Eine fiktive, der Wirklichkeit dabei unverkennbar verwandte Ortschaft im Hunsrück werde in Shida Bazyars Roman „Die Lücken“ (Kiepenheuer & Witsch) zum exemplarischen Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer schleichenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung, die sich bis in die Gegenwart fortschreibe: So heißt es in der Begründung der Jury des Wilhelm-Raabe-Preises für 2026. Die 1988 in Hermeskeil bei Trier geborene Schriftstellerin erzähle anhand des Städtchens mit dem sprechenden Namen Heimesbach von der „Praxis des Umdeutens und Relativierens der eigenen wie der politischen Geschichte und von einer Erinnerungskultur, die erst von den Opfern selbst reklamiert werden muss“. Mit der literarischen Technik des Verschneidens von historischem und fiktivem Material habe Bazyar eine ebenso raffinierte wie elegante Romankomposition geschaffen. Der Jury unter Sprecherin Wiebke Porombka gehört seit diesem Jahr auch Jan Wiele, Literaturredakteur der F.A.Z., an. Der vom Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig gestiftete Preis wird am 7. November in Braunschweig verliehen.
