Die Met Gala, die jedes Jahr im Mai in New York stattfindet, ist eine der größten Veranstaltungen der Mode, und nicht selten setzt sie Trends für den Rest des Jahres. Im Frühjahr war das Thema der Ausstellung „Superfine: Tailoring Black Style“. Dabei ging es darum, die afroamerikanische Stilgeschichte zu würdigen. Gäste auf dem roten Teppich kleideten sich entsprechend: Viele Stars – oder eben deren Styling-Teams – entschieden sich für eine Hommage an den Zoot Suit. Das ist ein weit geschnittener Anzug mit eng zulaufender Hose und Jacke mit wattierten Schultern. In den Zwanzigerjahren kam der Zoot Suit auf, in den Folgejahren wurde er zum Protestsymbol. Janelle Monáe trug ein Trompe-L'oeuil- Outfit mit Krawatte und Monokel, Sängerin Rihanna kündigte ihre dritte Schwangerschaft in einem Nadelstreifen-Ensemble an und Schauspielerin Zendaya trug einen weißen Dreiteiler und einen Hut mit breiter Krempe. Allen drei war, neben der Hommage an den Zoot Suit, noch eine weitere Sache gemeinsam: Beim Make-up setzten sie auf sogenannte Nude Lips. Soll heißen: ein dem Hautton ähnlicher, also wie nackt wirkender Lippenstift oder Lipgloss, kontrastiert von einem dunkleren Lipliner. Drei Looks, die auf die lange Geschichte ethnischer Spannungen in Amerika verweisen. Damals gab es noch keine Lippenkonturenstifte für schwarze Haut Wer sich noch an die Neunzigerjahre erinnert, hat das vorherrschende Make-up von damals sofort wieder vor Augen: Hip-Hop-, Soul- und R'n'B-Sängerinnen konturierten ihre ansonsten natürlich belassenen Lippen mit einem braunen oder sogar schwarzen Lippenrand. Daran erinnert sich auch Make-up-Expertin Katlyn Gontier von MAC Cosmetics: „Für mich begann die Ära der dunklen Lippenkonturenstifte und nudefarbenen Lippen in den Neunzigerjahren. Damals gab es noch keine speziellen Lippenkonturenstifte für schwarze Haut auf dem Markt, also verwendeten wir schwarzen Kajal, um fast alle Konturen im Gesicht – Augen, Augenbrauen und Lippen – zu zeichnen.“ Sie erinnert sich an die Musikvideos und Bilder der damaligen Zeit: „In den Neunzigern waren die Ikonen dieses Looks für mich Rapperinnen, Sängerinnen und Models wie Missy Elliott, Aaliyah, Lil' Kim, Naomi Campbell und Iman.“ Seit einigen Jahren beobachte sie „definitiv wieder einen Anstieg der Nachfrage nach Nude-Lippenstiften und Lippenkonturenstiften“ bei ihrer Kundschaft, weswegen MAC im vergangenen Jahr beliebte Nude-Farbtöne aus den Neunzigern wieder aufgelegt habe. Im Gegensatz zu damals, als die Kontur kaum kontrastreich genug sein konnte, geht es beim aktuellen Revival für Katlyn Gontier um das Verblenden der Konturen. „Auch für die Lippen haben wir heute viel mehr Möglichkeiten – nicht nur in Bezug auf die Farbe, sondern auch auf das Finish. Wir müssen nicht mehr schwarzen Kajal verwenden, sondern haben echte Lipliner-Formeln in dunkleren Farbtönen.“ Die Chola-Subkultur und die Ästhetik des Widerstands Aber die Geschichte des Nude-Lip-Looks fand nicht in den Neunzigern ihren Anfang. Auch die R’n’B-Größen griffen schon auf etwas zurück, nämlich auf die Chola-Subkultur, die von Latinas vor allem in Kalifornien seit den Siebzigern geprägt wurde. „Der Chola-Stil wird oft mit einer Kombination aus einem langen weißen Tanktop, karierten Hemden, weiten Jeans, flachen schwarzen Schuhen, dunklem oder starkem Eyeliner und natürlich dem dunklen Lipliner assoziiert“, sagt Catherine Sue Ramírez, Professorin für Lateinamerikanistik an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz und Autorin des Buchs „The Woman in the Zoot Suit“. Das Buch handelt von jungen mexikanisch-amerikanischen Frauen, die in den Dreißigern, Vierzigern und bis in die Fünfziger in Los Angeles den Zoot Suit trugen und Pachucas genannt wurden. Erst wurde der Begriff abfällig genutzt, dann besetzten sie den Begriff für sich. „Die Pachuca ist die Vorgängerin der Chola“, sagt Ramírez. Diese Figur galt als unpatriotisch, rebellisch, gar kriminell. So jedenfalls sah die Polizei in den Vierzigerjahren die Trägerinnen des ausladenden Zoot Suits, der zwar aus den Jazzclubs in New York kam, bald aber auch an der Westküste seine Anhängerschaft fand: „Los Angeles war in den Vierzigern eine sehr segregierte Stadt“, sagt Ramírez. „Hier lebten Schwarze, Latinos, japanische Amerikaner und Juden zusammen im selben Viertel, weil sie keine Immobilien dort kaufen durften, wo die weißen christlichen Amerikaner lebten.