Es läuft gerade gut bei der Familie Mamdani. Wobei Vater Mahmood den Eindruck erweckt, als ginge ihn der Wahlerfolg seines Sohnes Zohran nicht allzu viel an. Der Vordenker der postkolonialen Theorie und Professor für Regierungslehre an der New Yorker Columbia Universität will sich nicht als intellektueller Mentor des neuen New Yorker Bürgermeisters verstanden wissen, auch wenn die politischen Positionen nah beieinanderliegen. Während des Wahlkampfs seines Sohnes brachte Mahmood Mamdani ein Buch heraus, das viel über sein Denken verrät. „Slow Poison“, so der Titel, vergleicht den ehemaligen ugandischen Diktator Idi Amin, den berüchtigten Schlächter Afrikas, mit seinem bis heute amtierenden Amtsnachfolger Yoweri Museveni. Der blutrünstige Tyrann schneidet am Ende besser ab als der liberale Hoffnungsträger, was umso erstaunlicher ist, als Mamdani selbst zu den Opfern von Amins Terrorherrschaft gehört. Seine Familie ist Teil jener wohlhabenden indisch-muslimischen Minderheit, die von Amin kurz nach dessen Machtantritt vertrieben wurde, nachdem sie sich um den Aufbau des Landes verdient gemacht hatte. Mehr als fünfzigtausend Inder mussten damals das Land verlassen, ihre Vermögen wurden Amins Günstlingen übergeben, die Uganda wirtschaftlich zugrunde richteten. Mamdani verschweigt nicht die Schattenseiten von Amins Terrorherrschaft, die mehr als fünfhunderttausend Menschen, oft mit lächerlichen Begründungen, das Leben kostete. Nur hält er das, was danach kam, für noch schlimmer: Amin habe das Land mit Blut getränkt und auf der Weltbühne isoliert. Aber er habe es geeint und dem Westen die Stirn geboten. Museveni hingegen liefere es dem internationalen Kapital aus und diene sich den Vereinigten Staaten als Erfüllungsgehilfe im Krieg gegen den Terror an. Unter einer scheinprogressiven multikulturellen Fassade habe sich ein Nebel aus Korruption und Zynismus über Uganda gelegt. Kritiker der strukturellen Gewalt Mamdani ist in diesem Punkt kein Freund des Multikulturalismus, der in seinen Augen ein koloniales Herrschaftsmuster fortschreibt. In seinem Buch „Citizen and Subject“ hat er schon Mitte der Neunziger den doppelten Charakter der Kolonialherrschaft beschrieben, die in den Städten direkt über das europäische Recht, auf dem Land dagegen indirekt über lokale Stammesfürsten und das Gewohnheitsrecht ausgeübt worden sei. Die Dekolonisierung habe oft nur die direkte Herrschaft gestürzt. Das Fortwirken archaischer Sitten in der Provinz macht Mamdani für das Scheitern demokratischer Aufbrüche in Afrika verantwortlich. Die Kritik struktureller Gewalt ist ein Leitmotiv seines Denkens. Die subtile Gewalt indirekter Herrschaft lernte er während seines Studiums in den Vereinigten Staaten kennen. Über ein Stipendium gelangte er an die Universität Pittsburgh und schloss sich dort der Bürgerrechtsbewegung an. Wie tief die Verbindung reichte, zeigt, dass er Zohran den Zweitnamen Kwame gab, eine Reverenz an Kwame Ture aka Stokely Carmichael, den Führer der Black-Power-Bewegung, der Gewalt für ein legitimes Mittel im Kampf gegen die Unterdrückung hielt. Nach einer Promotion in Harvard kehrte Mahmood Mamdani nach Uganda zurück, wurde durch Idi Amin vertrieben und kam nach dessen Sturz wieder, um in Kampala ein Institut für Sozialforschung aufzubauen, für das er sich noch heute engagiert. Nach Konflikten mit der neuen Regierung wechselte er auf eine Professur nach Kapstadt, die er nach einem Streit über die Ausrichtung des Lehrplans, der ihm zu eurozentrisch war, wieder verließ. Seit 1999 lehrt er Politikwissenschaft in New York. Bei den propalästinensischen Protesten an der Columbia, die teils in antisemitische Gewalt ausarteten, war Mamdani eine der Leitfiguren. Auf einem Video sieht man ihn mit Basecap in dem Protestlager, wo er einen Vortrag über Boykotte gegen Israel und Südafrika hielt. Den Slogan „From the river to the sea“, der während der Proteste skandiert wurde, will er nicht gehört haben, obwohl er auf dem Video deutlich zu vernehmen ist. Israel