FAZ 10.12.2025
11:00 Uhr

Machtkampf mit DFB: Wie der neue Ligaverband den deutschen Frauenfußball verändert


Die Frauen-Bundesliga droht international den Anschluss zu verlieren, die Vereine gründen deshalb einen neuen Verband. Doch dahinter steckt auch ein Kräftemessen mit dem DFB. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Machtkampf mit DFB: Wie der neue Ligaverband den deutschen Frauenfußball verändert

Was erhoffen sich die Vereine von der Gründung eines eigenen Ligaverbandes? Mit dem „FBL e. V.“ streben die Klubs eine Neuaufstellung des Frauenfußballs in Deutschland an. Konkret setzen die Vereine darauf, durch Eigenorganisation eine „moderne, professionelle und nachhaltige Entwicklung der Frauen-Bundesliga“ zu sichern. An den Plänen wird mittlerweile seit drei Jahren gearbeitet. Statt weiterhin unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu stehen, möchten die Klubs ihre Liga eigenverantwortlich gestalten. Damit verbunden ist auch der Wunsch nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit: Durch die Gründung eines Ligaverbandes sollen verlässliche Strukturen geschaffen werden – für mehr Sichtbarkeit, eine bessere Vermarktung und dadurch höhere Einnahmen. Warum wurde dieser Schritt notwendig? Die Frauen-Bundesliga droht, im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren. „England hat mit seiner Liga einen deutlichen Vorsprung, aber danach kommt im wirtschaftlichen Gesamtbild direkt Deutschland – vor Spanien, Frankreich und Italien“, sagt Nicole Bender-Rummler, die Bereichsleiterin Frauenfußball beim 1. FC Köln. Doch dieser Status ist in Gefahr: Während in anderen Ländern massive Investitionen getätigt wurden, stagnierte der Frauenfußball hierzulande – wirtschaftlich wie infrastrukturell – über Jahre. Viele Vereine investieren zwar, aber oft nicht in dem Maße, das nötig wäre, um mit anderen Ligen mitzuhalten. Auch, weil der Frauenfußball noch immer ein Zuschussgeschäft ist, das von der Unterstützung durch die Männerabteilungen und deren Budgets abhängig ist. Der Ligaverband soll hier ansetzen: Die Vereine wollen eine Organisation, die ihre Interessen repräsentiert, statt weiter in den Strukturen des Männerfußballs „mitverwaltet“ zu werden. Worum geht es in dem Streit zwischen den Vereinen und dem DFB? Der Ligaverband, der am Mittwoch im Frankfurter Stadion gegründet wird, ist mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) bei den Männern zu vergleichen. Ursprünglich war in einem zweiten Schritt ein Joint Venture zwischen dem DFB und dem Zusammenschluss der 14 Vereine angedacht. Ob es zu diesem kommt oder die Klubs einen eigenständigen Weg gehen, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings völlig offen. Die Vereine kündigten an, die Professionalisierung der Frauen-Bundesliga – zumindest vorerst – ohne den DFB vorantreiben zu wollen. Die Klubvertreter beklagen, dass verhandelte Eckpunkte nachträglich infrage gestellt wurden. Der Plan hatte vorgesehen, dass der Ligaverband und der DFB jeweils 50 Prozent der Anteile an der „FBL GmbH“ halten sollen. Doch in der letzten Phase der Verhandlungen stellte der DFB Forderungen, die aus Sicht der Vereine nicht akzeptabel waren – etwa eine Zweidrittelmehrheit für Beschlüsse. Dies hätte dem DFB de facto ein Vetorecht eingeräumt, obwohl die Klubs bereit waren, deutlich mehr Geld zu investieren: Während der DFB 100 Millionen Euro aufgebracht und diese schrittweise innerhalb von acht Jahren in die Liga eingezahlt hätte, wollen die Vereine eine Summe zwischen 300 und 700 Millionen Euro stellen. Dem widersprach der DFB: Eine Beteiligung am Ligaverband sei nie geplant gewesen. Erst wenn dieser gegründet sei, solle ein Joint Venture entstehen. Vielmehr seien es die Klubs gewesen, die dem DFB weitreichende Ergänzungen und Änderungswünsche übermittelt hätten, auf die der Verband „verhandlungsüblich“ reagiert habe. DFB-Präsident Bernd Neuendorf glaubt trotz des Alleingangs weiter an eine Übereinkunft mit den Vereinen. „Wir werden darüber sprechen, man wird sich annähern und zu einer Lösung kommen. Da bleibe ich optimistisch“, sagte er am Sonntag bei Welt TV. Welche Kräfte stecken hinter dem Konflikt? Federführend betrieben wurde das Zerwürfnis von den Männerfußball-Funktionären Axel Hellmann (Eintracht Frankfurt) und Jan-Christian Dreesen (Bayern München), die auch bei der DFL hohe Ämter bekleiden. Hellmann hatte sich in der Vergangenheit wiederholt unzufrieden mit