Die Zeiten, in denen Lucinda-Williams-Platten ein Ereignis waren, sind längst vorbei. Man weiß nicht recht, ob man das bedauern soll. Nach dem zögerlichen Perfektionismus der ersten 20 Karrierejahre, der Alben nur im Abstand von sechs oder acht Jahren zuließ – die es mit ihrem vergleichsweise lieblichen, geradezu gebirgsbachklar artikulierten Purismus allerdings in sich hatten –, ist die Country-Blues-Folk-Interpretin mit dem weithin als Americana-Meilenstein gehörten „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998) dermaßen in Fahrt gekommen, dass sie neben ihren durchweg hochwertigen Studioalben mit Live- und sogenannten Tribute-Aufnahmen nur so um sich wirft. Allein 2007 gab es zehn Konzert-CDs, und in den vergangenen fünf Jahren Coveraufnahmen von den Beatles, den Stones (ziemlich verunglückt), Dylan, Tom Petty, allgemeinen Rockklassikern, dazu noch Südstaaten-Soul, Country und sogar Jazz. Das braucht man alles nicht beziehungsweise man braucht es nicht alles. Aber wer will Lucinda Williams sagen, sie solle die Finger von den Kronjuwelen lassen? Ihr Mann etwa, der die gesundheitlich Angeschlagene jetzt immer auf die Bühne führt, wo sie dann schon gar nicht mehr Gitarre spielen kann? Trotz Soul-Affinität bespielt sie ein weißes Genre Nun, auch Dylan, noch zwölf Jahre älter, ist nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte und legt trotzdem oder gerade deswegen meisterliche Alterswerke vor. Das tut Lucinda Williams, kurz vor ihrem 73. Geburtstag, nun auch. „World’s Gone Wrong“ – nähme man das Apostroph und das s weg, dann wäre man bei dem akustischen Countryblues, mit dem Dylan zu Beginn der Neunziger aufwartete – ist ein wuchtiges Statement geworden, das rein formal so etwas wie den Abschluss einer Welt-Trilogie markiert, nach „Sweet Old World“ (1992) und dem düsteren, überragenden „World Without Tears“ (2003). Und worüber sollte eine Sängerin auch sonst singen als eben über diese Welt? Dass deren Zustand ja nicht besser wird, entlockt ihr Äußerungen des Zorns und der Trauer, die in dem überwiegend knochenharten Klangkorsett gut aufgehoben sind. Aus dem Liebeskummer-Alter ist Williams heraus und verlegt sich hier vollends auf umfassende Anklagen. „So Much Trouble in the World“, eine knarzende, springsteenhafte Kleine-Leute-Moritat voller Anteilnahme und darüber hinaus auch eine sicher nicht ungewollte Anspielung auf „Trouble in the World“, Mahalia Jacksons wahrhaft erschütternden Totenklage-Gospel in Douglas Sirks Melodram „Imitation Of Life“ (1959), verblüfft allein schon wegen der Mitwirkung der greisen Mavis Staples. An deren und an Jacksons Inbrunst kommt Williams natürlich bei Weitem nicht heran und will es wohl auch gar nicht; sie bespielt, bei aller hier wieder hörbaren Soul-Affinität, ein genuin weißes Genre. Ihr Fatalismus erinnert an Hank Williams Eine weitere bemerkenswerte Zusammenarbeit ist „We’ve Come too Far to Turn Around“ mit einer angenehm dezenten Norah Jones am Klavier und mit Backgroundgesang, deren an Hank Williams („No matter how much I struggle and strive / I’ll never get out of this world alive“) erinnernder Fatalismus zur bedächtigen, fast getragenen Gangart seltsam kontrastiert. Ganz offensichtlich ist Lucina Williams an einem Punkt angekommen, an dem die eigenen Standpunkte noch einmal eine persönliche Vertiefung erfahren, aber ihre Ich-Bezogenheit, ihre „Subjektivität“ verlieren und eher allgemeingültigen Charakter gewinnen. Schadensbilanzen, persönlicher wie gesellschaftlicher Art, überwiegen das Erhoffte, Erträumte eindeutig. Der Wechsel von Freiheit und Verlust, ja eigentlich deren dialektisches Zusammenwirken lässt noch Kraft für Durchhalteparolen, aber die werden langsam mürbe, bisweilen bitter. Dafür passt ihre Ausdrucksform, die seit je ungekünstelt ist, ideal und lässt die Härten des Lebens nun vollends hör- und spürbar werden. An die Stelle der verruchten, bereits sehr gestählten Rockerin, als die sie sich in ihrer mittleren Phase, bisweilen ein wenig dick auftragend, gab und dabei stellenweise intonierte, als hätte sie Kautabak im Mund, ist jetzt etwas getreten, das man Altersweisheit nennen könnte – künstlerisch kein Alleinstellungsmerkmal, aber immer noch ergiebig. Lucinda Williams: „World’s Gone Wrong“. Highway 20/Thirty Tigers (SPV)
