„Das ist Fußball“ – kaum einen Satz hat Bo Henriksen in seiner Amtszeit als Trainer des FSV Mainz 05 häufiger gesagt. In guten wie in schlechten Zeiten. „Das ist leider auch Fußball“, kommentierte der Däne in einer Pressemeldung des Klubs seinen schlechtesten Moment bei den Rheinhessen: die am Mittwoch erfolgte Trennung. Solange der Verein noch keinen Nachfolger gefunden hat, übernimmt U-23-Trainer Benjamin Hoffmann die Profis. Damit endet eine Zeit, die im tiefsten Abstiegskampf der Saison 2023/24 begonnen hat. Henriksen war der dritte Trainer in der damaligen Spielzeit nach dem im November zurückgetretenen Bo Svensson und dem von der Interimslösung zum Chef beförderte Jan Siewert. An Rosenmontag verkündeten die 05er die Verpflichtung, zum Einstand gelang Henriksen ein 1:0 gegen den FC Augsburg. Kader ist für die Doppelbelastung nicht ausgelegt Nach einer unglücklich zustande gekommenen Niederlage in Leverkusen und einem 1:1 gegen Gladbach schien Effekt des Trainerwechsels mit dem 1:8 in München bereits verpufft. Diesem Debakel aber ließen die Mainzer neun Spiele ohne Niederlage folgen. Mit mutigem Fußball, offensiv ausgerichtet, defensiv stabil und nicht zuletzt dank Jonathan Burkardt und des im Winter verpflichteten Nadiem Amiri. Die Rettung aus eigener Kraft gelang zum Saisonabschluss mit einem 3:1 in Wolfsburg. In die erste komplette Saison unter Henriksen stiegen die 05er einigermaßen holprig ein, arbeiteten sich aber zeitweise auf einen Champions-League-Platz vor und landeten schließlich auf dem sechsten Rang, der sie in die Conference League führte. Diese Doppelbelastung freilich erwies sich in den vergangenen Wochen für den darauf nicht ausgerichteten Kader als Problem. Zwar befinden sich die Mainzer auf internationaler Ebene nach drei Siegen und einer Niederlage auf Play-off-Kurs, in der Bundesliga aber sind sie seit dem 0:4 am vorigen Sonntag in Freiburg Tabellenletzter mit lediglich sechs Punkten aus zwölf Partien. Danach ließ Sportdirektor Niko Bungert erstmals erkennen, dass der Verein über den Trainer nachdenke. „Mainz 05 verdankt Bo Henriksen sehr, sehr viel“, sagte jetzt Sportvorstand Christian Heidel. „Er hat in einer fast aussichtslosen Lage den Verein und die ganze Stadt aufgerüttelt und uns mit seiner empathischen, leidenschaftlichen Art zum Klassenerhalt und ein Jahr später sogar bis in die Conference League geführt. Leider gibt es im Fußball aber auch immer wieder Entwicklungen, die aus sportlichen Gründen eine Neuorientierung nötig machen – obwohl alle Beteiligten bis zuletzt gemeinsam mit aller Kraft an Lösungen gearbeitet haben.“ Gemeinsam mit Henriksen seien die Verantwortlichen zu der Erkenntnis gekommen, einen solchen Punkt erreicht zu haben – „auch wenn die Trennung wirklich schmerzt. Bo ist ein toller Trainer und toller Mensch. Er hat seinen Platz in unseren Herzen und Geschichtsbüchern sicher.“ Nachfolger fraglich Henriksen selbst, der die Fans im Stadion gerne schon eine Stunde vor Spielbeginn gepuscht hatte, zeigte sich „total dankbar für die vielen Erlebnisse, die gemeinsame Zeit und die großartige Unterstützung. Mainz 05 ist ein toller Verein mit vielen tollen Menschen und tollen Fans. Wir haben gemeinsam sehr viel erreicht, in dieser Saison ist es uns leider nicht gelungen, den gleichen erfolgreichen Fußball zu spielen, obwohl wir bis zuletzt dafür gekämpft haben.“ Je mehr der Erfolg ausblieb, desto weniger schienen seine Fähigkeiten als Motivator zu greifen. Was rund eineinhalb Saisons lang originell gewirkt und gefruchtet hatte, verkam mit der Zeit zu Floskeln ohne Strahlkraft. Bis vor dem Freiburg hatte er stets sein „gutes Gefühl“ betont, selbst wenn die vorangegangenen Leistungen seiner Spieler es kaum nachvollziehbar erscheinen ließen. Nach dem desaströsen Auftritt im Breisgau aber wirkte selbst Henriksen angegriffen und resigniert. Ob die 05er einen Nachfolger finden, der die Mannschaft noch vor der Winterpause übernimmt, ist fraglich. Es müsste sich schon um einen Trainer mit einem so stark ausgeprägten Selbstbewusstsein handeln, dass er sich zutraut, die Wende auch mit dem vorhandenen Personal zu bewerkstelligen. Henriksen trauten die Verantwortlichen dies nicht mehr zu und – sofern die Formulierung mit der gemeinsam erlangten Erkenntnis der Realität entspricht – er selbst sich auch nicht. Dass der Kader dringend einiger Nachverpflichtungen bedarf, hat inzwischen auch Christian Heidel erkannt. War er im Sommer noch fest davon überzeugt, trotz der Belastung in der Conference League sowohl qualitativ als auch quantitativ gut genug aufgestellt zu sein, stellt der Manager inzwischen Transfers in der Winterpause in Aussicht. Ohne einen gestandenen Mittelstürmer und einen Innenverteidiger, die sofort helfen können, wird auch ein neuer Trainer bei den Rheinhessen eine „Mission impossible“ antreten.
