FAZ 05.10.2026
15:57 Uhr

Lutz Seilers neuer Roman: Letzte Zuflucht Kasachstan


Auf Heimatsuche in der Unterwelt: Lutz Seilers neuer Roman „Das tickende Herz“ erzählt von einem Schriftsteller als Menschheitserlöser wider besseres Wissen, aber nicht widerwillig.

Lutz Seilers neuer Roman: Letzte Zuflucht Kasachstan

Bevor „Kruso“ erschien, 2014, war Lutz Seiler ein anerkannter Lyriker, aber keiner, der einem großen Publikum bekannt gewesen wäre. Dann gewann der ­damals schon Einundfünfzigjährige mit seinem ersten Roman den Deutschen Buchpreis, und sechs Jahre später gelang ihm mit dem Nachfolgebuch, „Stern 111“, das Kunststück, auch den Preis der Leipziger Buchmesse zugesprochen zu bekommen. 2023 folgte nach diesen beiden publikumswirksamsten Auszeichnungen, die der deutsche Sprachraum zu bieten hat, schließlich noch der Büchnerpreis für Seilers Gesamtschaffen und damit die renommierteste Ehrung der deutschsprachigen Literatur. Was bleibt ihm hierzulande also noch zu gewinnen, wenn jetzt sein dritter Roman herauskommt, „Das tickende Herz“? Zunächst einmal gewiss die Neugier des Publikums, denn seit „Stern 111“ sind nun abermals sechs Jahre vergangen, und „Das tickende Herz“ setzt dessen Handlung fort. Während es zu „Kruso“ hin in den beiden anderen Büchern nur kleine Seitenwinke gibt, die eher Gasterwähnungen als -auftritte des Debütromanpersonals bieten, bilden „Stern 111“ und „Das tickende Herz“ ein Dip­tychon, das vom Leben einer ­gemeinsamen Hauptfigur erzählt: Carl Bischoff, dessen Lebensumstände und Werdegang ihn zum leicht identifizierbaren Alter Ego Seilers machen. War dieser (wie sein Autor) aus Ost­thüringen stammende Schriftsteller im Vorgänger­roman und in dessen Handlungszeit der frühen Nachwendezeit noch auf der Suche nach seinem Platz im damals gärenden Berlin, ist er jetzt, ein Jahrzehnt später und in zunächst einmal beruhigten Zeiten, angekommen, was sich paradoxerweise daran zeigt, dass er rastlos unterwegs ist. Der Lyriker lässt sich in seinen Romanen nicht verleugnen Als nunmehr etablierter Lyriker bekommt Carl Bischoff Einladungen aus der ganzen Welt, zu Festivals und Lesungen, und wer sich die Mühe machen möchte, kann leicht überprüfen, wie ­nahe an der Karriere von Seiler die Romanfiktion hier ist. Carl wird in die Gemeinschaft von Bewunderten eingeführt. Um nur einige zu nennen: Tomas Tran­strömer, Inger Christensen, Leonard Cohen, Les Murray – keiner von ihnen lebt heute noch, aber Lutz Seiler setzt ­ihnen mit „Das tickende Herz“ ein Denkmal. Notgedrungen ein prosaisches, obwohl sich der Lyriker Seiler in seinen Romanen nicht verleugnen lässt. Es braucht dazu gar nicht das in Richtung der Leser augenzwinkernde Eingeständnis von Carl Bischoff, dass es gut sei, „dass er keine Romane verfassen muss“ – Formulierungen wie die vom „Leben im Alleinkadaver“ für das triste Menschentier nach einer Masturbation, Phänomene wie ein „eingeheilter“ Kiesel in der Zunge von Carls Geliebter oder Passagen wie diese sprechen, nein: raunen für sich: „Die Menschheit als Totholz. Fällt runter vom Baum, irgendwann. Liegt so herum und wird wieder Erde. Vergessen, erinnern, vergessen. Und dann auch das Vergessen vergessen.