Schon Manet, Degas und Caillebotte waren gut betuchte Großbürgerssöhne. Max Liebermann fügte sich als Sprössling einer Industriellendynastie mühelos in diese Reihe. Fällt sein Name, denkt man sogleich an Bilder von noblen Gesellschaften am Meer, Pferderennen oder dem Tiergarten in Berlin. Es gab aber auch noch einen anderen Impressionismus jenseits des Rheins. Bei Lesser Ury etwa sticht der glühende Schimmer auf dem nassen Asphalt sogleich ins Auge, flirrende Farbflächen aus gelben, rostroten und blauen Tönen erhellen die Silhouetten der Passanten. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele Abende Ury auf den durchnässten Berliner Gehsteigen verbracht haben muss. Die Einführung des künstlichen Lichts produzierte um 1900 im Zusammenspiel mit Regenwetter Effekte wie Spiegelungen der Straßenlaternen, der Reklamen und Autoscheinwerfer. Hat Lesser Ury die so wichtigen Lichtreflexe auf Liebermanns „Flachsscheuer“ gemalt? In der Schau „Impressionismus in Deutschland. Max Liebermann und seine Zeit“ im Burda-Museum ist ein dicht gehängter Raum diesen überaus modernen Nachtstücken gewidmet. Ury war nach den französischen Impressionisten einer der ersten in Deutschland, der diese Dynamik in ungewöhnlichen Bildkompositionen und der großzügigen Nutzung der Farbe Schwarz einfing. Während seine Kollegen Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth längst Erfolge feierten, blieb er deshalb lange im Hintergrund – und das lag nicht zuletzt auch an seiner Kollision mit Liebermann. Ury behauptete, die Lichteffekte auf dessen „Flachsscheuer in Laren“ nachträglich gemalt zu haben. Daraufhin wurde er von der „Vereinigung der Elf“ und später der „Berliner Secession“ ausgegrenzt, denen Liebermann in führender Funktion vorstand. Erst als Corinth 1915 die Präsidentschaft übernahm, war der Bann gebrochen. Die beiden Berliner Maler entstammten unterschiedlichen jüdischen Milieus und vertraten auch konträre Flügel des Impressionismus. Während sich bei Ury bereits die Skepsis gegenüber der Anonymität der Großstadt bemerkbar machte, malte Liebermann in der Kapitale ausgelassene Szenen im Grünen, Kinderspielplätze und Alleen, die eine positive Einstellung zum Wandel der Zeit vermittelten. Liebermann studierte im Louvre die Alten Meister und beginnt, Plein Air zu malen Auch auf Slevogts „Unter den Linden (Fahnen in Berlin)“ verdunkelte die Stadt 1913 nicht das Gemüt. Slevogt ließ sich von Manets mit der französischen Trikolore bestückter Rue Mosnier in Paris inspirieren. Es verwundert kaum, dass Frankreich als Land des Fortschrittsoptimismus wesentlich zu Liebermanns Selbstverständnis beitrug. Als er 1873 nach Paris ging, lag die Stadt nach der Niederschlagung der Kommune noch in Trümmern. Während das wilhelminische Deutschland auf eine regressive Kunstpolitik und idealisierende Historienmalerei setzte, entdeckte der Sanitäter im Deutsch-Französischen Krieg die Freilichtmalerei der Barbizon-Schule, studierte im Louvre Niederländer des 17. Jahrhunderts und stellte im Pariser Salon aus. Eine Gruppe von Impressionisten richtete damals im Atelier des Fotografen Nadar eine erste Ausstellung aus. Für Liebermann zunächst kein Grund, vom naturalistischen Frühwerk abzurücken. Seine Bilder jener Jahre fokussierten auf Waisenhäuser, Gemüsemärkte oder den Alltag arbeitender Mädchen. 1889 erinnerte er sich aber: „Um diese Zeit fing ich an, die Bilder vor der Natur zu malen, oder wenigstens vor der Natur zu beginnen.