FAZ 17.01.2026
13:11 Uhr

Ludwig-Erhard-Gipfel: Flucht aus der Grauzone


Auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel trifft sich die politische Schickeria, dagegen ist nichts einzuwenden. Verheerend ist nur der Eindruck, man könne sich Zugänge zu Politikern kaufen.

Ludwig-Erhard-Gipfel: Flucht aus der Grauzone
Regisseur Joachim Trier freut sich beim 38. Europäischen Filmpreis im Haus der Kulturen der Welt über seine Auszeichnung. (Foto: Christoph Soeder/dpa)

Die Liste mit prominenten „Speakern“ ist inzwischen von der Homepage des Ludwig-Erhard-Gipfels verschwunden. Einige Bundes- und Landesminister haben abgesagt oder behaupten, nie zugesagt zu haben. Dafür, dass die Konferenz am Tegernsee 2025 noch als „Place to be“ gefeiert wurde – die nun ebenfalls verhinderte Ka­therina Reiche stellte sogar einen Zusammenhang her zwischen ihrer regelmäßigen Teilnahme und ihrer Berufung zur Wirtschaftsministerin –, ist das jetzt ein erstaunlich liebloser Umgang mit dem angeblichen „deutschen Davos“. Um so mehr, als es einen Kabinettskollegen trifft: Wolfram Weimer, den Kulturstaatsminister. „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ gegen Geld Der hat elf Jahre lang mit seiner Frau den Gipfel organisiert. Als er von Friedrich Merz, der eng mit ihm und dem Tegernsee verbunden ist, ins Amt berufen wurde, zog er sich aus der Organisation zurück. Das verhinderte nicht, dass der Erhard-Gipfel genauer unter die Lupe genommen wurde. Kritik weckte vor allem, dass man dort „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ für mehrere zehntausend Euro offerierte. Weimer reagierte, indem er seine Anteile an der „Weimer Media Group“ an einen Treuhänder übergab. Das ist ein nicht unübliches Manöver, um möglichen Interessenkonflikten zu begegnen. Es heißt aber nicht, dass Weimer auf lange Sicht nicht finanziell vom Gipfel profitiert. Dieser könnte nun, obwohl das vom Veranstalter dementiert wurde, auf der Kippe stehen. Das Prinzip, wonach man dort sein muss, weil andere Top-Entscheider auch dort sind, verliert mit jeder Absage an Gültigkeit. Den Anfang machte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit seinem vorläufigen Rückzug. Das verwunderte nicht. Zum einen war er als Schirmherr der Veranstaltung in einer besonders exponierten Lage. Zum anderen hat er früher schon gezeigt, dass er sich nicht scheut, eine Brandmauer auch zu einst Verbündeten hochzuziehen, wenn es ihm in deren Nähe zu heiß wird. Man erinnere sich an die Ächtung Alfred Sauters, nachdem dessen Masken-Deals ruchbar geworden waren. Söders jetziger Entscheidung war eine Prüfung durch die Staatskanzlei vorausgegangen. Die Juristen dort kamen zum Schluss, dass die Kontaktanbahnungen am Tegernsee wohl nicht rechtswidrig, aber, wie Söder sagte, in einer „Grauzone“ anzusiedeln seien. Warum will er nun noch ein von der Weimer Media Group in Auftrag gegebenes Gutachten abwarten, um zu einer endgültigen Bewertung zu kommen? Zum einen suggeriert Söder so, dass das Fehlverhalten, wenn es solches gab, schwer erkennbar war. Zum anderen dürfte er den Gipfel nicht leichtfertig opfern wollen. Nicht nur hatte dieser eine bemerkenswerte Strahlkraft entwickelt. Vielmehr wurde dort nie ein Zweifel daran gelassen, dass man politisch auf der richtigen Seite stehe, der von CSU und CDU. Gegen Schickeria-Treffen ist per se nichts einzuwenden. In Bayern haben sie Tradition. Stichwort: Wer reinkommt, ist drin. Aber darf das auch für die Demokratie gelten? Mit dieser Frage und mit der Aura des Talmihaften, die auf dem Gipfel mit Händen zu greifen war, sind die beteiligten Politiker zumindest unbedarft umgegangen. Das sollten sie abstellen, wenn sie die Elitenskepsis, die gerade von der AfD befeuert wird, eindämmen wollen. Was sich die viel beschworenen ehrlich arbeitenden Menschen unter Willensbildung vorstellen, ist jedenfalls nicht, dass man sich Zugänge zu Politikern kaufen kann.