An jeder Haustür stellt Rebecca Ruppert nach einer kurzen Begrüßung dieselbe Frage: „Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?“ Die meisten, die an diesem Sonntagmittag der Linkenpolitikerin gegenüberstehen, sind davon etwas überfordert. Einen Mann hat das Türklingeln geweckt, er öffnet in Boxershorts und T-Shirt. Nach kurzem Innehalten sagt er: „Ganz viel muss sich ändern. Aber gerade kann ich nicht.“ Ruppert nickt verständnisvoll. Es sei ja auch Sonntag, murmelt sie, da ist die Tür schon ins Schloss gefallen. An 12.000 Haustüren haben Ruppert und ihre Parteifreunde in den vergangenen Monaten in Rheinland-Pfalz geklingelt. Bis zur Landtagswahl am 22. März sollen es 30.000 sein. Es ist Teil der Strategie, wie man es zum ersten Mal in den Landtag von Rheinland-Pfalz schaffen will. Noch vor eineinhalb Jahren bewegte sich die Linke in weiten Teilen Westdeutschlands am Rande der Bedeutungslosigkeit. Bei der Europawahl erreichte sie in Rheinland-Pfalz nur 1,7 Prozent. Bei der Bundestagswahl im Frühjahr waren es dann 6,5 Prozent. In gut einem Jahr hat sich die Mitgliederzahl im Landesverband verdreifacht. Waren es Ende vergangenen Jahres 1200 Mitglieder, sind es derzeit laut der Partei 3900. Viele wollen Zeichen „gegen den Rechtsruck“ setzen Ruppert sagt, dass die erste Welle von Mitgliedsanträgen nach dem Bruch der Ampelkoalition im Bund im November 2024 kam. Einen deutlichen Sprung gab es Ende Januar 2025, als die CDU eine Mehrheit mit der AfD in Kauf nahm. Die Rede, die die Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek daraufhin hielt, verbreitete sich rasend schnell im Netz. Viele der Neuen wollten ein Zeichen „gegen den Rechtsruck“ setzen, sagt Ruppert, Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl. Sie ist 37 Jahre alt, erst seit fünf Jahren in der Partei. Während Corona wurde sie arbeitslos, was sie politisierte. Inzwischen arbeitet Ruppert als IT-Beraterin für den öffentlichen Dienst. Die neuen Mitglieder lebten keineswegs nur in den wenigen großen Städten des Landes. Als sie vor Kurzem in der Vulkaneifel zu einer Veranstaltung einluden, in der es um hohe Mieten ging, seien die Erwartungen gering gewesen, aber 40 Interessierte seien gekommen. „Vierzig! In der Vulkaneifel!“, wiederholt Ruppert und grinst. Es läuft gerade gut. „Nächstes Jahr bist du im Landtag“, sagt die Parteifreundin, die Ruppert an diesem Tag begleitet. Im nächsten Gebäude, einem fünfstöckigen Neubau, stehen Kinderräder, Gummistiefel und Buggys im Flur. Im ersten Stock klagt ein Vater, dass die Ganztagsbetreuung zu wenig flexibel sei. Sein Sohn, ein Erstklässler, müsse von acht bis 16 Uhr bleiben. Es sei nicht möglich, ihn mal früher abzuholen. Was wie ein Luxusproblem klingt, wird Ruppert später in die „Aktivisti“-App eintragen, ein internes Werkzeug der Linkspartei. Die Fraktion im Stadtrat soll sich darum kümmern. Wahlkampf mit eigener „Mietwucher-App“ Das andere Thema, das laut einer parteiinternen Auswertung in jedem zweiten Gespräch im Bundesland vorkomme, seien zu hohe Preise – für Lebensmittel, vor allem aber fürs Wohnen. Dort, wo sich die Tür nicht öffnet, hängt Ruppert einen Flyer an die Klinke: „Zahlst du zu viel Miete?