“ Kaum gedacht, sagt Carl es selbst: „der Stoff für ein Gedicht vielleicht“. Aber das ist schon zu einem Zeitpunkt, an dem der Dichter in der poetischen Krise steckt – und in den amourösen Netzen einer kasachischen Frau namens Anna Gabyshewa alias Aysha, mit der die Romanhandlung gleich eingesetzt hat, in einer winternächtlichen ostdeutschen Hotelbar nach einer von Carls Lesungen. Sie erzählt ihm von sich, doch er hört nicht zu, weil er gebannt ist von ihrer Schönheit, und so entgeht ihm das, was sich später als sein Verhängnis erweisen wird: dass sie eine Schamanentochter ist. In der Heimat ihrer Sippschaft wird der Roman sein Finale finden, auf jenem Areal in der Steppe von Kasachstan, wo die Sowjetunion ihre Atomversuche durchgeführt hat, und was sich dann dort abspielt, ist ein schamanistisches Reinigungsritual, das den unheilvollen Kräften, die die Terrorakte vom 11. September 2001 entfesselt haben, Einhalt gebieten soll. Das Gleichgewicht der Welt muss wieder her. Unsere Heimat, das Atom 9/11 ist in diesem Roman also die ­Zäsur, die in den ersten beiden Seiler-Romanen noch der Mauerfall darstellte. Und wie in „Kruso“ Edgar Bendler auf der ab­geschiedenen Insel Hiddensee den welt­geschichtlichen Einschnitt nur vermittelt wahrnimmt, so spielen sich für Carl Bischoff in „Das tickende Herz“ die weltverändernden Ereignisse in den USA zunächst auch nur am Rande ab, weil er mit einem Dichtertrupp gerade auf dem Comer See schippert, als die Zwillingstürme fallen. Doch leicht ver­spätet erreichen die Erschütterungen auch ihn. Hat Seiler nun einen weiteren Epochenroman geschrieben, wie er vom Publikum in „Kruso“ erkannt und in „Stern 111“ verkannt wurde? Nein, er will diesmal mehr, einen Er­lösungsroman, und dazu gehört die Selbstaufgabe seines Alter Egos. Auch wenn Carl zurückkehrt aus der kasachischen Steppe nach Berlin, ist ihm doch der Boden ganz buchstäblich unter den Füßen weggezogen. Ob wir in sechs ­Jahren einen weiteren Roman um Carl Bischoff erwarten dürfen, darf man bezweifeln. Denn so wie sein Protagonist mit allem brechen muss, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat, versucht es Seiler auch mit dem Buch selbst. Waren „Kruso“ und „Stern 111“ noch handlungsgetrieben, ist „Das ­tickende Herz“ allegoriegetrieben, was sich schon im Titel zeigt: Dessen Ticken ist nicht nur Resultat des Herzens als Lebensantrieb, sondern in Gestalt einer Uhr ist es auch akustisches Zeugnis der verrinnenden Zeit und als Klang eines Geigerzählers radioaktives Erbteil der Heimat von Carl. Es waren ja die Uranlieferungen aus der DDR, die das sowjetische Atombombenprogramm über­haupt erst ermöglichten. Und als Carl staunend vor dem Gaia geweihten Hügel in der Steppe steht, auf dem sich sein Schicksal erfüllen soll, stellt er fest: „Es ist – eine Halde.“ Doch sein kasachischer Begleiter antwortet: „Es ist die Heimat.“ Ein weiser alter Taiwanese Seilers eigene, Ostthüringen, ist schon in seinen Gedichten immer wieder Weltlandschaft gewesen, und auch wenn der neue Roman gar nicht dort spielt, ist sie dauerpräsent als strahlend-vergiftetes Vorbild einer Gegenwart, für die Carl auch in den Augen seiner Dichterkollegen steht, wenn er seiner Herkunft wegen „Atomino“ genannt wird und ihnen als „Botschafter der Radioaktivität“ gilt. Ein weiser alter Taiwanese aus dem inter­national zusammengesetzten Poeten­­zirkel (der in Seilers Roman auch so etwas wie ein Zirkus ist) charakterisiert Carl so: „Ein verschwundenes Dorf und dafür Uran und seine Brache und all jene, die daran sterben vor der Zeit – das bist du, Atomino! Das ist deine Klage! Opfer des Ions! Gamme-Beta-Strahlenlamm!