Irgendwann war es dann auch mal gut mit dem Blick in die Vergangenheit. „Ich möchte aufhören, über das Nostalgische zu sprechen“, sagte Urs Fischer bei der Pressekonferenz vor dem ersten Pflichtspiel des Jahres und bat um Fragen zum Thema Fußball. Den will er mit dem FSV Mainz 05 am Samstagnachmittag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) möglichst erfolgreich bei Union Berlin spielen. Bei jenem Klub also, für den er fünfeinhalb Jahre als Trainer tätig war, den er von der zweiten Liga bis in die Champions League geführt hatte, bevor er im November 2023 entlassen wurde. Der Dank, ja, die Liebe der Fans waren Fischer gewiss. Sie huldigten ihm mit einer beeindruckenden Choreographie, sie benannten kurzerhand eine Straße in „Urs-Fischer-Allee“ um, und vermutlich werden sie ihn auch bei seiner ersten Rückkehr an die Alte Försterei feiern. Das Zusammenspiel zwischen den Anhängern und ihm sei authentisch gewesen, sagt der Schweizer. „Es ist logisch, dass in so langer Zeit auch eine Beziehung entsteht, aber diese Wertschätzung ist nicht selbstverständlich.“ Am Samstag betritt Urs Fischer das Stadion der Eisernen als Trainer des Tabellenletzten; umso dringlicher ist sein Wunsch, es mit drei Punkten im Gepäck zu verlassen. Das wäre der erste Schritt der angestrebten Aufholjagd, die schon am Dienstagabend gegen den 1. FC Heidenheim, derzeit der drei Zähler entfernte Tabellenvorletzte, ihre Fortsetzung finden soll. Hält das Wetter? 2500 Fans wollen die Mainzer in Berlin unterstützen – sofern das Spiel stattfinden wird, was angesichts der angekündigten Witterungsbedingungen noch nicht sicher ist. Nicht dabei sein wird neben weiteren Ausfällen der am Dienstag als zweiter Winterneuzugang für die Offensive verpflichtete Silas Katompa Mvumpa. Ihn setzen die Folgen eines Infekts außer Gefecht. Phillip Tietz hingegen hat Chancen, nach einer Woche am Bruchweg von Beginn an auf dem Platz zu stehen. Der pünktlich zum Trainingsauftakt eingetroffene Mittelstürmer habe sich mit seiner kommunikativen und zugänglichen Art schnell integriert, „und er findet sich zurecht, wenn es um Prinzipien geht“, bescheinigt Fischer ihm. „Das sieht auf dem Platz schon gut aus.“ Tietz ist der klassische Strafraumstürmer Tietz weiß, was die Mainzer von ihm erwarten. Nämlich dass er einen – möglichst nicht unerheblichen – Beitrag leistet, die Mannschaft in der Bundesliga zu halten. Anders ausgedrückt: Der 28-Jährige soll bewirken, was seine neuen Kollegen in den ersten 15 Saisonspielen nicht geschafft haben. Als Last empfinde er das nicht, versichert er: „Die Situation bereitet mir keinen Druck, das wäre auch der falsche Ansatz.“ Selbstverständlich wolle er Tore schießen, am liebsten schon am Samstag bei Union Berlin, und in der Vergangenheit habe er ja bewiesen, dass „ich weiß, wo das Tor steht“. Aber im Mainzer Kader stecke so viel Qualität, dass viele Akteure infrage kämen, Spiele zu entscheiden. „Wichtig ist, dass wir so schnell wie möglich vom Tabellenende wegkommen.“ An seiner Gelassenheit ändere auch die Tatsache nichts, dass sein Transfer vom FC Augsburg an den Bruchweg für vier Millionen Euro über die Bühne ging. „Ich habe sie ja nicht selbst gezahlt“, kommentiert Tietz den teuersten Wechsel in seiner Karriere und lacht. Der klassische Strafraumstürmer hat, wie er erzählt, alle seine 15 Bundesligatore für den FCA von innerhalb des Sechzehnmeterraums erzielt. Sollte Urs Fischer auch nur im Ansatz abergläubisch sein, würde er den robusten Angreifer – Tietz hat seit sechs Jahren kein Spiel verletzungs- oder krankheitsbedingt verpasst – am Samstag wohl schon deshalb von Beginn an stürmen lassen. Denn der erzielte einst sein erstes Tor als Profi an der Alten Försterei und trug sich auch in den beiden zurückliegenden Spielzeiten gegen die Köpenicker in die Torschützenliste ein. „Gegen Union“, sagt der Neu-05er, „treffe ich eigentlich ganz gern.“
