwei Verletzungsphasen.“ Beim Sieg in der Champions League in Manchester gehörten Sie zu prägenden Spielern in einer sehr starken Mannschaft. Jetzt folgen zwei Duelle mit Borussia Dortmund in Bundesliga (Samstag, 18.30 Uhr/bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga) und DFB-Pokal sowie ein Spiel gegen Newcastle in der Champions League. Das sind schöne Gelegenheiten, um richtig anzukommen auf dem höchsten Niveau. „Es gibt einfachere Situationen als unseren Saisonbeginn in Leverkusen mit dem frühen Trainerwechsel. Aber mittlerweile spielen wir gut und auch immer mehr so, wie wir spielen wollen. Wenn man auf die Namen der Gegner der nächsten Wochen schaut, dann steht uns tatsächlich eine sehr interessante Saisonphase bevor, in der wir als Mannschaft und ich als Spieler zeigen können, wie gut wir sind.“ Hat der Trainerwechsel von Erik ten Hag zu Kasper Hjulmand auch Sie persönlich gebremst? „Meine Muskelverletzungen hatten damit ja nichts zu tun. Unter Kasper Hjulmand läuft nun vieles anders: Unser Spielaufbau folgt neuen Prinzipien, das Training ist anders strukturiert, und auf der menschlichen Ebene hat sich ebenfalls viel getan. Kasper Hjulmand ist offen, führt mit jedem Gespräche, will für jeden da sein. Das hat einen sehr positiven Einfluss.“ „Wir haben uns in ihn verliebt“ Tillman hat bereits für Bayern München, die Glasgow Rangers, die PSV Eindhoven und Leverkusen in der Champions League gespielt. Mit den Bayern wurde er deutscher Meister, gewann 2021 die Champions-League sowie den deutschen und den europäischen Supercup, ohne aber eine wichtige Rolle gespielt zu haben. „Es war schon schön, dabei zu sein, ich habe ein paar Erfahrungen mitgenommen, aber mehr war es eigentlich auch nicht. Für mich war der erste wirkliche Titel die erste holländische Meisterschaft 2024, weil ich dazu wirklich etwas beitragen konnte“, sagt er selbst. Der Nationaltrainer Mauricio Pochettino sagte über ihn beim Gold-Cup im Sommer: „Er ist ein außergewöhnliches Talent. Wir haben uns alle in ihn verliebt.“ Ist es überhaupt zutreffend, Sie als Talent zu bezeichnen? „Eigentlich ist Talent ja ein gutes Wort, aber ich selber sehe mich nicht mehr als Talent. Ich glaube, wenn ich hier in Leverkusen in den Kader schaue, gibt es viele jüngere Spieler, die noch nicht so viel erlebt haben, zu denen dieser Begriff etwas besser passt.“ Der in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners geborene Fußballer wird gerne als Königstransfer in diesem wahrlich intensiven Transfersommer bei Bayer Leverkusen bezeichnet. Weil Bayer Leverkusen rund 35 Millionen Euro an die PSV Eindhoven überwies, führt Tillman nun das Ranking der teuersten Leverkusener Neuzugänge an. Zudem war seine Entwicklung während der vergangenen Jahre in den Niederlanden beeindruckend. Tillman wird zugetraut, die Nachfolge des als Weltstar nach Liverpool verkauften Florian Wirtz anzutreten. Er hat die Nummer 10 von Wirtz übernommen und bewegt sich auf dem Platz in ähnlichen Räumen wie der deutsche Nationalspieler. Kann man Sie und Wirtz wirklich so gut vergleichen? „Genau wie Flo Wirtz will auch ich so oft wie es geht den Ball haben. Ich kann mittlerweile auch hart gegenüber den Gegnern sein und intensiv anlaufen. Ich kann verteidigen, wenn ich es muss. Außerdem versuche ich, immer ein Auge für die Mitspieler zu haben, mit Laufwegen Räume zu öffnen und selbst Räume zu finden. Ich bin torgefährlich.“ Wirtz wurde dafür gelobt, nicht aus Pflichtgefühl zu verteidigen, sondern weil ihm diese Arbeit sogar Freude zu bereiten schien. Wie ist Ihr Verhältnis zur Verteidigungsarbeit? „Mittlerweile ist das bei mir auch so. Ich habe gelernt, dass Ballgewinne von Offensivspielern oft an Orten stattfinden, von denen aus der Weg zum gegnerischen Tor kurz ist. Außerdem sind die Räume in solchen Momenten häufig offener. Fleiß beim Verteidigen verhilft mir selbst zu besseren Offensivaktionen.“ Andere vergleichen Sie vom Typ her mit Michael Ballack, Sie selbst haben einmal Paul Pogba als Vorbild bezeichnet. Was mögen Sie an ihm? „Das hat sich ein bisschen verändert. Inzwischen orientiere ich mich nicht mehr an einem einzelnen Vorbild. Ich suche überall nach Impulsen, die mein Spiel verbessern. In Eindhoven kamen die aber vor allem vom Trainer Peter Bosz, der mich zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin.