Lindsey Vonn fühlt sich wie Rocky Balboa: „Ich stehe einfach immer wieder auf“, sagt die amerikanische Skirennläuferin kämpferisch im jüngsten Lebenszeichen, das sie via Instagram in die Welt schickte. Wobei der Einundvierzigjährigen das Aufstehen derzeit noch schwerfällt. Vonn hatte sich bei ihrem Sturz im alpinen Abfahrtslauf bei den Olympischen Spielen von Cortina d’Ampezzo vor zweieinhalb Wochen einen komplizierten Schienbeinbruch zugezogen. Die Folgen des Sturzes waren noch schlimmer, als ohnehin befürchtet. „Dr. Tom Hackett hat mein Bein gerettet“, erzählt Vonn aus ihrem Hotelzimmer heraus, das sie mittlerweile mit dem Krankenbett getauscht hat. „Er hat es davor gerettet, amputiert zu werden.“ „Quasi alles lag in Trümmern“ Rocky Balboa, das als Erinnerungsstütze, ist eine von Sylvester Stallone dargestellte italo-amerikanische Filmfigur. Ein Underdog-Boxer, der sich hochgekämpft hat und zur Legende wurde. Der Originalstreifen kam 1976 in die Kinos, avancierte zum Kassenschlager und gewann drei Oscars. 2023, fast ein halbes Jahrhundert später, erschien der neunte und bislang letzte Spin-off der Reihe, Creed III. Den Glauben an sich hat auch Lindsey Vonn nie verloren, komme, was wolle, auch gegen Widerstände hinweg. Zwar währte ihre Ski-Karriere nicht ganz so lange wie Rockys Filmleben, doch die Ausschläge ihrer an Höhen und Tiefen reichen Vollgas-Karriere sind beachtlich. Viermal gewann sie den Gesamtweltcup, zweimal wurde sie Weltmeisterin, einmal Olympiasiegerin. Doch ihre Stürze und Verletzungen waren ebenfalls legendär. Vonns Glanzzeit währte ein Jahrzehnt, von 2007 bis 2016, was schon beachtlich ist. 2019 trat sie zurück, mit einer letzten WM-Bronzemedaille um den Hals. Doch dabei bewenden lassen konnte sie es nicht. Ihr Comeback 2024 mit Teilprothese im rechten Knie war von kontroversen Diskussionen und Warnungen begleitet worden. Sie brachte die Kritiker mit neuen Glanzzeiten und Siegen zum Schweigen. Doch der nächste Sturz sollte folgen. Ein Kreuzbandriss war die Konsequenz. Gegen jegliche Vernunft startete sie dennoch bei Olympia und stürzte abermals heftig. Selbst danach behauptet sie noch, das Comeback sei es ihr wert gewesen. Mindestens zwei Monate auf Krücken Ihre Verletzungen redet Vonn nicht schön. Sie illustriert die Aufzählung der Schäden an ihrem Schienbein mit Röntgenbild und MRT-Aufnahmen. Zwanzig Schrauben wurden eingesetzt. Neben der komplexen Schienbeinfraktur erlitt sie auch eine Fraktur des Wadenbeinköpfchens und einen Schaden am Tibiaplateau. „Quasi alles lag in Trümmern“, sagt sie. Wegen der mangelhaften Durchblutung drohten Muskeln, Nerven und Sehnen abzusterben. Eine Amputation konnte gerade so verhindert werden. Lindsey Vonn ist vorerst auf einen Rollstuhl angewiesen. Sobald sie wieder laufen kann, folgen „mindestens zwei Monate“ auf Krücken. „Es wird ungefähr ein Jahr dauern, bis alle Knochen verheilt sind“, kündigt sie an. Entgegen der Sage kam Rocky Balboa übrigens nicht unbeschadet aus der Filmreihe heraus. Gebrochene Rippen und schwere Hämatome begleiten seinen Weg. In Rocky V werden bei ihm Gehirnschäden diagnostiziert. In Creed I und II leidet er an den Spätfolgen seiner Karriere, in Creed III spielt er schon gar nicht mehr mit. Lindsey Vonns Karriere als Wettkämpferin ist definitiv vorbei. Ob sie jemals wieder Ski fahren wird, ist ebenfalls unklar. „Es wird ein langer Weg, aber ich werde es schaffen.“
