Es ist eine kalte Februarnacht im Jahr 2023, als ein Polizeihubschrauber zwei Personen nahe der Bahnunterführung in Berlin-Adlershof entdeckt. Der Mann und eine Frau, beide um die dreißig Jahre alt, tragen einen Kanister bei sich, sind mit Funkgeräten ausgerüstet. Die Bundespolizisten informieren Kräfte am Boden; um 1.09 Uhr nehmen Beamte Eva H. und Daniel K. fest. Neben dem gefüllten Benzinkanister und den beiden Handfunkgeräten finden sie auch eine Packung Gummihandschuhe und eine Liste mit Informationen zu zivilen Polizeifahrzeugen. In einem Strafverfahren, das mehr als ein Jahr später am Amtsgericht Tiergarten verhandelt wird, werfen die Ermittler den beiden vor, einen Brandanschlag auf Stromkabel am Festnahmeort geplant zu haben, um so erhebliche Störungen des Bahnverkehrs zu verursachen. Doch H. und K., die der linksextremen Szene Berlins angehören sollen, werden freigesprochen. Eine Tat sei ihnen nicht nachzuweisen, heißt es in der Urteilsbegründung. Was sie spät nachts mit dem Benzin nahe kritischer Infrastruktur vorhatten, bleibt ihr Geheimnis. Falls die beiden Mitglieder einer „Vulkangruppe“ sind, waren die Strafverfolger der linksmilitanten Gruppierung wohl noch nie so dicht auf den Fersen wie in jener Februarnacht 2023. Denn obwohl die „Vulkangruppen“ bereits seit 2011 in Berlin und Brandenburg aktiv sind, konnte bislang noch keiner ihrer zahlreichen Brandanschläge aufgeklärt werden. Karlsruhe ermittelt nicht zum ersten Mal gegen „Vulkangruppen“ Eben eine jener klandestinen „Vulkangruppen“ hat den Brandanschlag auf eine Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde am 3. Januar für sich reklamiert. Ziel der „Aktion“ sei es, der Gaswirtschaft und „der Gier nach Energie“ einen „hohen Schaden“ zuzufügen, heißt es im Bekennerschreiben. Man wolle „den Herrschenden den Saft abdrehen“, nicht einzelnen Haushalten. Doch die Tat hatte für Zehntausende Bewohner des Berliner Südwestens verheerende Folgen. In ihren Wohnungen und Häusern fiel der Strom aus. Tagelang mussten sie ohne Licht und Heizung leben. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und seine sozialdemokratische Innensenatorin Iris Spranger sprachen von „Linksterrorismus“, mit Verzögerung folgte auch das Bundesinnenministerium dieser Einschätzung. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Unter anderem bestehe der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Es ist nicht das erste Mal, dass Karlsruhe gegen die „Vulkangruppen“ ermittelt. Schon nach der ersten Aktion einer solchen Gruppe am Berliner Bahnhof Ostkreuz im Mai 2011, aber auch nach dem Anschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide hatte sich die oberste Strafverfolgungsbehörde eingeschaltet. Dem Bundesinnenministerium sind zwölf „Tatkomplexe“ bekannt, in denen sich verschiedene „Vulkangruppen“ selbst bezichtigen. „Die Ermittler stehen am Tatort mit leeren Händen da“ Die Bezeichnung „Vulkangruppen“ geht unter anderem auf den isländischen Vulkan Eyjafjallajökull zurück, dessen Ausbruch 2010 den europäischen Flugverkehr lahmlegte. Eine der ersten Gruppen hatte sich „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ genannt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz geht von mehreren Banden aus, die den Namen „nach Art eines Franchise“ nutzen. Wie und ob sie zusammenarbeiten, ist unklar. Berliner Verfassungsschützer attestieren ihnen eine ideologische Nähe zum Ökoanarchismus. Doch viel mehr ist über die Strukturen oder etwaige Mitglieder aus den öffentlichen Mitteilungen der Behörden nicht zu erfahren. Nicht mal das aktuelle Personenpotential konnte der Berliner Verfassungsschutz in seinem letzten Bericht nennen. „Die Ermittler kommen an den Tatort und stehen mit leeren Händen da“, sagt Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Extremismusexperte beobachtet bei den „Vulkangruppen“ ein professionelles Vorgehen. Er geht davon aus, dass Ziele über einen längeren Zeitraum beobachtet und Anschläge erst an geeigneten Tagen ausgeführt werden. Außerdem wüssten die Täter, wie sie unerkannt zum Tatort gelangten und Spuren wie DNA oder Fingerabdrücke beseitigen können. Anders als bei Rechtsextremen und Islamisten fehle bei Linksextremen zudem ein digitaler Fußabdruck. Sie präsentierten sich nicht mit öffentlichen Profilen in den sozialen Medien. Neumann geht davon aus, dass es für die Ermittler schwer wird, nachträglich Tatverdächtige zu fassen. Der Extremismusexperte beobachtet aktuell zwei prägende Strömungen innerhalb der linksextremen Szene, die per se nichts miteinander zu tun hätten: zum einen den militanten Antifaschismus, der wie die sogenannte Hammerbande um Lina E. brutale Angriffe auf Rechtsextreme verübt, und zum