“ Früh im Rampenlicht Tillman gehört zu einem Kreis von Spielern, die schon als Jugendliche in ein besonders grelles Rampenlicht hineingeraten sind, die sich bereits als Teenager auf einem sehr steilen Karriereweg wähnten. Die Statistiken zeigen, dass die Wege solcher Spieler bis in den Profibetrieb im deutschen System besonders schwierig sind. In Nationen wie Spanien, Frankreich, England oder Portugal schaffen viel mehr Spieler um die 20 den Schritt aus einer Akademie auf ein hohes Männerfußballniveau in einer großen Liga. Tillman ist ein typisches Beispiel für einen anderen Weg. Mit sieben wechselte er von Greuther Fürth ins Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern. Im Alter von 19 Jahren absolvierte er erste Champions-League-Spiele für den Rekordmeister, schoss ein Tor im DFB-Pokal, träumte und weckte Phantasien. Doch dann wurde er zwischen dem Profiteam und der zweiten Mannschaft hin- und hergeschoben, die in der Regionalliga spielte. Was fehlte Ihnen? „In München wurde mir gesagt, dass das Spiel mit Ball nicht das Problem ist, sondern eher das Spiel gegen den Ball, die Zweikampfhärte, die Defensivarbeit. Daher war es der richtige Schritt, nach Glasgow zu gehen. Im körperbetonten Fußball der schottischen Liga wird genau das gefordert. Und in Eindhoven bin ich auch in diesem Bereich dann noch einmal besser geworden.“ Kam diese Kritik an, oder hat Sie das im Alter von 19 Jahren eher gekränkt? „Ich glaube, der FC Bayern ist jetzt nicht der schlechteste Klub der Welt, die wissen schon genau, was sie ihren Spielern für Tipps mitgeben. Deswegen sollte man sich das schon zu Herzen nehmen und versuchen, sich zu ver­bessern.“ Warum ist es gerade in Deutschland kompliziert, den Schritt aus dem Nachwuchsleistungszentrum zum regelmäßig spielenden Bundesligaprofi zu schaffen? „Das ist einfach der Schritt hin zum Männerfußball, der komplett anders funktioniert als der Jugendfußball. Man muss mit einer viel höheren Intensität spielen, es ist ein anderes Zweikampfverhalten, und vielleicht wird in Deutschland auch mehr Wert auf taktische Reife gelegt als in einigen anderen Nationen. Es ist nicht so einfach, all das zu erfüllen und zugleich keine Angst davor zu haben, Fehler zu machen. Denn ein junger Offensivspieler, dem der Mut fehlt, wird es auch schwer haben.“ Der Schritt in die erste schottische Liga zu den Glasgow Rangers war eher ungewöhnlich. Warum haben Sie diesen Klub gewählt? „Ich wurde ja erstmal nur verliehen. Mein Auftrag lautete, Widerstandskraft zu entwickeln, dieses Dreckige. Ich hatte mehrere Angebote, habe in Schottland aber einfach die beste Perspektive gesehen. Ich glaube, das war genau der richtige Schritt, bevor dann ab 2023 in Holland unter dem Trainer Peter Bosz eher wieder das Fußballerische im Vordergrund stand. Wichtig war für mich, immer in der Champions League spielen zu können. Aber ich hatte schon vor, mich noch einmal in Deutschland zu beweisen.“ Müssten die deutschen Spitzenklubs jungen Spielern mehr Vertrauen schenken? „Ich glaube, das würde helfen. Aber ehrlich gesagt habe ich seit meinem Abschied aus München weniger mit deutschen Spielern zu tun als in der Vergangenheit. Ich hoffe für Deutschland, dass sich etwas verbessert, aber im Moment interessiere ich mich eigentlich mehr für die Entwicklungen in den USA.“ Nach Spielen für deutsche Junioren-Auswahlteams zwischen U15 und U21 haben Sie sich für die A-Nationalmannschaft aus dem Heimatland Ihres Vaters entschieden. Warum? „Mir war immer bewusst, dass es diese Option geben wird. Damals war es einfach so, dass die Wege zur deutschen Nationalmannschaft kürzer waren und die Jugendarbeit in Deutschland besser ist als die in den USA. Ohne die U-Nationalmannschaften wäre ich nicht der Spieler, der ich heute bin. Dafür bin ich dankbar. Aber im US-Team kann ich viel spielen, das Potenzial der Mannschaft ist groß, wir haben eine WM im eigenen Land, was nur den wenigsten Spielern in ihrer Karriere vergönnt ist. Das hat dann alles dazu geführt, dass ich mich für die USA entschieden habe.“ Ihr drei Jahre älterer Bruder Timothy, der ebenfalls im NLZ des FC Bayern war und der im Moment beim Los Angeles FC spielt, hat ebenfalls Chancen auf eine WM-Nominierung für die USA. Was ist bei dem Turnier möglich? „Mittlerweile haben wir mit Mauricio Pochettino einen bekannten Trainer, der weiß, wie Erfolg funktioniert. Ich traue uns zu, mit den Top-Nationen mitzuhalten. Ich glaube, wenn wir einen guten Tag haben, bekommen wir in jedem Spiel unsere Chancen. Dass das Turnier im eigenen Land stattfindet, hilft natürlich auch. Aber ja: Wir müssen einfach da sein und unsere Leistung bringen.“ Bekommen Sie aus den USA mit, ob dort schon so etwas wie eine WM-Begeisterung entsteht? „Ich muss sagen, dass ich das Land noch nicht so gut kenne. Ich war erst 2022 anlässlich einer Einladung zur A-Nationalmannschaft zum ersten Mal dort und habe zunächst mal darüber gestaunt, wie groß dort alles ist: die Highways, die Portionen beim Essen. Doch ich weiß natürlich, dass Fußball dort nicht der allergrößte Sport ist. Ich glaube aber, ab Januar wird sich der Blick auf den WM-Sommer richten, und während unserer Länderspiele im März wird es dann wahrscheinlich auch in den USA sehr emotional werden rund um das Fußball-Team.“