“ steht dort, dazu der Hinweis auf die „Mietwucher-App“, die nach wenigen Klicks sagt, ob die Miete im Vergleich zum Mietspiegel womöglich zu hoch sei. In der Landeshauptstadt haben 2500 Personen die App genutzt, die von der Bundespartei kommt. Ein Mann, dem die Wahlkämpfer der Linken begegnen, bedankt sich für das Angebot. Denn falls die Miete zu hoch sein könnte, wird automatisiert ein Antrag an die jeweilige Stadt geschickt, die eine formale Prüfung durchführt. „Das wusste ich gar nicht. Aber es ist der Hammer“, sagt er. Auch die Heizkosten prüft die Partei in Sprechstunden. Was aber will die Linke gegen zu hohe Mieten tun? Im Wahlprogramm stehen die Erhöhung der Sozialbauquote auf 40 Prozent und ein Wegfall der Bindungsfrist für Sozialwohnungen. Auf die Frage, für welche Investoren es dann noch attraktiv sei zu bauen, sagt Ruppert, sie setze vor allem auf öffentlichen Wohnungsbau. Eine andere Forderung, die in Berlin Bekanntheit erlangte, lautet, Konzerne wie Vonovia zu enteignen. Ruppert will dafür gar nicht unbedingt regieren und sagt, auch aus der Opposition könne man viel verändern. Der SPD-Ministerpräsident will nicht über die Linke reden Im jahrelangen Misserfolg war die Linke in Rheinland-Pfalz zerstritten. In den vergangenen Jahren wechselten die Vorsitzenden alle zwei Jahre. Wie im Bund spaltete den Landesverband die Frage, wie man zu Sahra Wagenknecht steht. Den Wechsel einiger Mitglieder – teils in Führungspositionen – zum damaligen Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) beschreibt Ruppert als entscheidende Veränderung. Danach habe man als Team agieren können. Die Führungsmannschaft, die Ruppert um sich hat, ist jung und weiblich. Im Wahlkampf will man auf Instagram und Tiktok die Reichweiten einzelner Mitglieder nutzen, die dort bereits hohe Followerzahlen hätten. Tatsächlich zielt man stark auf ein junges Zielpublikum in Universitätsstädten. Ihr bestes Ergebnis auf Landesebene waren drei Prozent im Jahr 2011. Inzwischen liegt die Linke in Rheinland-Pfalz in Umfragen bei rund sechs Prozent, und im benachbarten Baden-Württemberg, wo sie ebenfalls nicht im Landtag ist, bei sieben Prozent. In der Landespolitik in Mainz nimmt man die Partei noch nicht so recht ernst. Mal sehen, ob die überhaupt den Einzug in den Landtag schaffen, heißt es immer wieder. Rechnerisch ist ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linken derzeit nicht möglich, sie kämen nur auf 39 Prozent der Stimmen. Aber je nachdem wie viele Parteien in den Landtag einziehen, braucht es nicht mehr so viele Prozentpunkte. Die regierende Mainzer Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP hat aufgrund der Schwäche der Liberalen nur wenig Chancen auf eine Fortsetzung. Gleichwohl hält Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) wenig von der Linken, ausschließen will er ein Bündnis aber nicht. Er will am liebsten gar nicht über die Linke reden. Auch die CDU, die Rot-Rot-Grün in anderen Bundesländern zur Mobilisierung der eigenen Mitglieder nutzt, greift die Regierungsoption bislang nicht auf. Ruppert steht inzwischen etwa vor der vierzigsten Tür an diesem Tag. Die ältere Dame, die ihr öffnet, spricht breites Berlinerisch. Mit der Linken könne sie wenig anfangen, sie komme aus dem Osten, sagt die Rentnerin. „Wenn wir vom demokratischen Sozialismus sprechen, heißt das nicht, dass wir die DDR zurückwollen“, sagt Ruppert. Die Frau winkt ab. Zu hohe Mieten sieht sie nicht als Problem an, sie selbst habe sich schließlich auch in Mainz eine Eigentumswohnung leisten können. „Jeder muss uff sein eijenes Geld schauen“, sagt sie. Ruppert lächelt. „Zum Guten für alle“, verabschiedet sich die Rentnerin.
