Ein Gefühl des Erstaunens mischte sich am Samstagabend in die Freude von Simon Rolfes, der nach dem Abpfiff auf einen Derbysieg seiner Leverkusener gegen den 1. FC Köln zurückblickte. Beste Bundesligaunterhaltung hatten die beiden Teams geboten. „Von der ersten bis zur letzten Minute war Leverkusen wie ein Champions-League-Aspirant unterwegs“, lautete die Bilanz des Kölner Trainers Lukas Kwasniok. Seine Mannschaft hingegen sei aufgetreten „wie ein Aufsteiger“. Verwundert war Leverkusens Sportchef Rolfes also nicht über Spielverlauf und Ergebnis, sondern über das Verhalten der eigenen Ultras, die das Stadion nach wenigen Minuten als Akt der Verbindung mit den Kölnern verlassen hatten. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich unsere mit den Kölnern solidarisieren“, sagte Rolfes. Rund 500 FC-Anhänger hatten die Arena gar nicht erst betreten, nachdem einige von ihnen aus ihrer Sicht unangemessen hart kontrolliert worden waren. In sozialen Medien verbreiteten Mitglieder der Kölner Fanszene Berichte über „Nacktkontrollen“, die durchgeführt worden seien. Die Polizei dementiert jedoch, in dieser Art und Weise vorgegangen zu sein. Ein Polizeisprecher teilte der F.A.Z. am Sonntag auf Anfrage mit, dass Beamte einen Mann, der versucht hatte, ohne gültiges Ticket ins Stadion zu kommen, „zur Identitätsfeststellung in die Stadionwache brachten“. Dort seien „im Rahmen einer oberflächlichen Durchsuchung nach Ausweispapieren (...) verdächtige Gegenstände ertastet“ worden. „Nach Aufforderung, die bis dahin unbekannten Gegenstände hervorzuholen, zog der Mann selbständig seine Hose aus und übergab den Beamten einen Zahnschutz und zwei Bandagen, die er in seiner Unterhose deponiert hatte.“ Womöglich gibt es auch eine anders klingende Version dieser Vorkommnisse. Selbst wenn der Mann seine Hose „selbständig“ auszog, heißt das noch nicht, dass er das auch freiwillig tat. Eine Dynamik der Eskalation droht Jenseits der Detailfragen zeigte sich an diesem Abend aber ein recht neues Phänomen, das schon bei der großen Demonstration von Szenen aus ganz Deutschland in Leipzig im November sichtbar war: Die gemeinsame Feindschaft vieler aktiver Fans zur beim Fußball agierenden Polizei ist inzwischen stärker als eine seit Jahren gepflegte Gegnerschaft von Ultralagern wie den Kölnern und den Leverkusenern. Zwar lagen manche Hintergründe auch am Sonntag im Dunkeln, aber eine Entwicklung zeichnet sich gut eine Woche nach dem Ende der Innenministerkonferenz (IMK) deutlich ab. Nach dort geführten Diskussionen über Stadionsicherheit droht eine Dynamik der Eskalation. Das ist überraschend, denn zunächst waren die Ergebnisse der IMK noch als Beitrag zur Befriedung interpretiert worden. Forderungen der Hardliner nach mehr Überwachung und personalisierten Tickets wurden nicht erfüllt. Vereine, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hatten auf eine Strategie der Annäherung und auf Instrumente der Kommunikation gesetzt. Die Annahme, dass damit das Konfliktpotential bei Begegnungen zwischen sogenannten Störern aus den Fanszenen und der Polizei geschwächt werde, ist aber offensichtlich ein Trugschluss. Es scheint vielmehr, als gingen – zumindest an einzelnen Standorten – sowohl die Polizei in die Offensive als auch die Grenzgänger aus den Kurven. In ihrem nach der IMK veröffentlichten Beschlussdokument stellen die Innenminister einerseits fest: „Die ganz überwiegende Zahl der Fußballbegegnungen in allen Spielklassen verlaufen (sic!) gut organisiert und weitgehend friedlich.“ Sie weisen aber zugleich darauf hin, „dass wenige Störer mit hoher Gewaltbereitschaft eine nicht hinzunehmende Beeinträchtigung für die Sicherheit in und um die Stadien sowie auf den Reisewegen darstellen. (...). Vandalismus in den Stadien, Raubdelikte und Körperverletzungen, die Verwendung unerlaubter und gefährlicher Pyrotechnik in und abzielend auf Menschenmengen sind keine Kavaliersdelikte, sondern zeugen von hoher krimineller Energie.“ Hier bestehe „Handlungsbedarf, im Interesse eines Fußballs ohne Gewalt gegen diese Entwicklungen konsequent vorzugehen.“ Wie dieses konsequente Vorgehen aussehen kann, ließ sich nun in Köln beobachten, wo tatsächlich ein sehr friedliches Derby stattgefunden hatte. Zu Beginn der Partie waren die Leverkusener Ultras noch anwesend, führten ihre geplante Pyroshow auf und verließen dann das Stadion. Das gesamte Spiel wurde zu einem ungewohnten Erlebnis: Das Liedgut war eher altmodisch, manchmal wurde es recht still. Dafür waren die Reaktionen des Publikums direkter mit dem Geschehen auf dem Platz verbunden als in Stadien, die von der lauten Monotonie des Ultra-Supports dominiert werden. Zudem verlief insbesondere die Einlasskontrolle am Gästebereich, die vor brisanten Spielen oft zum neuralgischen Punkt der Sicherheitsorganisation wird, „ruhig und ohne Zwischenfälle“, teilte Bayer Leverkusen mit. Die Kölner Ultras haben ohne weitere Vorkommnisse das Leverkusener Stadtgebiet verlassen. Die Polizei konnte sich also für ihren Beitrag zu einem friedlichen Verlauf des Abends loben: „Das Einsatzkonzept der Polizei Köln beim Risikospiel Bayer 04 Leverkusen gegen den 1. FC Köln ist aufgegangen.