ist für Mamdani der Inbegriff fortdauernder Kolonialherrschaft. Ähnlich wie die Vereinigten Staaten ihre Demokratie auf dem Boden der vertriebenen Indianer errichtet hätten, so hätten die Juden die Palästinenser vertrieben und unterdrückt, um in Palästina einen Nationalstaat mit jüdischer Suprematie zu errichten. Nationalstaat und Kolonialherrschaft sind für Mamdani zwei Seiten derselben Medaille. In seinem Buch „Neither Settler nor Native“ (2020) lässt er die Geschichte des modernen Nationalstaats nicht im Zeichen religiöser Toleranz mit dem Westfälischen Frieden beginnen, sondern schon 1492 mit der Zwangskonversion oder Vertreibung der Mauren und Juden aus dem Königreich Kastilien, das sich zu gleicher Zeit anschickte, den amerikanischen Kontinent zu erobern, um dort seine Kolonialherrschaft zu errichten. Der Selbstmordattentäter als Soldat Seit einem Vierteljahrhundert wohnt Mamdani nun in den Vereinigten Staaten, aber er hat mit dem Land keinen Frieden geschlossen. In seinem bekanntesten Buch „Guter Moslem, böser Moslem“ (2005) beschrieb er das Attentat vom 11. September als Konsequenz einer arroganten amerikanischen Geopolitik, was bei manchen den Eindruck entstehen ließ, den Vereinigten Staaten sei seiner Meinung nach durchaus recht geschehen. Mamdani betrachtet den Krieg gegen den Terror nicht als Kampf der Kulturen, sonder als Fortsetzung blinder amerikanischer Interventionen von Afghanistan bis Irak, die das Monster des Dschihadismus erst geschaffen hätten, das man heute mit ähnlichen Mitteln bekämpfe, Kollateralschäden inklusive. Das Selbstmordattentat versteht er nicht als Ausdruck von Barbarei, sondern als Form moderner politischer Gewalt. Der Selbstmordattentäter ist für ihn zuallererst ein Soldat. Sein Versuch, das starre Bild des Muslims aufzulösen, das im Kampf gegen den Terror geschaffen worden sei, ist mit einem irritierend weitreichenden Verständnis für den Terrorismus verbunden. Die Kritik des Zionismus ist bei den Mamdanis ein Familienprojekt. Zohran warb im Wahlkampf zwar lieber für billige Mieten, aber seine frühere Weigerung, sich vom Slogan „Globalize the Intifada“ zu distanzieren, war kein Ausrutscher, sondern die schlüssige Fortsetzung seines Engagements bei den „Students for Justice in Palestine“ (SJP). Der Mitgründer der SJP, Hatem Bazian, hat schon vor Jahren zur Intifada in den Vereinigten Staaten aufgerufen und eine Radikalität prophezeit, wie man sie noch nicht gesehen habe. Die jüdischen Studenten, die von der SJP nicht nur verbal, sondern auch physisch bedrängt wurden, wissen, wovon die Rede ist. Die SJP ist wiederum eng mit der Israel-Boykottbewegung BDS verbunden, die von beiden Mamdanis unterstützt wird. Im Wahlkampf sah man Zohran oft an der Seite der Aktivistin Linda Sarsour, die sich als seine Mentorin ausgibt und auffällig gute Beziehungen zu Terroristen und Hasspredigern pflegt. Auf der Jahresversammlung des Council of American-Islamic Relations (CAIR) verriet Sarsour, der Wahlerfolg ihres politischen Zöglings sei das Resultat einer orchestrierten politischen Kampagne, bei der CAIR mit mehr als hunderttausend Dollar der größte Spender gewesen sei. Der Organisation wurden mehrfach terroristische und islamistische Verbindungen vorgeworfen, die aber nicht klar erwiesen sind. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Mamdanis Aufstieg von vielen New Yorker Juden mit Sorge betrachtet wird. Man interpretiert ihn als Machtantritt eines akademischen Postkolonialismus, für den Israel nur ein Vorposten westlicher Kolonialherrschaft ist, die nun endlich abgestreift werden müsse. Mahmood Mamdani träumt von einem Staat Israel, in dem nicht mehr eine Religion und ein Volk über andere regieren, sondern verschiedene Volksgruppen friedlich koexistieren. Juden wären wohl nicht mehr darunter, wenn die Ziele der von ihm unterstützten BDS-Bewegung erfüllt würden. Schließlich gehören der Bewegung auch die Hamas und der Islamische Dschihad an. Man muss ja nicht gleich selbst zur Waffe greifen.