“ Schönheitsstandards und politische Kämpfe Der Protest in stofflicher Form war auch der Tatsache geschuldet, dass die Regierung lateinamerikanische Gemeinschaften systematisch unterdrückte. So wurden von 1929 bis 1939 im Zuge der „Mexican Repatriation“ Hunderttausende Personen mexikanischer Herkunft gewaltsam aus dem Land vertrieben – Schätzungen zufolge waren 40 bis 60 Prozent davon amerikanische Staatsbürger. Der Zoot Suit wurde zum Symbol ethnischer Zugehörigkeit und des Protests gegen die Unterdrückung. Er polarisierte auch deshalb, weil während des Zweiten Weltkriegs Stoff in den USA stark rationiert war, denn er wurde für die Kriegsanstrengungen benötigt. Der Anzug jedoch war eben demonstrativ weit geschnitten: Bundfaltenhose, kastenförmiger Mantel mit weiten Ärmeln und Schulterpolstern – heute würde man „oversized“ dazu sagen. Das kam in den Augen einiger Soldaten und Gesetzeshüter einer Provokation gleich – und war sicherlich auch so gemeint. Sie griffen Jugendliche an, die Zoot Suits trugen. Die Unruhen des Jahres 1943 bekamen einen eigenen Namen: „Zoot Suit Riots“. Frauen nutzen Mode, um ihre Stimme zu erheben Frauen trugen ihn auch. „Es war eine Zeit, in der Frauen in diesem Land gerade anfingen, Hosen zu tragen“, sagt Ramírez. „Allerdings nur zur Arbeit. Der Pachuca-Look war für den Status quo also eine doppelte Herausforderung: Einerseits bedrohte er den Patriotismus und andererseits den Chauvinismus.“ Die Frauen trugen nicht nur Männerkleidung, sie begannen auch, sich die Lippen dunkel zu schminken. Bis dahin war das ebenfalls ein Tabu und durchaus verpönt. „Die Betonung der Lippen wurde von vielen Frauen und Männern in den Vereinigten Staaten und in Mexiko als sexuell suggestiv empfunden. Und wenn man noch einen Schritt weitergeht, deutet das auch auf den Mund hin, also das Sprechen, eine Stimme zu haben“, sagt Ramírez. Die subversive Kraft dieser rebellischen Frauen liegt auf der Hand. Die weiten Zoot Suits der Dreißigerjahre kamen schließlich in den Neunzigern als Baggy Pants wieder auf, die Lippen waren nicht mehr dunkel ausgefüllt, sondern wurden dunkel umrandet. Die Chola war damit eine Vorreiterin des Nude-Lip-Looks und die Hip-Hop- und R'n'B-Sängerinnen machten den Look weltweit bekannt. „Im Moment versuchen die Leute eher, unsichtbar zu sein“ Beide Subkulturen – Pachucas wie Cholas, Zoot Suits wie Baggy Pants – stellten einen Protest gegen systemischen Rassismus und Unterdrückung dar. „Schönheitsstandards und Politik sind immer miteinander verbunden“, sagt Ramírez. Wenn eine angepasste, weiße Weiblichkeit die Norm war, rebellierten sowohl die Pachucas als auch die Cholas dagegen – übrigens nicht immer bewusst. „Ich sehe definitiv eine Symbolik in diesen Jugendkulturen, auch wenn die meisten Frauen, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, es einfach als ,cool' empfanden, sich so zu schminken und zu kleiden“, sagt die Autorin. „Es geht bei Schönheitsstandards immer um Repräsentation. Und Repräsentation ist die Produktion von Bedeutung und der Kampf um Bedeutung.“ Warum also erfährt dieser Kosmetiktrend gerade jetzt ein Comeback? Catherine Sue Ramírez hat darauf keine eindeutige Antwort. Als Kalifornierin erlebt sie die täglichen, willkürlichen Deportationen durch die amerikanische Immigrationsbehörde (ICE) und die Angriffe der Trump-Regierung auf ihre Community allerdings als sehr bedrohlich. „Wir leben in einer sehr beängstigenden Zeit. Nicht nur Make-up-Trends wiederholen sich, in vielerlei Hinsicht sehen wir eine Wiederholung dessen, was in der Vergangenheit schon einmal passiert ist“, sagt Ramírez. „Im Moment versuchen die Leute meiner Meinung nach eher, unsichtbar zu sein, anstatt sich auffällig zu kleiden oder zu schminken.“ Vielleicht liegt gerade darin der Grund, warum eben dieser Nude-Lippenstift – also ein kaum sichtbarer – wieder in Mode kommt. Die Lippen werden kaschiert, aber zugleich betont. So repräsentiert der Look, auf ästhetisch ansprechende Weise, das Spannungsfeld zwischen Sich-Verstecken und seine Stimme nutzen. Anders gesagt: Nur wer gesehen wird, der wird auch gehört. Wer allerdings Angst vor einer Abschiebung ohne Verhandlung haben muss, bleibt lieber unsichtbar – und somit auch stumm. Ästhetischer Protest wird da leider nicht ausreichen.
