Seit Längerem segelt der luxemburgische Bildungsminister Claude Meisch von der liberalen Partei DP gegen die öffentliche Meinung. Mit seinem neuesten Plan hat er auch den christsozialen Koalitionspartner unter Premierminister Luc Frieden verärgert. In neu gebauten Schulen soll es nur noch Unisex-Toiletten geben, Pissoirs werden ganz abgeschafft. Konkret sähe es so aus: Jede Toilette ist ein abgeschlossener Raum, teilweise mit eigenem Waschbecken, und es gibt einen Vorraum mit Waschbecken für alle. Manche begrüßen das Modell. Unter anderem würden Warteschlangen vor Frauentoiletten der Vergangenheit angehören. Kritiker sagen, es sei der falsche Weg, „Kinder an sexuelle Themen heranzuführen“. Auch Umkleidekabinen in Sportgebäuden sollen individualisiert, Sammelumkleiden abgeschafft werden. Die liberale Partei DP gibt hierzu an, diese Pläne seien seit Längerem bekannt, schließlich habe die Regierung einvernehmlich den Nationalen LGBTIQ-Aktionsplan beschlossen. Die Christsozialen erwidern, im Plan sei die Rede von „inklusiven Toiletten“, nicht von „Unisex-Toiletten“. Der Streit entzündet sich nun an den architektonischen Skizzen für den Neubau eines Lycée in der Hauptstadt. In sozialen Medien geht es hoch her Nachdem die rechtskonservative Partei ADR gegen die Reform in sozialen Medien mobil gemacht und ihr Abgeordneter Fred Keup behauptet hatte, 95 Prozent der Bevölkerung seien gegen die Reform, gingen die Christsozialen auf Distanz. Sie wetterten gegen den liberalen Koalitionspartner. Der CSV-Abgeordnete Ricardo Marques sagte gegenüber dem „Luxemburger Wort“: „Ein Schulumfeld ist kein Zug oder Restaurant. In Schulen muss jeder einzelne Raum mehr als nur eine architektonische Vision haben.“ Unklar bleibt, was Marques genau mit „mehr als eine Vision“ meint. Separate Toiletten will er jedenfalls nicht abschaffen. Die Parteipräsidentin der rechtskonservativen ADR, Alexandra Schoos, sagte der Zeitung „L’essentiel“, es sei aus ihrer Sicht sinnvoller, „dritte Toiletten zu schaffen, statt die bestehenden getrennten Räume abzuschaffen, auch wenn das infrastrukturelle und räumliche Probleme mit sich bringt“. Sie verweist auf Kanada, wo es teils „Toiletten und Umkleiden für nichtbinäre Personen“ gebe. Vorangetrieben hat die Pläne die liberale Ministerin Yuriko Backes, die für Gleichstellung und öffentliche Bauten zuständig ist. Sie spricht von einem „Pilotprojekt“. Allerdings ist das eine bekannte Vorgehensweise der Liberalen: Will die Partei etwas umsetzen, was in der Öffentlichkeit nicht mehrheitsfähig scheint, beginnt man gerne mit einem Pilotprojekt. Eine Evaluierung desselben wird dann nicht immer abgewartet, sondern mit der kompletten Projektumsetzung fortgefahren. Bildungsminister setzt umstrittene Reformen um So war es zuletzt auch beim „Projet Alpha“, mit dem Bildungsminister Meisch in den Grundschulen eine freiwillige Alphabetisierung auf Französisch forcierte; ein Modell, das bei Experten zunehmend Widerspruch, bei den meisten Abgeordneten jedoch Zustimmung findet. Mit der Reform ändert Meisch das Modell des Spracherwerbs. Die deutsche Sprache könnte mittelfristig als verpflichtendes Schulfach zur Disposition gestellt werden. Dass das Land seine viel gepriesene Mehrsprachigkeit damit aufgibt, nimmt man wohl in Kauf. In der Kritik stehen auch die von Meisch forcierten staatlichen „Europaschulen“. Jüngst berichtete die Journalistin Michèle Gantenbein im „Luxemburger Wort“, dass die schriftlichen Abiturleistungen teilweise katastrophal seien. Vor allem fehle es an Kenntnissen in Mathematik. Dennoch schafften 260 von 263 Schülern ihren Abschluss, da Prüfungsleistungen aus den letzten beiden Schuljahren verrechnet würden. Die „Europaschulen“ nehmen nicht am anspruchsvollen Luxemburger Zentralabitur teil. An dem Plan der Einführung von Unisex-Toiletten hält der Bildungsminister unterdessen fest. Doch sind innerhalb weniger Tage sieben öffentliche Petitionen beim Parlament eingereicht worden, die sich allesamt gegen Unisex-Toiletten und Unisex-Umkleiden richten. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, berichtet die Abgeordnete Francine Closener als Präsidentin der Petitionskommission.
