In der ersten Bühnenanweisung von Oscar Wildes Komödie „Ernst sein ist alles“ hat das Haus seinen Auftritt: „Salon in Algernons Wohnung in der Half Moon Street. Das Zimmer ist luxuriös und kunstvoll ausgestattet.“ So ist es noch immer im Flemings Mayfair Hotel in der Seitenstraße der Prachtmeile Piccadilly. Dieses Jahr feiert das Fünfsternehaus seinen 175. Geburtstag. In dreizehn miteinander verbundenen georgianischen Stadthäusern vereinen seine 129 Zimmer, von denen keines geschnitten ist wie das andere, und zehn Apartments Art-déco-Eleganz und zeitgenössischen Komfort. Die neue Oscar-Wilde-Suite ist in ihrer farbenprächtigen Extravaganz von der Komödie inspiriert, die am Valentinstag des Jahres 1895 Premiere feierte und auch heute ein Dauerbrenner im Londoner Westend ist. Anfang 2026 wurde sie mit Stephen Fry als Lady Bracknell und kurz darauf gleich noch einmal in anderer Produktion im Grand Theatre gespielt. Die Wilde-Suite besteht aus einer Hälfte des Apartments, das Vorbild für Algernons Wohnung im Stück gewesen sein soll. Und wirklich war der Dichter, Dramatiker und Dandy Wilde regelmäßig in der Bar des Hauses zu Gast; er soll sein beliebtestes Stück sogar dort geschrieben haben. Heute befindet sich an dieser Stelle der Drawing Room. Mit Marmorkamin und handgemalten indischen Szenen auf den Wandpaneelen ist er als Kulisse für Afternoon Tea so geeignet wie für die Lektüre von Oscar Wilde. Seinen Namen verdankt das Sträßchen dem nicht mehr existierenden Pub „The Half Moon“. Schon im 18. Jahrhundert, als die 1734 erbaute Häuserreihe brandneu war, wurde die Gasse zum Treffpunkt von Geist und Geld. Die Autoren James Boswell, Fanny Burney und William Hazlitt wohnten in der Half Moon Street, 1868 bezog der amerikanische Romancier Henry James hier seine erste Londoner Wohnung. Vor allem aber mieteten wohlsituierte Junggesellen sich hier ein, um in bester Lage die Vergnügungen der Metropole auszukosten. In Anerkennung dieser Tatsache ließ P. G. Wodehouse seinen Protagonisten Bertie Wooster samt Butler Jeeves stilecht in der Half Moon Street im teuren Mayfair residieren. Vorbild für Miss Marples Hotel Portraits von Agatha Christie, James Joyce und Gertrude Stein schmücken die Cocktailbar Manetta’s, die in Schwarz, Rosa und Gold, mit dicken Teppichen, Samt und schimmerndem Messing ausgestattet, unmittelbar in die Dreißigerjahre führt. Seit den Besuchen von Wilde hat sie außer dem Design auch ihren Standort geändert und liegt nun im Untergeschoss neben dem mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurant „Ormer Mayfair“. Noch immer ist Manetta’s Treffpunkt für Literatur- und Leinwand-Prominenz. Im Korridor hängen Fotografien von Andy Gotts, der hier im Haus die Schauspieler Kate Winslet, Hugh Bonneville, Matt Smith und Dame Judi Dench, einen zerknautschten Ron Wood sowie Oscarpreisträgerin Jessie Buckley fotografierte. Hollywoodstar Minnie Driver checkte kürzlich ein, auch Hillary Clinton war unlängst zu Gast. Und ein Wilde und Wodehouse zugetaner Autor und Schauspieler logiert stets unerkannt im Flemings, wenn er im Westend Theater spielt. Mit dem noch älteren Brown’s Hotel konkurriert das Flemings Mayfair um die Ehre, Vorbild für Agatha Christies Miss-Marple-Krimi „Bertrams Hotel“ zu sein. Henrik Muehle, seit 2014 Direktor des Hotels, ist sicher, dass die Queen of Crime sein Haus als Schauplatz im Sinn hatte. „Die Adresse entspricht unserer“, so der gebürtige Kölner, der seit 23 Jahren in London zu Hause ist. Doch Christie verwischte ihre Spuren diskret genug, um Raum für Interpretation zu lassen. Sicher ist hingegen, dass Ian Fleming hier nie abstieg – die Namensgleichheit zwischen dem James-Bond-Schöpfer und Robert Fleming, der das Hotel 1851 anlässlich der von Königin Victorias Prinzgemahl Albert organisierten Great Exhibition eröffnete, ist reiner Zufall. Neben den literarischen Assoziationen des Hotels zieht auch die Lage wenige Schritte von Green Park, Buckingham Palace und Bond Street viele Gäste immer wieder ins Flemings Mayfair – und die Küche des Hauses. An fünf Abenden in der Woche verwandelt sich das „Ormer Mayfair“, in dem die Hotelgäste morgens frühstücken, in ein Gourmetrestaurant, wenn Küchenchef Sofian Msetfi, dreiunddreißig, mit seiner Crew ein fünf- und ein siebengängiges Tasting-Menü zubereitet. Seine Küche ist von seinen Wurzeln inspiriert: Seine Mutter ist Irin, der Vater Marokkaner, er wuchs in England auf; am Herd führt er alle Fäden zusammen. So gibt es zum Sauerteigbrot neben Honigbutter Olivenöl vom Land des marokkanischen Großvaters. Die „Geräucherte Makrele aus Cornwall mit Oscietra-Kaviar und Sesampaste in Harissa-Sud“, der Newlyn-Steinbutt „Marocaine“ mit Chili, Kohlrabi und Zitrone sowie die „Geröstete Ente Yorkshire mit Zaalouk“ verbinden die europäischen und nordafrikanischen Einflüsse und schaffen dabei neue, außergewöhnliche Geschmackserlebnisse. Sie haben Msetfi einen Michelin-Stern eingebracht. Luxus und Not sind auch im glanzvollen Mayfair nahe Nachbarn. Infolge grotesk hoher Mieten und stark gestiegener Lebenshaltungskosten hat sich die Zahl der wohnungslosen Menschen in London im Laufe von zehn Jahren mehr als verdoppelt. 12.000 leben auf der Straße, 180.000 bei Verwandten oder in städtischen Notunterkünften. In den langen Korridoren des Flemings Mayfair, die Stufen hinauf- und hinab- und an Porträts der Gäste Frank Sinatra und Robert De Niro vorbeiführen und sich um immer neue Ecken winden, bis sie schließlich vor dem schallisolierten Refugium des Zimmers enden, erscheint dem Gast dieser Rückfall in dickensische Verhältnisse mit jedem Schritt unwirklicher. Henrik Muehle hat durch fünf Teilnahmen am „CEO Sleep Out“, bei dem Führungskräfte alljährlich eine Novembernacht im Freien verbringen und online Spenden sammeln, einen sechsstelligen Pfundbetrag für die Bekämpfung dieser Krise zusammengetragen. Regelmäßig hilft er einer gemeinnützigen Organisation, im Herzen der Hauptstadt Essen und Kleidung auszugeben. Und noch vor den exquisiten Tasting-Menüs bereitet das Team um Sofian Msetfi jeden Mittwoch sechzig Mahlzeiten zu. Sie werden nicht den Gästen serviert, sondern an Obdachlose verteilt. Weitere Informationen: Im Flemings Mayfair Hotel (7–12 Half Moon Street, London W1J 7BH) kostet das Doppelzimmer mit Frühstück von 375 britischen Pfund an. Das fünfgängige Tasting Menu im „Ormer Mayfair“ gibt es für 95 Pfund, das siebengängige Menü kostet 140 Pfund. www.flemings-mayfair.co.uk