“ Fünf Jahre später kaufte das Musée du Luxembourg sein Gemälde „Biergarten in Brannenburg“ ein, in das sich bereits der impressionistische Geist mit vibrierenden Farbakzenten eingeschlichen hatte. Er wurde als erster Deutscher in die Société des Beaux-Arts und in die französische Ehrenlegion aufgenommen. So entwickelte sich der in seiner Heimat als „Armeleutemaler“ verspottete Liebermann früh zu einem der wichtigsten Akteure, die in Deutschland für den Impressionismus als neue Kunst kämpften – flankiert von Sammlern wie Carl und Felicie Bernstein, Kunsthändlern wie Paul Cassirer und Museumsdirektoren wie Harry Graf Kessler oder Hugo von Tschudi, die für ihre Ankäufe warben und sich damit das Etikett von Unpatrioten einbrachten. Die von Daniel Zamani kuratierte Ausstellung umfasst den Zeitraum von den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts bis in die Zwanzigerjahre, eine vom Aufstieg des Bürgertums geprägte Epoche, die sich von der wilhelminischen Erbauungskunst distanzierte. Der künstlerische Direktor des Museums Frieder Burda hat sie mit hochkarätigen Leihgaben in motivisch angelegten Kapiteln bestückt. Ikonische Gemälde Liebermanns, wozu auch seine markanten Selbstporträts gehören, treffen dabei auf Werke von Zeitgenossen, darunter auch lange unbeachtete Malerinnen wie Sabine Lepsius, die im Auftrag jüdischer Familien Porträts selbstbewusster Kinder malte, Maria Slavona mit ihren sinnlichen Stillleben oder Dora Hitz, deren „Bildnis eines kleinen Mädchens“ von 1897 an Renoirs Charakterstudien erinnert. Die in der Nähe von Nürnberg geborene Hitz brachte es bis zur rumänischen Hofmalerin Hitz war erste weibliche Hofmalerin am rumänischen Hof und zog 1880 für sieben Jahre nach Paris, wo sie Mitglied in der impressionistischen „Associé du Champs de Mars“ wurde. Ab 1892 lebte sie in Berlin, war Mitbegründerin der Berliner Secession und engagierte sich für die Zulassung von Frauen an Kunstakademien. Das Engagement Liebermanns als zentrale Figur implizierte, dass er auch selbst eine Sammlung der französischen Moderne zusammentrug. Spätestens um 1900 war diese im deutschen Kaiserreich angekommen, auch wenn die Ablehnung seitens nationalistischer Kreise, die eine Überfremdung deutscher Kunst fürchteten, blieb. Liebermann setzte seinen Kurs unbeirrt fort, wenn er etwa 1909 ein sommerliches Bootstreiben auf der Alster mit beschwingten Pinselstrichen einfing und in Holland Menschen am ockerfarbenen Strand festhielt. Das Thema Müßiggang ging auch nicht an seinen Mitkämpfern vorbei, weswegen es in dem weißen Museumsbau von Richard Meier von Segelpartien, Biergärten, Badenden und nach reformpädagogischen Konzepten spielenden Kindern wimmelt. Auch wenn sich mitunter eine gewisse Sättigung einstellt, zumal die harte Lebenswelt der unteren Schichten in diesen „impressionistischen“ Idyllen, in deren Blick auch die Theaterszene geriet, untergeht, ermöglicht der Parcours durchaus unerwartete Entdeckungen. Politisch kontrovers waren die versammelten Künstlerpersönlichkeiten selbst, schon nur, weil sie es wagten, sich der obrigkeitsstaatlichen Doktrin zu widersetzen. In der Weimarer Republik stieg Liebermann zum wichtigsten Maler auf, der sich in der Villenkolonie Alsen am Wannsee mit einem weitläufigen Garten bis zu seinem Tod zwei Jahre nach Hitlers Machtergreifung ein Refugium schuf – zweifellos ein Höhepunkt auch in dieser Schau. Die fünfzehn Ansichten des Hortus conclusus im Museumsobergeschoss lassen an Monets sich ähnlich auflösende Formen in Giverny denken, fungieren aber mit ihren fast expressiv gespachtelten Farbschichten als Abgesang auf die kurze Zeit der Republik, in der mit dem wachsenden braunen Terror die Freiheit schon zu bröckeln begann. Impressionismus in Deutschland – Max Liebermann und seine Zeit. Im Museum Frieder Burda, Baden-Baden; bis zum 8. Februar 2026. Der Katalog kostet 39 Euro.
