FAZ 20.01.2026
11:16 Uhr

Macron-Leak in Washington: Als der liebe Freund das Vertrauen brach


Der französische Präsident wollte Russland und die G-7-Staaten kurzfristig zu einem Gipfel in Paris einladen. Doch Donald Trump sprengte die gewagte Initiative – mit einem einzigen Post.

Macron-Leak in Washington: Als der liebe Freund das Vertrauen brach

Der Élysée-Palast hat den ungewöhnlichen Vorgang schnell bestätigt: Der amerikanische Präsident habe eine vertrauliche Kurznachricht Emmanuel Macrons veröffentlicht, in der der französische Präsident für eine gewagte diplomatische Initiative warb. In Frankreich wurde das als weitreichender Vertrauensbruch bewertet.  In der persönlichen Botschaft hatte sich Macron bei Trump dafür eingesetzt, noch in dieser Woche einen G-7-Gipfel in Paris zu organisieren, unter Beteiligung Russlands. Ziel sollte es sein, über die Ukraine, Syrien, Iran und Grönland zu beraten. Macron schlug vor, sich direkt im Anschluss an das Weltwirtschaftsforum in Davos in Paris zu treffen. „Mein Freund, wir sind auf einer Linie mit Blick auf Syrien. Wir können Großes vollbringen in Iran. Ich verstehe nicht, was Du in Grönland tust“, schrieb Macron an Trump. „Ich kann die Ukrainer, die Dänen, die Syrer und die Russen am Rand einladen“, schrieb Macron weiter. Macron wollte Washington entgegenkommen Frankreich hat in diesem Halbjahr die G-7-Präsidentschaft inne. Bereits 2019 beim G-7-Gipfel in Biarritz versuchte Macron mit Billigung Trumps, einen Durchbruch in der Krise mit Iran zu erzielen, scheiterte aber. Seit dieser Zeit kennt er den Wunsch Trumps, Russland in das Format einzubinden. Deshalb hatte Macron dem amerikanischen Präsidenten vorgeschlagen, „die Russen am Rand“ einzuladen. Zugleich machte der Franzose seinen Wunsch öffentlich, wieder direkte Gespräche mit Wladimir Putin zu führen, solange das nützlich sei. Bevorzugt will er gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz und dem britischen Premierminister Keir Starmer mit dem Kreml reden. Nachdem die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sich auch ins Spiel gebracht hatte, hielt man das G-7-Format offensichtlich für geeigneter. Den Vorschlag eines G-7-Treffens mit Russland hatte Frankreich nach Informationen der F.A.Z. schon vor zwei Tagen an die Bundesregierung herangetragen, war jedoch auf Ablehnung gestoßen. Berlin bevorzuge den Europäischen Rat als Forum der Absprache, hieß es dazu in Regierungskreisen. Das gelte umso mehr, da der amerikanische Präsident Trump auch kein Interesse am G-7-Format habe. Mit ihrer Annahme, dass Trump das G-7-Format ablehnen würde, schien die Bundesregierung richtigzuliegen: Offensichtlich wollte man in Washington die Initiative der französischen Präsidentschaft durch den Leak vereiteln. Das Verhältnis zwischen Trump und Macron ist gestört, wie auch die Reaktion Trumps auf die Ankündigung aus dem Élysée-Palast zeigt, wonach Macron „vorerst“ nicht die Einladung zum „Friedensrat“ („Board of Peace“) annehmen wolle. In Frankreich befürchtet man, dass die Trump-Regierung damit eine Art Konkurrenzorganisation zu den Vereinten Nationen etablieren will. „Oh, gut. Nobelpreis dafür“, sagte Trump In der Begründung aus dem Umkreis des Präsidenten heißt es, die Charta des „Board of Peace“ beziehe sich nicht nur auf Gaza. Sie werfe vielmehr fundamentale Fragen zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen auf, die in keinem Fall außer Kraft gesetzt werden dürften. Über diese Antwort war Trump so erbost, dass er daraufhin französische Weine und Champagner mit Zöllen in Höhe von 200 Prozent zu belegen drohte. Dann werde Macron schon seinem Friedensrat beitreten. Die Verstimmung zwischen Trump und Macron gründet aber auch auf einem Dokumentarfilm, der an diesem Dienstagabend im staatlichen Fernsehsender France 2 ausgestrahlt werden soll. In dem Film mit dem Titel „Der Krieg, Donald Trump und wir“ ist unter anderem ein privates Telefongespräch zwischen Trump und Macron während dessen Aufenthalts in Kiew am 10. Mai 2025 zu sehen und hören. Zu keinem Zeitpunkt klärt Macron sein Gegenüber darüber auf, dass er sich filmen lässt. „Ich weiß, es ist früh am Morgen bei dir“, sagt Macron. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe gerade in Trumps neuen Vorschlag über einen 30-Tage-Waffenstillstand eingewilligt. „Oh, gut. Nobelpreis dafür“, hört man Trump antworten. In der Reaktion des Élysée auf die Veröffentlichung der Kurznachricht heißt es nun, der Vorgang belege, dass Präsident Macron privat und öffentlich den gleichen Diskurs pflege.