“ Zugleich werden sich Kritiker bestätigt fühlen, die die Deeskalationserzählung nach der IMK in Zweifel gezogen hatten. „Als hätte es den deutlichen öffentlichen Widerspruch der vergangenen Wochen nicht gegeben, setzen die Innenministerinnen und Innenminister ihren Kurs gegen alle Fans sowie die vielfältige Fankultur unbeirrt fort“, hatte Linda Röttig aus dem Vorstand des Dachverbandes der Fanhilfen vorige Woche erklärt. Genau wie die Polizei können auch die misstrauischen Fans aus den Vorkommnissen rund um das Derby Stoff für ihre eigene Argumentation ziehen. Schon lange fühlen sich friedliche Fans gelegentlich von der Polizei gegängelt, wenn sie in größeren und vielleicht von Delinquenten durchsetzten Gruppen unterwegs sind. Immer wieder gibt es Berichte über hartes polizeiliches Vorgehen, das längst nicht nur die Störer trifft. Sondern auch harmlose Anhänger, die als Teil des Kollektivs behelligt werden. Das ist der Treibstoff für die große Solidarität. Polizei und Fans stellen ihre Macht zur Schau Dass die Polizei noch am Abend mitteilte, eine „passive Bewaffnung“ bei den untersuchten Leuten gefunden zu haben, klang gefährlich. Am Sonntag stellte sich heraus, dass es sich um einen Zahnschutz, zwei Bandagen und, in einem anderen Fall, um eine Sturmhaube handelte. Eine akute Gefahr, die durch die Polizeiaktivität verhindert wurde, scheint es nach allem, was bekannt ist, nicht gegeben zu haben. Immer deutlicher wird vielmehr, dass sowohl die Polizei als auch die Problemfans ihre Macht zur Schau stellen. Unter der Woche warfen Anhänger aus Frankfurt in Barcelona, Augenzeugen zufolge, eine Pyrofackel, Becher mit einer gelblichen Flüssigkeit, weitere Gegenstände und Teile der Stadionverkleidung auf andere Menschen. In München fand am Dienstag bei der Champions-League-Partie gegen Sporting Lissabon eine besonders ausgiebige Pyro-Orgie statt, der Klub rechnet mit einer harten Strafe. Am Samstag musste das Spiel Hannover gegen Bochum aufgrund exzessiven Feuerwerkens für rund sechs Minuten unterbrochen werden. Auch wenn die Fanorganisationen immer wieder darauf hinweisen, dass es sich bei den Momenten der Gewalt um Einzelfälle handle, dass Pyrotechnik als Bestandteil der Fankultur gesondert betrachtet werden müsse, ist die Gesamtlage eine Woche nach der IMK eher angespannter als zuvor. Vor dem rheinischen Derby teilte die Kölner Polizei mit, „gegen potentielle Störer Aufenthalts- und Bereichsbetretungsverbote ausgesprochen sowie Gefährderansprachen durchgeführt“ zu haben. Polizeioberrat Marius Müller, der den Einsatz am Samstag leitete, hatte erklärt: „Unsere szenekundigen Beamten kennen potentielle Gewalttäter. Wir werden diese besonders im Auge behalten.“ Genau das ist geschehen, auch wenn diese Personen sich an diesem Abend im eigentlichen Sinne nichts haben zuschulden kommen lassen. Die AfD und ein „Paradebeispiel für gezielte Desinformation“ Mittlerweile vereinnahmt sogar die AfD das Thema. Diese Partei versucht fast immer Profit zu schlagen, wo Konflikt- und Spaltungsprozesse im Gang sind. Im Stuttgarter Landtag hatten Abgeordnete in der vergangenen Woche eine mit dem Slogan „Freiheit für die Fans – Innenministern die Rote Karte zeigen“ betitelte Debatte beantragt. Der AfD-Mann Ruben Rupp übernahm die Argumentation der aktiven Fans, sprach von einem „Angriff ungeahnten Ausmaßes auf die deutsche Fußballkultur“ und erklärte: „Jetzt will man den Bürgern noch die letzte Freiheit nehmen.“ Die Partei sieht anscheinend Gelegenheit, Zustimmung in der staatsmachtkritischen Ultrakultur einzusammeln. An einem Ort, wo viele junge Menschen unterwegs sind, deren politisches Weltbild gerade erst entsteht. Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) widersprach und bezeichnete Rupps Behauptungen als „Paradebeispiel für gezielte Desinformation“. Auch weil Baden-Württemberg das Bundesland ist, in dem 2017 das Dialogformat der Stadionallianzen erfunden wurde, das heute als Schlüsselinstrument zur Deeskalation gilt. Und der CDU-Abgeordnete Tim Bückner erklärte, dass die AfD „etwas skandalisiert, was es gar nicht gibt“. Viele Ultras aus Köln und Leverkusen werden nach dem Derby eher den Eindruck haben, dass die AfD recht hat. Dass die Argumentation der polizeikritischen Fanhilfen plötzlich von den Rechtspopulisten vereinnahmt wird, zeigt, wie vielschichtig das Thema ist. Es wird den Fußball noch lange begleiten.
