FAZ 07.03.2026
10:48 Uhr

Luxuskader der Bayern: Musiala ist wieder im Spiel


Der FC Bayern gewinnt souverän gegen Gladbach. Jamal Musiala erzielt sein erstes Bundesliga-Tor nach seinem Comeback und nähert sich alter Form. Doch was wird nun aus Lennart Karl und Serge Gnabry?

Luxuskader der Bayern: Musiala ist wieder im Spiel

In der 57. Minute steckten Nicholas Jackson, Joshua Kimmich und Leon Goretzka die Köpfe zusammen, als müssten sie eine Grundsatzfrage klären, und irgendwie taten sie es in diesem Moment auch. Schiedsrichter Robert Schröder hatte soeben beim Stand von 2:0 auf Elfmeter entschieden, weil Gladbachs Rocco Reitz im Strafraum an Jackson gezurrt hatte – kein brutales Foul, aber eines ohne Aussicht auf den Ball. Schröder zeigte auf den Punkt und zückte noch dazu die Rote Karte. Normalerweise geht dann alles ganz schnell. Nur fehlte diesmal mit Harry Kane der Mann, der sonst die Elfmeter schießt und verwandelt, wegen eines Schlags auf die Wade. Und so kam es zu einer Situation, die es in dieser Saison noch nicht gegeben hat: Die Bayern-Spieler mussten entscheiden, wer stattdessen die Verantwortung übernimmt, und wurden sich trotz anfänglicher Diskussion offenbar schnell einig. Musialas erstes Tor nach seinem Comeback Der Ball wanderte zu Jamal Musiala, der nach seiner schweren Verletzung erstmals durchspielte. Er trat an, verzögerte kurz und traf in die rechte Ecke. Es war sein erstes Tor in der Bundesliga seit fast einem Jahr und deshalb auch ein Moment der Erleichterung – für ihn selbst wie für seine Mitspieler. Die liefen zu ihm und gaben Musiala einen leichten Stoß, als wollten sie ihm das Selbstvertrauen für die heiße Saisonphase gleich mitgeben. Musiala war bei diesem 4:1-Sieg des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach präsent, er arbeitete viel, forderte die Bälle, bewegte sich zwischen den Linien. Man sah ihm an, dass er wieder Einfluss auf das Spiel nehmen wollte. Doch es gab auch Momente, in denen sichtbar wurde, dass er noch nicht wieder der Alte ist. In Zweikämpfe ging er nicht immer mit dem letzten Risiko hinein, manchmal schien er eher auszuweichen, als konsequent durchzuziehen. Auch diese spielerische Leichtigkeit, die ihn vor seiner Verletzung ausgezeichnet hatte, deutete er nur selten an. Das ist nach einer langen Pause nicht ungewöhnlich. Selbst herausragende Spieler brauchen Zeit, um wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Man müsse sich die Schwere von Musialas Verletzung immer wieder bewusst machen, mahnte Trainer Vincent Kompany bei der Pressekonferenz. Musiala hatte sich bei der Klub-WM im Viertelfinale gegen Paris Saint-Germain bei einem Zusammenprall mit Torwart Gianluigi Donnarumma einen Bruch des Wadenbeins und eine Verrenkung des Sprunggelenks zugezogen. Er bleibe „sehr ruhig“ mit Musiala und schütze ihn weiterhin: „Er wird irgendwann sein bestes Niveau wieder haben, vielleicht noch besser“, sagte Kompany und verwies auf die körperlichen Fortschritte, die Musiala auf dem Weg zum Comeback gemacht habe. „Er soll zufrieden sein, und wir sind auch zufrieden.“ Für Kompany ergibt sich daraus allerdings auch eine Schwierigkeit, die in den kommenden Wochen eher größer als kleiner werden dürfte. „Mit solchen Spielen komme ich wieder in den Rhythmus“ Da ist zunächst Musiala selbst. Wenn er sein altes Niveau erreicht, ist er der kreativste Spieler im Kader – einer, der sich schnell aus Drucksituationen befreit, der auf engstem Raum Lösungen findet, der Spiele allein verändern kann. Doch dafür braucht er Situationen, in denen er wieder eine Selbstverständlichkeit entwickeln kann. „Mit solchen Spielen komme ich wieder in den Rhythmus, deshalb bin ich sehr glücklich“, sagte Musiala beim TV-Sender „Sky“. Das sei sein dritter Start gewesen und die ersten 90 Minuten nach der Verletzung: „Der Fuß ist ein bisschen müde, aber es fühlt sich gut an.“ Nur ist die Konkurrenz in dieser Saison bemerkenswert. Lennart Karl hat im Herbst seine Chance genutzt und sich nachhaltig empfohlen, weil er dem Münchner Angriffsspiel eine andere Qualität gibt: Er bringt Tempo, Direktheit und jugendliche Unbekümmertheit hinein, suchte auch gegen Gladbach immer wieder das Eins-gegen-eins und den eigenen Abschluss, und lieferte die Vorlage zu Jacksons Treffer zum 4:0 (79. Minute). Vor allem gegen Gegner, die kompakt verteidigen, kann diese Dynamik wertvoll sein, weil sie Räume aufreißt. Was wird aus Lennart Karl und Serge Gnabry? Zuletzt musste er sich jedoch wieder hinter Musiala einordnen. Zweimal auf der Bank zu sitzen, sei er nicht gewohnt gewesen. Dabei steht für ihn viel auf dem Spiel: Bundestrainer Julian Nagelsmann hat betont, dass Karl einen gewissen Rhythmus sammeln müsse, um bei der WM dabei zu sein. Er habe nicht den Anspruch, dass Karl Stammspieler werde, „denn das wird er nicht“, sagte Nagelsmann im Interview mit dem „Kicker“. Aber bei jungen Spielern gehe es viel ums Selbstvertrauen. „Er darf nicht zu uns kommen und dann die graue Maus sein, sondern er muss das Freche reinbringen.“ Und schließlich gibt es noch Serge Gnabry. Er ist in dieser Konstellation vielleicht die verlässlichste Lösung, weil er selten unter seinem Niveau bleibt. Für Trainer kann das in den entscheidenden Spielen ein wichtiger Faktor sein. Kompany weiß ziemlich genau, was er von Gnabry erwarten kann. Er hat also drei Optionen für eine Position – und jede hat ihre Berechtigung, zu spielen. Setzt Kompany auf Musiala, fördert er dessen Rückkehr zu alter Stärke, nimmt aber in Kauf, dass andere, womöglich formstärkere Spieler weniger Einsatzzeit bekommen. Lässt er Karl spielen, gibt er ihm die Spielpraxis, die der 18-Jährige braucht, um sich weiterzuentwickeln. Entscheidet er sich für Gnabry, bekommt er Erfahrung, zuverlässige Laufwege und jemanden, der die Position von Kane übernehmen kann, wenn dieser sich tiefer fallen lässt. Wahrscheinlich wird Kompany zwischen mehreren Optionen wechseln – nicht nur aus taktischen Gründen, sondern auch, um die Belastung zu steuern. Beginnend mit dem Achtelfinale gegen Atalanta Bergamo am Dienstag (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Prime Video) könnte es bis Mitte Mai erst einmal die letzte freie Woche gewesen sein. Der Sieg gegen Gladbach hat aber auch Fragen aufgeworfen, die die kommenden Spiele begleiten dürften: Wie findet Kompany die richtige Balance zwischen Rotation und Ergebnis, zwischen Entwicklung und Verlässlichkeit? Und wie viel Geduld kann – und muss – sich der FC Bayern mit Musiala leisten?