FAZ 05.03.2026
07:13 Uhr

Leserfrage: Soll die Bundesbank Gold aus Amerika zurückholen?


Die Sorge wächst, dass die bei der US-Notenbank lagernden Goldbestände nicht mehr vor Trumps Zugriff sicher sind. Leser fragen: Soll die Bundesbank Goldreserven zurückholen? Ein Ökonom des Kiel Instituts für Weltwirtschaft sagt: Nein.

Leserfrage: Soll die Bundesbank Gold aus Amerika zurückholen?

Gold als Devisenreserve hat bis Ende 2025 mit etwa 21 Prozent den Euro vom zweiten Platz als internationale Devisenreserve verdrängt. Über sechs Jahre seit 2019 bedeutet das einen Anstieg von etwa 6 Prozentpunkten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens wenden sich viele Zentralbanken vor allem aus Schwellenländern angesichts der rasant steigenden Verschuldung der USA langsam vom Dollar als Devisenreserve ab und fragen Gold nach. Dazu hat Donald Trumps kritische Haltung vom Dollar als „sicherem Hafen“ beigetragen. Sein Angriff auf die Unabhängigkeit der amerikanischen Federal Reserve (Fed) und sein Druck auf die Notenbank, den Leitzins trotz Inflationsgefahren zu senken, hat die Finanzmärkte in Unruhe versetzt. Denn damit toleriert der US-Präsident eine längerfristige Abwertungstendenz des Dollars, ja fördert sie sogar. Zwar gilt der designierte Nachfolger des Fed-Chefs Jerome Powell, Kevin Warsh, als Verfechter eines Rückzugs der Notenbank als Käufer auf den Finanzmärkten. Aber sobald diese Politik zu Erwartungen steigender Zinsen führen würde, wäre der Konflikt zwischen der Fed und Donald Trump vorgezeichnet. Zudem sind „Denkpapiere“ über eine Besteuerung der Dollaranlagen von Ausländern (Mar-a-Lago-Plan) noch in guter Erinnerung an den Finanzmärkten. Ein weiterer Treiber eines wachsenden Anteils von Gold als Devisenreserve ist zweitens der Goldpreis in Dollar relativ zum Wechselkurs des Dollars zu anderen Währungen. In Zeiten politischer Krisen wie jetzt im Zuge des Iran-Konflikts steigt er und löst bei privaten Anlegern weltweit ein Herdenverhalten aus, den geeigneten Einstieg nicht zu verpassen. Immer mehr wächst Gold so in die Rolle einer krisensicheren Anlage hinein, deren Produktion sich nur mit erheblichen Investitionen ausweiten lässt. Drittens zeigen Analysen aus dem Internationalen Währungsfonds, dass in der Vergangenheit Zentralbankmanager in Schwellenländern ihre Goldbestände erhöhten, wenn es Zeiten geopolitischer Krisen gab. Auch finanzielle Sanktionen, die von den USA, der Euro-Zone, Japan und dem Vereinigten Königreich koordiniert wurden, veranlassten sie dazu. Dies geschah zur Risikominderung für den Fall, dass diese Sanktionen sie treffen und damit ihre Ausweichoptionen einschränken könnten. Diese geopolitisch bedingten Unsicherheiten und Unruhen haben auch auf die Frage übergegriffen, ob die bei der Fed in New York gelagerten deutschen Goldbestände noch sicher vor einem Zugriff Donald Trumps sind. Jahrzehntelang entstanden sie aus den deutschen Leistungsbilanzüberschüssen und dem Bretton-Woods-System mit dem Dollar als Ankerwährung. Die New York Fed-Niederlassung war der wichtigste Handelsplatz für den Goldhandel der Zentralbanken und den Wechsel von Gold zu den wichtigsten Handelswährungen. Gründe gegen einen Retransfer Ende 2012 lagerten noch 45 Prozent der deutschen Goldreserven dort und nur 30 Prozent in Frankfurt. Zwischenzeitliche Verlagerungen zugunsten des Frankfurter Standorts (Ende 2024: 51%) und zu Lasten New Yorks (37%) waren ebenso markt- und lagertechnischkonform wie die Auflösung des Pariser Standorts als Folge der Euro-Einführung. Sie gingen ohne öffentliche Begleitmusik geräuschlos über die Bühne. Diese Ruhe ist vorbei und setzt den Eigentümer (Bundesbank) wie den Lageristen (New Yorker Fed) unter Rechtfertigungszwang, die bisherige Lagerstellenpolitik beizubehalten und das Gold nicht nach Frankfurt zu retransferieren. Es gibt vier Gründe, an dieser Politik festzuhalten und das Gold in New York zu belassen. Erstens würde die Bundesbank mit dem Retransfer Zweifel am Vertrauen in die Souveränität der Fed wecken und die Allianz der unabhängigen Notenbanken untergraben. Sie wäre ein Dolchstoß in den Rücken der US-Notenbank zu einem Zeitpunkt, an dem der neue Chef um die Unabhängigkeit der Fed kämpfen muss. Sie würde auch die Schlagkraft multilateral verhängter finanzieller Sanktionen mindern. Zweitens könnte eine medial begleitete Gold-Rückführung die sensible Koordination der Geldpolitiken der Fed und der EZB empfindlich stören. So könnte ein vom Vertrauensverlust in den Dollar getriebener Abwertungsdruck, den der Retransfer befeuern würde, die Diskussion um Wechselkursziele zwischen Dollar und Euro aufkommen lassen. Beide Zentralbanken würden unnötigerweise gezwungen, sich diesen Diskussionen zu stellen. Angst vor einer Reaktion Trumps Drittens könnte Donald Trump eine Rückführung nicht nur als Angriff auf seine Person und seine Politik sehen und entsprechend aggressiv reagieren, sondern ihn vielleicht ermuntern, die Hand auf die Goldbestände anderer Länder bei der New Yorker Fed zu legen und sie unter Regierungskontrolle zu stellen. Etwa siebzig internationale öffentliche Einrichtungen und Zentralbanken halten Goldbestände in New York. Geopolitisch motivierte Absetzbewegungen seitens dieser Einrichtungen könnte das Vertrauen in den Finanzplatz USA noch über die anhaltende De-Dollarisierung einiger Notenbanken wie Indien, China und Brasilien hinaus schmälern. Eine Kettenreaktion von Retransfers bis hin zu einer Finanzkrise wäre nicht ausgeschlossen. Ein Blick in die Vergangenheit ist dabei illustrativ. Der Retransfer der französischen Goldbestände aus den USA 1963–65 erfolgte unter starker medialer Begleitung, beschädigte das Vertrauen in den Dollar und leitete das Ende des Bretton-Woods-Systems ein: eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Viertens würde das Umlagern von Gold Ressourcen kosten und wäre unwirtschaftlich beim normalen geräuschlosen Umschichten von Goldbeständen zwischen den Notenbanken, die an den drei wichtigsten Finanzplätzen der Welt (New York, London, Frankfurt) tätig sind, wo auch das Gold liegt. Ein friktionsloser Wechsel in die wichtigsten Reservewährungen, wie er täglich erfolgt, würde erschwert. Quintessenz: Die Diskussion um Goldbestände war und ist stets emotionsgeladen, medial belastet und konfliktträchtig. Die Akteure sollte sich an die Lehre aus Richard Wagners Rheingold halten: Ruht das Gold fest und gut bewacht an einer Stelle, bleibt alles friedlich. Wird es bewegt und an die Oberfläche gebracht, entbrennt ein Kampf. Eine Götterdämmerung an den Finanzmärkten ist das Letzte, was die Welt heute braucht.