FAZ 21.02.2026
10:02 Uhr

Lochner gegen Friedrich: Deutsche Rivalen im Eiskanal


Johannes Lochner oder Francesco Friedrich – einer der beiden wird wohl in Italien an diesem Sonntag Olympiasieger im Viererbob. Das Duell der Deutschen hat aber schon lange zuvor Fahrt aufgenommen.

Lochner gegen Friedrich: Deutsche Rivalen im Eiskanal

Kein deutscher Viererbob ganz vorne – was ist da passiert? Es waren nur zwei Trainingsläufe, die Johannes Lochner und Francesco Friedrich nicht dominierten, aber die Ergebnisse ließen die Konkurrenz aufhorchen und hoffen für die letzte Entscheidung im Eiskanal von Cortina d’Ampezzo an diesem Sonntag (12.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und Eurosport). Die ersten beiden Läufe finden an diesem Samstag (10.00 Uhr und 11.57 Uhr, der dritte am Sonntag (10.00 Uhr) statt. Und der Österreicher Markus Treichl rechnet sich „gute Chancen“ aus im Viererbob, „wenn wir unsere Fehler minimieren“. Aber wenn man die Ergebnisse im Viererbob-Weltcup heranzieht, dann scheint Treichls Aussage eher Wunsch als Realität. In den sieben Wettkämpfen im großen Schlitten gab es nur deutsche Siege: Dreimal gewann Lochner, je zweimal Friedrich und Adam Ammour. Dennoch sieht Bundestrainer René Spies die Deutschen nicht enteilt. Der große Schlitten ist stabiler. „Man wird keine kompletten Ausfälle sehen, keinen Bob, der quer steht“, sagt Spies. Und die Unterschiede beim Material der besten Piloten sind minimal. Spies findet sogar, „dass 15 Bobs auf Augenhöhe starten, also mit gleichen Waffen kämpfen“. Ganz vorne wird sein, wer die beste Fahrspur in der „Pista Olimpica Eugenio Monti“ findet. Ein bisschen Bluff war vielleicht dabei, aber vor allem etwas „ungünstige Startzeiten“, wie Spies sagt. Friedrich und Lochner bringt so etwas nicht aus dem Konzept. Sie ließen, wie viele andere Konkurrenten auch, die am Freitag angesetzten fünften und sechsten Trainingsläufe aus. „Die wissen, was sie können, in der Bahn und am Start“, sagte Spies. Der Wettbewerb am letzten Tag dieser Winterspiele ist der Höhepunkt und das Finale eines Duells auf höchstem Niveau. Francesco Friedrich und Johannes Lochner dominierten in den vergangenen Jahren die Konkurrenz im Zweier- und Viererbob. Wenn es darauf ankam, hatte in der Regel Friedrich die Nase vorne. Lochner hat das feinere Fahrgefühl, Friedrich gilt als mental stärker, akribischer. „Franz hat im Zweier eigentlich schon den Vierer vorbereitet“, sagt Spies, „sich eine Fahrspur erarbeitet“ für den größeren Schlitten in dem Wettkampf, in dem er schon nach zwei von vier Läufen fast aussichtslos zurückgelegen hatte und deshalb gleich den Fokus auf die nächste Chance richtete. „Mit Franz ist immer zu rechnen“, sagt der Bundestrainer. Einst gab es Streit um einen Anschieber Ein Zweikampf, der im Eiskanal mit harten Bandagen geführt wird, aber außerhalb sehr professionell ist. Meistens jedenfalls. Wenn ein Großereignis bevorstehe, komme es schon mal vor, dass es zu Sticheleien komme, erzählt Spies. Nicht öffentlich meist, und auch nicht verletzend. Sie respektieren sich und die Leistung des anderen. Sein schönster Olympia-Moment sei gewesen, erzählt der Bundestrainer, als sich die beiden am Dienstag vor dem letzten Lauf im Zweierbob noch viel Glück gewünscht haben, „drei Minuten vor dem Start. Ich glaube, das sagt alles über die Beziehung der beiden.