FAZ 04.02.2026
15:06 Uhr

Longevity in den Alpen: Wird man so hundert Jahre alt?


Tiefgekühlt, rot beleuchtet und Höhentraining wie Spitzensportler: So soll es mit dem gesunden Älterwerden klappen. Ein Selbstversuch im Hotel Krallerhof im österreichischen Leogang.

Longevity in den Alpen: Wird man so hundert Jahre alt?

Als der erste Schluck des Grünen Veltliners seine Aromen auf der Zunge entfaltet, halten wir inne. War das eine gute Idee? Der Weißwein aus der Wachau passt zwar perfekt zum fünfgängigen Signature-Menü. Versprochen wird das Beste, was die Küche des Hotel Krallerhof im österreichischen Leogang zu bieten hat. Doch wir sind hier, um den Gesundheits- und Wellnesstrend Longevity auszuprobieren. Das Internet ist voll von Ratgebern zu diesem Thema, und auf der Liste der Dinge, die wir meiden sollten, steht auch Alkohol. Longevity heißt übersetzt Langlebigkeit, doch die exakte Übersetzung greift zu kurz, um das Thema zu erfassen. Obwohl es verschiedene Ansätze gibt, eint sie alle das Bestreben nach einem körperlich und geistig gesunden und erfüllten Leben. Das Ziel besteht nicht darin, dem Leben einfach mehr Jahre hinzuzufügen, sondern darin, die Qualität des Lebens zu erhöhen. „Wir gehören sicherlich zu den Ersten, die Longevity in unser Hotelprogramm integriert haben“, sagt Michaela Altenberger, die Leiterin des Longevity-Programms des Fünf-Sterne-Hauses in den österreichischen Alpen. Das Hotel wird bereits in vierter Generation von der Familie Altenberger geführt. Michaela Altenberger berichtet, dass die Einführung einer neuen Philosophie anspruchsvoll sei. Das beginne beim Frühstücksbuffet, das mit Speisen bereichert werden müsse, die für Longevity stehen. Besonders wichtig seien naturbelassene, nährstoff- und ballaststoffreiche Lebensmittel sowie entzündungshemmende Nahrung. Am Buffet zeigt sie Forelle, Leinsamen und Walnüsse mit viel Omega-3. Auch fermentierte Produkte wie Sauerkraut, saure Gurken und Kombucha spielten eine wichtige Rolle für die Gesundheit. Genuss ist erlaubt Wie ist unser Glas Wein zum Essen einzuschätzen, fragen wir die Longevity-Expertin. Altenberger lächelt nachsichtig. Alkohol gelte als Nervengift, das die Zellen schädigen könne, weshalb er streng genommen den Lehren von Longevity widerspreche. Für viele sei er aber ein Genuss und stehe für Geselligkeit. „Wir sind kein Gesundheitshotel“, betont sie. Bei ihnen seien alle Gäste willkommen. Immer wieder erlebe sie Paare, bei denen einer die Lehren von Longevity akribisch verfolge, während der andere einfach das esse, was ihm oder ihr gerade schmecke. Beim Frühstück sitzt ein solches Paar neben uns: Die sportliche Frau Mitte dreißig isst ein Müsli und trinkt dazu einen grünen Smoothie, während ihr muskulöses Gegenüber unbeirrt Speck, Würstchen, Rührei und ein zuckriges Törtchen verzehrt. Auch wenn sie daran arbeiteten, die Longevity-Philosophie im gesamten Hotel erlebbar zu machen, so werde dem nicht alles untergeordnet, sagt Altenberger. Schließlich sei es ein traditionsreiches Familienhotel, das aus einem alten Bauernhaus entstanden sei und sich seit 1957 zu einem Komplex für rund 400 Gäste entwickelt habe. Die jüngste Erweiterung ist der Spa-Bereich Atmosphere, entworfen vom Star-Architekten Hadi Teherani, der bereits markante Bauwerke wie den Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen geschaffen hat. In Leogang hat er ein architektonisches Kunstwerk entworfen, das sich organisch in die Landschaft inte­griert. Innen dominieren hellgrauer Sichtbeton und Glas. Über dem Saunabereich thront der Yoga-Raum, dem sich ein Café und außerhalb ein 5000 Quadratmeter großen Naturbadesee anschließen, in dem sich ein 50 Meter langer Infinity-Pool befindet. Das Longevity-Programm umfasst drei Therapien, die ganzjährig und unabhängig voneinander angeboten werden. Dazu gehören die Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie (IHHT), eine Form des Höhentrainings, die Kryo-Therapie, die mit extremer Kälte arbeitet, sowie die Rotlichttherapie. Kryo heißt aus dem griechischen übersetzt Kälte, und ebendiese soll Wunder bewirken. Wir betreten einen kleinen, fensterlosen Raum, in dem in einer Ecke ein überdimensionierter Gefrierschrank mit einer Temperatur von minus 85 Grad steht. Der Puls rast, als hätte unser Gehirn den Körper bereits darauf vorbereitet, gleich in eine lebensbedrohliche Situation zu geraten. Nachdem wir, nur mit Badeanzug bekleidet, Ohren- und Mundschutz, Handschuhe und Filzpantoffeln angezogen haben, schwindet unser Mut. Doch dann schließt sich die Tür hinter uns. Die trockene Kälte in der Eiskammer bleibt erträglich und schmerzfrei. Doch drei Minuten können lang sein. Was bringt extreme Kälte dem Körper? Unsere Phantasie springt hin und her, von alten Kinderliedern bis zur Frage, wie sich wohl Reinhold Messner und Arved Fuchs bei ihrer Antarktisdurchquerung gefühlt haben. Schließlich ist die Zeit um, und mit der Erlösung schießen Adrenalin und Endorphine durch den Körper. Worte der Erleichterung, das Ganze gewagt zu haben, ergießen sich über die Spa-Mitarbeiterin. Doch was bringt diese extreme Kälte neben dem Adrenalinkick und den Glücksgefühlen, die nicht von Dauer sind? Michaela Altenberger berichtet von wissenschaftlichen Studien, die nahelegen, dass die intensive Kälte die Durchblutung fördere, Entzündungen reduziere, Muskeln entspanne und Hauptprobleme löse. Die Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie zielt darauf ab, den Körper zu trainieren, indem ihm im Wechsel niedrige und hohe Sauerstoffkonzentrationen über eine Maske zugeführt werden. Die Mitarbeiterin erkundigt sich nach unserer Fitness und führt einen Lungentest durch. Sie entscheidet sich für ein mittleres Training bis auf etwa viertausend Höhenmeter. Die Maschine startet ein voreingestelltes vierzigminütiges Programm. Abwechselnd wird kalte und warme Luft hineingeblasen, doch wann genau weniger Sauerstoff zur Verfügung steht, ist unklar. Langsam breitet sich Entspannung im Körper aus. Fast wären wir eingeschlafen, doch in dem Moment ist die Zeit vorbei. Angeblich soll das Sauerstofftraining den Schlaf verbessern. Ob es an der Bergluft, der Entspannung oder dem Höhentraining liegt, wissen wir nicht, besser geschlafen haben wir auf jeden Fall. Für ein effektives Training sei es wichtig, die Anwendung zu wiederholen und die Sauerstoffzufuhr langsam zu reduzieren, so Altenberger. Am letzten Tag steht Rotlichttherapie auf dem Programm, die uns verspricht, unser Immunsystem und unsere Zellen zu stärken sowie Entzündungen zu bekämpfen. Anders als in Solarien, die UV-Licht zur Bräunung der Haut nutzen, arbeiten Rotlicht-Therapiegeräte mit rotem Licht, das in die oberen Hautschichten eindringen und die Zellen aktivieren soll. Wir haben uns danach zwar nicht grundlegend anders gefühlt, doch vielleicht hat es dem Körper gutgetan. Nach drei Tagen in der Landschaft des Pinzgaus, umgeben von den Leoganger Steinbergen im Norden und den Kitzbüheler Alpen im Süden, zwischen Pool und Sauna sowie nach Höhentraining, Kältekammer und Rotlicht fühlen wir uns jedenfalls ausgeglichen. Möglicherweise wirken sich Longevity-Anwendungen positiv auf die Gesundheit aus. Eine große Rolle spielen sicherlich die heilsame Natur, die wohltuende Berglandschaft und der entspannte Luxus des Hotels. Doch im Alltag kommt es vor allem darauf an, ein gutes, aber unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Gesundheit zu entwickeln. Deshalb ist es völlig in Ordnung, sich ab und zu kleine Freuden wie Schokolade oder ein gutes Glas Wein zu gönnen. Denn das Leben soll nicht nur lang, sondern immer auch genussvoll sein. Weitere Informationen unter: www.krallerhof.com.