FAZ 08.12.2025
14:47 Uhr

Luka Vuskovic beim HSV: „Ich sage immer: Der ist gezüchtet“


Luka Vuskovic vom Hamburger SV ist gerade mal 18 Jahre alt und gehört schon jetzt zu den besten Verteidigern der Fußball-Bundesliga. Die Teamkollegen staunen. Wird aus diesem Kapitel mehr als eine Episode?

Luka Vuskovic beim HSV: „Ich sage immer: Der ist gezüchtet“

Als die Menschen um ihn herum ausflippten, jene auf den Tribünen und unten auf dem Rasen die Spieler des Hamburger SV, zeigte Luka Vuskovic auf seinen linken Unterarm. Auf das Tattoo, das er sich zuletzt hatte stechen lassen. Es zeigt zwei Jungs von hinten, der jüngere legt seinen Arm um die Schulter des älteren, neben den beiden liegt ein Fußball. Auf dem Tattoo ist Luka Vuskovic mit seinem älteren Bruder Mario Vuskovic zu sehen, der am Sonntagnachmittag auf der Tribüne saß und ein Tor erlebte, das schon jetzt seinen Platz sicher haben dürfte in den Highlight-Videos dieser Bundesliga-Saison: Mit der Hacke traf Luka Vuskovic beim 3:2-Sieg im Nordderby gegen Werder Bremen zum zwischenzeitlichen 2:1 für den HSV, er stand dabei mit dem Rücken etwa acht Meter vor dem Tor und hatte seinen rechten Fuß beinahe auf Höhe des Kopfes ausgestreckt. Im Fußball nennen sie diese Technik den Skorpion-Kick. „Ich konnte nicht mal jubeln, weil ich mich direkt gefragt habe: Was macht der Junge da?“, sagte sein Teamkollege Nicolai Remberg später: „Ich sage immer: Der ist gezüchtet, der ist unglaublich.“ Luka Vuskovic ist gerade einmal 18 Jahre alt, er gilt als eines der größten Abwehrtalente der Welt und ist schon jetzt einer der besten Innenverteidiger der Bundesliga. Gegen Borussia Dortmund hat er Anfang November Serhou Guirassy aus dem Spiel genommen, gegen Union Berlin hat er Ende September 18 von 20 Kopfballduellen gewonnen. Vor ihm ist das noch keinem anderen Spieler in Europas Topligen gelungen. Auch die Verantwortlichen in Hamburg wissen, dass Vuskovic ein Spieler aus einer Kategorie ist, die für einen Aufsteiger eigentlich nicht infrage kommen. So wie die portugiesische Spielmacher Fábio Vieira, für den Arsenal London erst vor drei Jahren 35 Millionen Euro an Porto überwiesen hat, der in der Premier League aber nie richtig ankam und deshalb im Sommer zum HSV verliehen wurde. Oder wie Albert Sambi Lokongo, ein Belgier, dessen Stärken im zentralen Mittelfeld schon Trainer Vincent Kompany in Anderlecht aufgefallen waren, der später für knapp 20 Millionen zu Arsenal wechselte, dort aber immer wieder von Verletzungen geplagt war. Allein deshalb konnte ihn der HSV für nur 300.000 Euro in die Bundesliga locken. „Eine fast romantische Geschichte“ Vuskovic ist eine andere Nummer. „Bei Luka handelt es sich um eine fast romantische Geschichte, das muss man sagen“, sagte Stefan Kuntz, der Sportvorstand des HSV, der „Süddeutschen Zeitung“. Schon bei der Aufstiegsfeier im Mai war er im Stadion, schon da deutete er an, dass er sich einen Wechsel sehr gut vorstellen könne, weil er wolle, dass unten auf dem Rasen wieder ein Spieler mit der Nummer 44 steht. Diese hatte auch sein Bruder Mario getragen, bis er des Dopings überführt und für vier Jahre aus dem Spiel genommen wurde. Luka Vuskovic hatte beeindruckt, wie sehr sich der Verein und auch die Mannschaft hinter seinen Bruder gestellt hatten. Nur deshalb gelang es dem HSV, Vuskovic für eine Saison von Tottenham auszuleihen. Die Engländer hatten ihn schon als Sechzehnjährigen verpflichtet und rund 14 Millionen Euro an Hajduk Split gezahlt. In der vergangenen Saison spielte Vuskovic auf Leihbasis für den belgischen Erstligaverein KVC Westerlo und erzielte dort sieben Tore. 1,93 Meter ist er groß, Vuskovic wiegt rund 90 Kilogramm und kann es so im direkten Duell mit jedem Stürmer der Liga aufnehmen. Das allein ist nicht die Rolle, die ihm HSV-Trainer Merlin Polzin gegeben hat. Vuskovic ist der zentrale Spieler seiner Dreierkette, er gibt die Kommandos und besticht nicht nur mit seiner Übersicht, sondern auch mit seiner Ruhe und Abgeklärtheit. Und er weiß, wann er seine Emotionen hoch- und wieder runterregeln muss. Gegen Bremen ließ er sich zu Beginn der zweiten Halbzeit zu einem Kopfnicker hinreißen und sah dafür die Gelbe Karte. Als ihn die Gegenspieler danach weiterprovozierten, lächelte er und legte den Zeigefinger auf den Mund. Damit war alles gesagt. „Luka ist sehr kommunikativ, er ist ein Leader. Das brauchen wir hinten“, sagt Daniel Elfadli, der bis zu seiner Verletzung neben Vuskovic verteidigt hat: „Er ist noch sehr, sehr jung, spielt aber sehr erwachsen.“ Am Sonntag, nach dem Sieg über Bremen, bekam Vuskovic von den Fans ein Plakat gereicht, auf dem stand: „Free 44 Vuskovic“. Mario Vuskovic ist die Klammer zwischen Spieler, Fans und Verein. Und er ist die Hoffnung vieler, dass das Luka-Vuskovic-Kapitel in Hamburg vielleicht mehr als nur eine Episode sein könnte. Im kroatischen Fernsehen hat er zuletzt gesagt: „Ich möchte noch eine Saison beim HSV bleiben und mit meinem Bruder spielen.“ Im November 2026 endet die Dopingsperre von Mario Vuskovic. Dass beide für den HSV spielen, das ist beinahe ausgeschlossen. Im kommenden Sommer wird Vuskovic mit Kroatien bei der WM spielen, auch in der Nationalmannschaft agiert er als zentrales Element der Abwehr. Die Plattform transfermarkt.de beziffert seinen Marktwert derzeit auf 18 Millionen Euro, aber schon jetzt dürfte Tottenham über jedes Angebot unterhalb von 50 Millionen Euro nur milde lächeln.