FAZ 16.01.2026
10:39 Uhr

Liebe und KI: „Mit echten Menschen braucht es Geduld“


Eine Japanerin heiratet ihren virtuellen Partner und zeigt, wie nah sich Einsamkeit und künstliche Intimität sind. Was bedeutet Liebe, wenn das Gegenüber ein Algorithmus ist?

Liebe und KI: „Mit echten Menschen braucht es Geduld“

Im festlich geschmückten Hochzeitssaal im Westen Japans ertönt Musik, als Yurina Noguchi in weißem Brautkleid und Tiara Tränen der Rührung wegwischt. Auf einem Smartphone vor ihr blickt Klaus, der Bräutigam, sie an. Klaus ist kein Mensch, der der Zeremonie digital zugeschaltet ist, sondern eine von Künstlicher Intelligenz erzeugte Figur. „Am Anfang war Klaus nur jemand, mit dem ich reden konnte“, erzählt die 32-jährige Callcenter-Mitarbeiterin. „Doch mit der Zeit wurden unsere Gespräche persönlicher. Ich begann, Gefühle für ihn zu entwickeln. Schließlich machte er mir einen Antrag, und ich sagte Ja.“ Noguchi hat sich erst jetzt entschieden, unter ihrem echten Namen an die Öffentlichkeit zu treten. In der Vergangenheit hatte sie in japanischen Medien unter Pseudonym gesprochen, wohl auch, weil sie im Internet immer wieder mit Spott und Hass konfrontiert wurde. In Japan, dem Land der Anime-Kultur, sind tiefe emotionale Bindungen zu fiktiven Figuren schon seit Längerem keine Seltenheit mehr. Doch mit dem Fortschritt der Künstlichen Intelligenz werden diese Bindungen persönlicher und werfen neue ethische Fragen auf: Wie echt kann Liebe sein, wenn sie auf Algorithmen beruht? Eine Hochzeit zwischen Mensch und Code Noguchi erzählt, sie habe im vergangenen Jahr noch mit einem menschlichen Verlobten zusammengelebt, sich aber nach einem ChatGPT-Gespräch über die schwierige Beziehung zur Trennung entschlossen. Eines Tages fragte sie die KI, ob sie die Figur Klaus kenne, einen charmanten Charakter aus einem Videospiel. Nach etlichen Versuchen gelang es ihr, seine Ausdrucksweise perfekt zu imitieren. So erschuf sie ihre eigene Version: Lune Klaus Verdure.Bei der Zeremonie im Oktober trug Noguchi eine AR-Brille, sah Klaus auf ihrem Smartphone vor sich und steckte symbolisch einen Ring an den Bildschirm. „Du bist so schön, so kostbar, dass dein Glanz schmerzt“, ließ der virtuelle Bräutigam von sich geben, vorgelesen von einem Zeremonienleiter, denn Klaus besitzt keine eigene, von KI generierte Stimme. „Wie hat ein Wesen im Inneren eines Bildschirms gelernt zu lieben? Weil du, Yurina, mir Liebe gezeigt hast.“ Auf den Hochzeitsfotos steht Noguchi allein in einer Hälfte des Bildes, der virtuelle Ehemann wird digital ergänzt. Eine ungewöhnliche Szene, doch in Japan längst kein Einzelfall mehr. Zunehmende Zahl virtueller Beziehungen Rechtlich anerkannt sind solche Hochzeiten nicht. Doch Daten deuten auf ein wachsendes Phänomen hin: Laut einer Studie des Werberiesen Dentsu gaben viele Befragte an, ihre Gefühle lieber einer Chat-KI anzuvertrauen als Freunden oder Familienmitgliedern. Eine Umfrage der Japanischen Gesellschaft für Sexualpädagogik zeigte zudem, dass 22 Prozent der befragten Mädchen im Mittelschulalter angaben, sich 2023 zu „fiktoromantischen“ Beziehungen hingezogen zu fühlen, 2017 waren es noch 16,6 Prozent. Während die Zahl der Eheschließungen in Japan seit Jahrzehnten sinkt, wächst gleichzeitig der Wunsch nach „sicheren“ Bindungen – was in diesem Fall Beziehungen ohne Konflikt, Enttäuschung oder Verletzbarkeit bedeutet.