“ In die Rivalität wird oft von außen viel hineininterpretiert. „Im Grunde mögen sie sich“, sagt Spies. „Und wenn die Schlachten geschlagen sind, dann werden die sich immer gut verstehen.“ Gut, da war die Aktion mit den Anschiebern 2024. Zuerst hatte Friedrich mit Georg Fleischhauer ein „Perspektivgespräch“ geführt, wie es der Sachse selbst bezeichnet hatte. Das kam beim emotionaleren Lochner nicht gut an. Ein paar Monate später hat der dann den ehemaligen Anschieber von Friedrich, Thorsten Margis, geholt. Das wiederum störte den Rivalen gewaltig. Allerdings hatte Margis zuvor bereits seine Karriere beendet und war deshalb gar nicht im Team des viermaligen Olympiasiegers aus Pirna. Friedrich hatte da bereits Simon Wolff im Bob. Der wurde später des Dopings überführt – und Friedrich war seinen Gesamtweltcupsieg für die Saison 2024/25 wieder los. Er ging an Lochner. Dieser Streit ist zwar ausgeräumt, aber ein bisschen etwas bleibt immer hängen. „Insgesamt“, sagt Spies, „hat da schon etwas mit den beiden gemacht.“ Aber nichts, was die Stimmung in der ganzen Mannschaft trübt. Der Umgang der Rivalen war früher, zu Zeiten eines Christoph Langen und André Lange, anders. Die seien „richtig verfeindet“ gewesen, erzählt Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittensportverbandes für Deutschland. „Es gibt keine Klüngelei bei mir“ „Da saß Team Lange dahinten beim Essen und das Team Langen am besten im Nebenraum. Die haben nicht miteinander geredet.“ Die Trainer haben da mitgespielt, erinnert sich Schwab, damals Bundestrainer bei den Rodlern. „Das Trainerteam hat immer eine Mannschaft bevorzugt.“ Was dazu führte, dass André Lange „die beiden schnellen Bobs gebunkert“ hatte. Als Christoph Langen 2010 zum Bundestrainer aufstieg, hat er dies verändert, die einzelnen Teams zusammengeführt, gleichbehandelt, auch beim Material. „Es sollte keine Zweiklassengesellschaft geben“, sagte Spies, damals Langens Assistent. Als Nachfolger behielt er diese Linie bei. „Es gibt keine Klüngelei bei mir.“ Lochner und Friedrich arbeiten bei der Materialentwicklung zusammen, geben auch der FES, dem Institut für Forschung und Entwicklung für Sportgeräte, wichtige Impulse. „Die wissen, wenn sie sich austauschen über die Technik, dann werden sie schneller, jeder für sich“, sagt Schwab. Erst wenn der Bob steht und es um Feinheiten geht wie den Kufenschliff, beginnt die Geheimniskrämerei. Die Kleinigkeiten, an denen die Piloten rumtüfteln, sagt Spies, seien manchmal auch nur für den Kopf, „dass man dem anderen etwas voraushat, auch wenn es vielleicht gar nicht so ist“. In der Königsdisziplin Viererbob zurückzuschlagen, die fünfte Goldmedaille zu holen und damit auch noch André Lange zu übertrumpfen, wäre Genugtuung für Friedrich. Und vielleicht auch für ihn der perfekte Abschluss einer großartigen Karriere. Anders als Lochner, der bereits vor der Saison erklärt hatte, dass nach Olympia Schluss sein wird, hat Friedrich seine Zukunft offen gelassen. Aber auch Lochner wird sich nicht mit diesem einen Olympiasieg vom Dienstag, dem ersten in seiner Karriere, zufriedengeben. Gold bleibt zwar Gold, aber sie würde vielleicht nicht mehr ganz so glänzen, wenn im Viererbob nicht eine zweite dazukäme. Vor allem, wenn Friedrich vor ihm wäre.