anderen klimapolitisch motivierte Saboteure wie jene der „Vulkangruppen“. Auch wenn Berlin und Umland als Hotspot dieser Szene gelten und durch den folgenschweren Brandanschlag zu Jahresbeginn im öffentlichen Fokus stehen, gibt es deutschlandweit Gruppen, die kritische Infrastruktur oder einzelne Unternehmen angreifen. „Kommando Angry Birds“ in NRW aktiv Für das Jahr 2024 listet der Verfassungsschutz 86 linksextremistisch motivierte Brandstiftungen auf, 24 davon im Kontext von Klimaprotesten. Außerhalb der Hauptstadt sind die linksextremen Saboteure mit klimapolitischen Motiven besonders in Nordrhein-Westfalen und München aktiv. In der bayerischen Landeshauptstadt und ihrer Umgebung kam es in den vergangenen Jahren vermehrt zu Brandanschlägen auf kritische Infrastruktur und Baufahrzeuge. Besonders schwerwiegend war ein Anschlag im Mai 2021 auf freigelegte Stromleitungen. Um die 20.000 Haushalte waren von der elektrischen Energieversorgung abgeschnitten, teilweise länger als einen Tag. Einem Bekennerschreiben zufolge galt der Angriff einem Münchner Unternehmen, das unter anderem für die militärische Luftfahrt produziert. Auch die Gruppe „Kommando Angry Birds“ nimmt Ziele mit militärischem und wirtschaftlichem Bezug ins Visier. Die „Birds“ reklamierten zahlreiche Anschläge in Nordrhein-Westfalen für sich. Im August dieses Jahres etwa legten sie mit einem Brandsatz den Bahnverkehr zwischen Düsseldorf und Duisburg lahm, um die Verbindungsstrecke „einiger der wichtigsten Wirtschaftszentren Europas“ zu stören. Bereits im Mai 2023 hatte sich die Gruppe zu einer Reihe von Brandanschlägen auf Bahnsignalkabel im Ballungsraum Düsseldorf bekannt. Wie bei den „Vulkangruppen“ tappen die Ermittler im Dunkeln. Die jüngste Tat, die im Zusammenhang mit der Gruppe steht, liegt wohl noch nicht lange zurück. Auf der linken Internetplattform „Indymedia“ veröffentlichte das „Kommando Angry Birds“ am 5. Januar ein Bekennerschreiben zu einem Anschlag auf ein Umspannwerk in Erkrath bei Düsseldorf. Demnach hatten es die Täter auf die Versorgung eines Industriegebiets abgesehen: ein vorgeblicher Akt des Widerstands gegen die Verbreitung angeblich gesundheitsgefährdender Stoffe. Der Brandanschlag mit neun Litern Grillanzünder selbst schlug fehl, jedoch hinterließen die „Birds“ zwei Graffiti an einem Trafohäuschen: „KAB“ als Abkürzung für ihre Gruppe und die Worte „Switch off“, ein Verweis auf eine gleichnamige Mitmachkampagne. „If you can’t do the time, don’t do the crime“ Die Internetseite von „Switch off! The System of Destruction“ fungiere als zentrale Schaltstelle der Szene, sagt Experte Neumann. Die Macher rufen zur „Revolte“ auf und wollen Proteste, Sabotagen und Blockaden bündeln. Auf dem Blog werden Bekennerschreiben aus der ganzen Welt samt Fotos der zugehörigen Brandanschläge veröffentlicht. Auch die Anleitung „Kabel anzünden für Beginner“, verfasst von den „Angry Birds“, kann man dort herunterladen. Auf 23 Seiten wird erklärt, wie man mit Benzin, flüssigem Grillanzünder, Brennpaste, Ethanolgel und Paraffin simple Brandsätze und einen passenden Zünder mit zeitlicher Verzögerung baut. Der Leitfaden sei aus dem Wunsch heraus entstanden, Erfahrungen „mit frei im Supermarkt oder Baumarkt verkäuflichen Materialien zu teilen“, heißt es auf der Internetseite. Wer sich jedoch nicht sicher sei, ob er Zeit habe, in den Knast zu gehen, solle die Finger von der Anleitung lassen: „If you can’t do the time, don’t do the crime.“ Wie bei den militanten Antifaschisten, so beobachte man auch bei den klimapolitischen Sabotageaktionen eine Zunahme des Gewaltpotentials, sagt Neumann. Der Fachmann hält es für problematisch, dass die Forschung zum Linksextremismus nicht ebenso gute Ergebnisse liefere wie zum Rechtsextremismus: „Wären wir dahin gehend besser aufgestellt, würde das auch den Ermittlungsbehörden helfen.“ Angeblich erste „Vulkangruppe“ distanziert sich Derweil meldete sich am vergangenen Mittwoch eine Gruppe zu Wort, die sich als die erste „Vulkangruppe“ von 2011 bezeichnet. „Wir distanzieren uns ausdrücklich von allen Aktionen der letzten Jahre, die unter unserem Namen oder mit Bezug auf uns durchgeführt wurden“, heißt es in einem Schreiben. Man habe „Unterbrechung“, nicht „Eskalation“ gewollt, eine „Störung von Normalität“, aber nicht „ihre Zerstörung“. Ursprüngliche Ziele seien „Bundeswehreinsätze, deutsche Kriegsbeteiligung und Waffenexporte“ gewesen. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2014 habe sich der Kontext grundlegend verschoben. Die neue Weltlage sei „keine Bühne mehr für symbolische Akte“ gewesen, „die leicht und falsch instrumentalisiert werden können“. Ob das Schreiben authentisch ist, lässt sich nicht klären.