“ Damit ist die Opferrolle vorweg­genommen, die Carl spielen wird. Seit seiner Begegnung mit Aysha hat er eine nicht verheilende Wunde in der Handfläche: Stigmata, Amfortas – Lutz Seiler fährt das große metaphysische Besteck auf, um seinen Protagonisten zu einer Schmerzensmannfigur zu machen, wie es sie im deutschsprachigen Roman nicht mehr gegeben hat, seit Hans Henny Jahnn seinen „Fluss ohne Ufer“ geschrieben hat. Während sich aber der Clan von Aysha wegen dieses Wundmals sicher ist, mit Carl sein Menschenopfer gefunden zu haben, steht dieser sich selbst konsequent ratlos gegenüber. „Carl Bischoff – wer war das? Niemand, der ihm helfen konnte, seine Lage besser zu begreifen.“ Er irrt deshalb durch die Welt, weil auch die Dichtung ihm keinen Halt mehr zu bieten hat. „Das Leben ist eine einzige Vertreibung, dachte Carl. Zuerst aus der Mutter, dann aus der Kindheit und am Ende aus dem Glauben, trotz allem noch irgendwo bleiben zu können, anzukommen und zu bleiben, irgendwann.“ Angereicherter Plutonismus Lutz Seiler schürft tief in „Das tickende Herz“. Ein animistisches Schreiben hat ihn schon immer ausgezeichnet, eines, das Stadt und Beziehungen wie Organismen fasst. Nun wird das auf die Spitze getrieben, indem der ganze Planet als ein atmendes, leidendes Geschöpf inszeniert wird, das es zu heilen gilt, und Seiler setzt mit seiner sich in die Eingeweide der Erde eingrabenden Erzählung ein spezifisch ostdeutsches Phänomen fort, das seinen prominentesten Exponenten in Wolfgang Hilbig hat, aber auch die Parallelen zu den phantastisch-plutonistischen Elementen der Romane von Uwe Tellkamp oder zu den vulkanischen Topographien bei Lukas Rietzschel sind offensichtlich. Es ist ein apokalyptisches Schreiben, das aus rücksichtslos ausgebeuteten Herkunftsregionen resultiert und sich der dortigen Landschaften und Geologie metaphorisch bedient – an­gereicherter Plutonismus. Aber ist das kommensurabel? Suhrkamp, Seilers Verlag, hegt große Hoffnungen betreffs des neuen Romans; dem Haus fehlt seit einigen Jahren der früher regelmäßig genossene Preis- und damit Aufmerksamkeitssegen. Doch Seiler hat das Erscheinungsdatum fürs „Tickende Herz“ bewusst so spät legen lassen, dass es für den Deutschen Buchpreis nicht infrage kam, obwohl es verlockend gewesen wäre, die Bereitschaft zu erproben, einen früheren Gewinner abermals zu nominieren. Literarisch hätte es seine Berechtigung gehabt, aber es ist alles andere als leichter Stoff, was hier geboten wird. Im Gegensatz zu den ­multiper­spek­tivischen, männerbündnerischen ersten beiden Romanen ist „Das tickende Herz“ ganz auf Carl Bischoff fokussiert, und wenn darin Frauen auch eine weitaus wichtigere Rolle spielen als in den früheren Büchern, ist es eine derart notorisch verhängnisvolle, dass ungeachtet von Carls Sehnsucht nach Liebe eine miso­gyne Grundstimmung herrscht. Das macht die Lektüre nicht freudiger. Lutz Seiler ist mit diesem Roman auf der Suche: wie sein Held nach einem Haltepunkt, mit dem er als Schriftsteller in den Stürmen der Welt bestehen kann. Das Buch kündet vom Bemühen, eine ­literarische Zuflucht zu finden, aber ob man Seiler dorthin folgen will? Lutz Seiler: „Das tickende Herz“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 464 S., geb., 28,– €.