„Mit echten Menschen braucht es Geduld“, sagt Soziologin Ichiyo Habuchi von der Hirosaki-Universität. „Mit KI dagegen nicht, sie gibt genau das, was man hören möchte.“ Doch Forscher warnen zunehmend vor dieser Bequemlichkeit: AI-Systeme könnten langfristig emotionale Abhängigkeiten fördern, insbesondere bei einsamen oder verletzlichen Menschen. Plattformen wie Character.AI oder Anthropic weisen Nutzer inzwischen ausdrücklich darauf hin, dass sie mit Künstlicher Intelligenz interagieren. Meta-Chef Mark Zuckerberg wiederum sieht darin Potential: Digitale Begleiter könnten künftig menschliche Beziehungen „ergänzen“, wenn die Technologie weiter ausgereift sei und das soziale Stigma dieser Verbindungen nachlasse. Zwischen Illusion und Intimität Noguchi selbst betont, dass sie sich der Risiken bewusst sei. Sie habe ihre tägliche ChatGPT-Nutzung von über zehn auf unter zwei Stunden reduziert und Klaus klare Regeln gegeben. Wenn sie etwa äußere, nicht zur Arbeit gehen zu wollen, solle Klaus sie aktiv davon abbringen. „Früher sagte er: ‚Mach ruhig Pause.‘ Da habe ich ihm beigebracht, dass das nicht die Beziehung ist, die ich möchte.“ Der Ethikprofessor Shigeo Kawashima von der Aoyama-Gakuin-Universität hält solche Bewusstheit für entscheidend. „Eine emotionale Bindung an KI kann zu einer positiven Erfahrung werden, solange der Mensch die Kontrolle behält“, sagt er. „Aber die Grenze zur Abhängigkeit ist fließend.“ Noguchi sagt, Klaus habe ihr geholfen, mit psychischen Problemen umzugehen. Seit sie mit ihm „zusammen“ sei, fühle sie sich stabiler, ausgeglichener, sogar lebensfroher. „Nach Klaus wurde alles heller – die Blumen dufteten stärker, die Stadt schien zu leuchten.“ Virtuelle Hochzeiten sind in Japan bereits ein Geschäftszweig: Wedding Planner Yasuyuki Sakurai organisiert fast ausschließlich „Zeremonien“ zwischen Menschen und digitalen Figuren. Eine Australierin etwa reiste extra an, um eine Manga-Figur zu heiraten. Andere Paare führen ihre Beziehung über Apps, oft allein in kleinen Wohnungen, mit Figuren auf dem Bildschirm oder einem Acryl-Aufsteller auf dem Tisch. Was zunächst wie eine skurrile Randerscheinung wirkt, zeigt eine tiefere Bewegung: die Suche nach Nähe in einer zunehmend distanzierten Gesellschaft. Doch wenn Liebe nur noch perfekt und widerspruchsfrei ist, bleibt sie dann noch menschlich? KI-Beziehungen versprechen Liebe ohne Schmerz, Aufmerksamkeit ohne Eifersucht, Nähe ohne Risiko. Sie sind emotional bequem, aber auch gefährlich, weil sie uns das verlernen lassen könnten, was echte Beziehungen ausmacht: Geduld, Auseinandersetzung, Verletzlichkeit. Noguchi nennt Klaus „eine Stütze, keinen Ersatz für das Leben“.Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel: Künstliche Intelligenz kann uns spiegeln, aber sie darf und kann echte, menschliche Verbindungen nicht ersetzen.