den Strukturen des Frauenfußballs in Deutschland gezeigt und auch eine Loslösung vom DFB nicht ausgeschlossen. Er gilt als führender Kopf hinter der Gründung der „FBL GmbH“. Die Männerklubs, die in den Frauenfußball investieren, wollen alle Macht in den eigenen Händen halten. Dass die Verhandlungen darüber nicht ohne eine Eskalation möglich waren, wirft kein gutes Licht auf die – fast ausschließlich Männer –, die über die Zukunft der Frauen-Bundesliga entscheiden. Obwohl die Entscheidung, den Prozess ohne den DFB fortzuführen, einstimmig getroffen wurde, war am Ende der vergangenen Woche die Aufregung groß: Im DFB und in manchen Klubs loderte der Zorn über das Vorgehen der Bayern, der Frankfurter und ihrer Verbündeten. Eine Welle diplomatischer Aktivitäten zu Beginn der neuen Woche hat aber erst mal eine Deeskalation bewirkt. Was soll mit den 300 bis 700 Millionen Euro, die die Vereine in die Professionalisierung der Frauen-Bundesliga investieren wollen, gemacht werden? Im Kader, den Bundestrainer Christian Wück für das (verlorene) Nations-League-Finale gegen Spanien nominierte, standen sieben Spielerinnen, die im Ausland ihr Geld verdienen. Weitere Transfers ins Ausland im kommenden Sommer, wenn die Verträge von Nicole Anyomi, Elisa Senß (beide Frankfurt) oder Lea Schüller (FC Bayern) auslaufen, sind im Gespräch. Diesen Trend wollen die deutschen Vereine stoppen und langfristig umkehren. In der nordamerikanischen National Women’s Soccer League oder der FA Women’s Super League in England sind durch lukrativere TV-Verträge bessere Rahmenbedingungen geschaffen worden, die sich unter anderem darin widerspiegeln, dass Topspielerinnen dort bis zum Dreifachen mehr verdienen als in Deutschland. Hierzulande gibt es noch immer Spielerinnen, die neben dem Profifußball jobben müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Ein Grundgehalt von rund 3000 Euro gehört deswegen zu den Ideen. Die Mitarbeiterstäbe sollen in allen Klubs wachsen; Assistenztrainer, Physiotherapeuten, Athletiktrainer und Videoanalysten sollen hauptberuflich beschäftigt werden, um die Teams weiterzuentwickeln. Auch die Spielstätten sollen modernisiert und erweitert sowie die Digitalisierung und Marketingprojekte vorangetrieben werden. Laut aktuellen Studien gilt die Frauen-Bundesliga als einer der dynamischsten Wachstumssektoren im europäischen Spitzensport. Dieses Potential soll mit dem Geld gehoben werden. Wie soll sich der „Frauen-Bundesliga FBL e. V.“ personell aufstellen? Es gilt als ausgemacht, dass Katharina Kiel, die Sportdirektorin der Eintracht-Frauen, dem Ligaverband vorstehen soll. Hellmann lobte die Dreiunddreißigjährige, die bei der Eintracht sehr zurückhaltend agiert, in der „Frankfurter Rundschau“ vor Kurzem als „extrem fachkundig, engagiert und mit den Klubs bestens vernetzt“. Kiel, die früher selbst für den 1. FFC Frankfurt, den SC Bad Neuenahr und die TSG Hoffenheim unter ungleich weniger ersprießlichen Bedingungen hochklassig spielte, habe in den vergangenen 18 Monaten den Prozess der Professionalisierung „federführend betrieben“, sagte Hellmann: „Sie hat die Klubs zusammengehalten und kann die Dinge im großen Bild denken.“ Ergänzt werden soll die Spitze des Ligaverbands durch zwei Vizepräsidenten, für die vorab öffentlich noch keine Namen gehandelt wurden. Wie will der Ligaverband ähnliche Fehlentwicklungen wie im Männerfußball vermeiden? Solche Überlegungen wurden bisher von Machtfragen überlagert, doch das Problem ist längst vorhanden: Der FC Bayern war zuletzt viermal nacheinander Meister und ist auch jetzt mit großem Vorsprung Tabellenerster. Der einzige andere Titelgewinner seit 2012 ist der VfL Wolfsburg. Wirtschaftlicher Erfolg des Gemeinschaftsprojekts ist aber nur möglich, wenn Abwechslung und Spannung garantiert sind. Bender-Rummler sagt: „Wenn man auf die Tabelle blickt, ist das eine sehr spannende Liga. Sportlich ist der Wettbewerb zuletzt immer enger geworden, die kleineren und die mittleren Klubs haben schon jetzt nachgezogen.“ Der Titelkampf ist aber weiterhin einseitig. Wenn keine klaren Regeln eingeführt werden, die eine bessere Wettbewerbsgleichheit garantieren, droht mittelfristig eine ähnliche Clusterung wie bei den Männern, wo der Wettbewerb irreparabel beschädigt zu sein scheint. „Wie wir solche Regularien gestalten können, ist ein schwieriges Thema, zu dem es verschiedene Ideen und auch verschiedene Geschmacksrichtungen gibt“, sagt Bender-Rummler.