Manchmal dauert die Wiedererweckung etwas länger. Im Fall der alten Thermen von Spa waren es zweiundzwanzig Jahre. Nach über 130 Jahren Betrieb musste der Neorenaissance-Koloss 2003 geschlossen werden. Das 1868 eröffnete Thermalbad, ein Werk von Belgiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führendem Architekten Léon Suys, war stark sanierungsbedürftig, der Anwendungsbereich marode. Ein weiterer Betrieb der pompösen Anlage mit ihren 52 Behandlungskabinen und ebenso vielen marmornen oder kupfernen, in beiden Fällen grufttiefen Badewannen war ausgeschlossen. Hinzu kam, dass die einst mondäne belgische Kurstadt, zu deren Glanzzeiten sich Kaiser und Zar, Gustav Mahler und Igor Strawinsky, Pablo Picasso und Salvador Dalí und in der langen Phase des Niedergangs auch noch John Lennon und David Bowie den Kräften der Heilquellen anvertrauten, als hoffnungslos démodé galt. Was die Aussicht auf einen Investor als ebenso hoffnungslos erschienen ließ. Sechs Jahre nach der Schließung schrieb die Stadtverwaltung dennoch einen Wettbewerb für eine Umwidmung der alten Thermen aus. Das Wunder geschah. Aus dem Verfahren siegreich hervor ging die Denys-Unternehmensgruppe, hinter der mit Johan Van Wassenhove einer der reichsten Männer des Landes steht. Der Flame denkt groß, fährt Ferrari und ist für seine polemischen Sprüche bekannt. So erwog der von der Wirtschaftszeitung „De Tijd“ als „Elon Musk des belgischen Baugewerbes“ betitelte Unternehmer bereits den Bau einer U-Bahn zwischen Brüssel und Gent. Dass Van Wassenhove sich mit Donald Trump bestens versteht, darf daher nicht wundern. Die beiden Immobilienmoguln kennen sich persönlich. Van Wassenhoves Ehefrau Régine Mahaux ist die offizielle Haus- und Hoffotografin des amerikanischen Präsidentenpaares. Van Wassenhoves besonderes Augenmerk gilt Baudenkmälern von nationaler Bedeutung. Auf sein Konto gehen etwa die Sanierung und Umwidmung der alten Brüsseler Börse, der alten Handelsbörse in Antwerpen und des historischen Montefiore-Instituts in Lüttich. Die prachtvollen alten Thermen passten somit ins Portfolio. Van Wassenhoves Plan sah ein Luxushotel vor, das endlich wieder eine betuchte und namhafte Klientel nach Spa locken sollte. Make Spa great again! Was freilich etwas dauern sollte. Erst 2019, und damit zehn Jahre nach Ausschreibung des Wettbewerbs, konnte mit dem Umbau der in Teilen denkmalgeschützten Thermen begonnen werden. Es war kurz vor zwölf. Schwamm hatte das Gemäuer bereits befallen. Noch während der Bauarbeiten setzte die UNESCO Spa und damit die alten Thermen 2021 auf die Liste des Welterbes. Die mit dem Umbau beauftragte Architektin Barbara Van der Wee, die sich als Spezialistin für die Sanierung bedeutender Bauten des 19. und 20. Jahrhunderts einen Namen gemacht hat, nahm die UNESCO-Auszeichnung zum Anlass, neben dem bereits denkmalgeschützten Foyer und der ebenfalls denkmalgeschützten Nordfassade auch die beiden das Foyer flankierenden Salons, dazu vier repräsentative Treppenhäuser, zwei Anwendungsräume und die mit Terrazzoböden ausgestatteten Flure unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Van der Wee setzte zudem alles daran, Suys’ Bau in seinen Originalzustand zurückzuversetzen. Um- und Erweiterungsbauten aus der Zeit nach 1900 wurden beseitigt, originale Decken- und Wandmalereien freigelegt und restauriert. Für die Innengestaltung beauftragt wurde die Französin Stéphanie Amyot du Mesnil Gaillard. Die auf gehobene Hotellerie und Gastronomie spezialisierte Innenarchitektin orientierte sich bei der Farbgebung an den erhaltenen Decken- und Wandmalereien. Im Altbau sind die Zimmer rosafarben oder pistaziengrün, im dahinter gesetzten Neubau sandfarben oder graublau gehalten. Allen Zimmern gemein ist die kupferummantelte frei stehende Wanne im Bad, eine Reverenz an die ursprüngliche Bestimmung des Hotels, was auch für die langen Flure gilt, in denen Stuhl und Tischchen neben der Zimmertür für einen Hauch von Zauberberg-Sanatorium sorgen. Amyot du Mesnil Gaillard gelang zudem ein Coup. Die von ihr im Lager des städtischen Museums von Spa entdeckten originalen Stühle, Kanapees und Beistelltische aus den alten Thermen gingen nach hartnäckigen Verhandlungen an das Hotel. Aufwendig restauriert, möblieren sie den im Foyer eingerichteten Speisesaal. Der Rest ist Luxus auf höchstem Niveau. Eine Privatgarage für Nobelkarossen und Belgiens einziger Spa, in dem mit Clarins und der Clarins-Marke myBlend gearbeitet wird, betonen den Anspruch des Fünfsternehotels – das auf den ersten Blick allerdings nicht als solches zu erkennen ist. Aus denkmalschützerischen Gründen gibt es auf der Schauseite zur Rue Royale nicht einmal ein Hotelschild. Zudem erinnert der prachtvolle Bau, an dessen Giebel in goldenen Lettern der Schriftzug „Bains“ prangt, mit monumentaler Doppeltreppe, Brunnenanlage, reichem Figurenprogramm und kannelierten Säulen eher an ein Opernhaus. Die Verwirrung ist für einen Augenblick komplett, die Suche nach dem Eingang des Hotels vorprogrammiert. Um es kurz zu machen: Das von Pilastern flankierte Portal befindet sich auf der Rückseite. Spätestens in der Lobby dann verschlägt es ankommenden Hotelgästen den Atem. Von der von vier monumentalen Säulen in Szene gesetzten Rezeption geht es vorbei an der Celebrity Wall mit den Porträts aller Prominenten, die Spa einmal besucht haben, in den tennisplatzgroßen, mit Blumenkübeln, Sonnenschirmen und schweren Gartenfauteuils möblierten Atriumgarten – und zu guter Letzt ins ehemalige Foyer, das zum Restaurant wurde. Auf den Tischen liegen mattgoldene Platzteller aus. In der Glasur ist ein Zitat von Oscar Wilde eingebrannt, das Spa für „the glory of society and balm of quietude“ rühmt. Der Blick aber schweift ungläubig nach oben. In den pastellfarbenen Deckengemälden quillen Blumen über den Rand von Pokalvasen. Unter der zwölfeinhalb Meter hohen Prunkdecke ragen vergoldete Löwenköpfe aus der Wand. Vornehm blasse Nymphen lagern über einer monumentalen Rocaille auf dem Sims. Über zwei Stockwerke wechseln Säulen mit Pilastern. So viel Pracht ist selbst im an prachtvollen Gebäuden des 19. Jahrhunderts reichen Belgien selten. Weitere Informationen: Les Bains de Spa, Place Royale 2, 4900 Spa, Tel. 0032-87 85 35 62, www.lesbainsdespa.com.
