Es ist für die den Jemen kontrollierenden Huthi einfach zu verlockend, die Angriffe auf westliche Schiffe im Roten Meer als Druckmittel und für die eigene Machtbasis zu nutzen. Solange es nicht gelingt, den Druck auf die Huthi so zu erhöhen, dass die Angriffe unattraktiv oder undurchführbar werden, werden sie Gründe finden, warum es immer wieder zu neuen Attacken kommt. Einerseits verschaffen die taktisch immer anspruchsvoller durchgeführten Angriffe den Huthis eine große Sichtbarkeit und innen- wie außenpolitische Legitimität auf der Straße im Nahen Osten. Die seit Jahrzehnten fest verankerten anti-israelischen und anti-westliche Ressentiments verschaffen ihnen Popularität, sogar über die Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten hinweg. Andererseits eröffnen die Angriffe auch weitere Möglichkeiten zur Stabilisierung ihrer Machtbasis durch Waffenlieferungen, Technologie und Know-how durch ihre machtpolitischen Unterstützer, Iran, Russland, aber auch China. Außerdem ist der Angriff aus der Ferne mit kostengünstigen Drohnen und Marschflugkörpern eine wettbewerbsfähige Alternative zum sehr viel riskanteren und aufwändigeren Pirateriemodell Somalias, auf der anderen Seite des Golfs von Aden: Reedereien könnten sich dazu bewegen lassen, schon für sichere Durchfahrt, statt nach erst nach Entführungen, Geld zu zahlen. Für letzteres gibt es zwar noch keine Belege, aber das „professionelle“ Auftreten der Huthi über Webseiten zur „Registrierung“ von Schiffen für eine sichere Durchfahrt, deutet darauf hin, dass diese Option längst vorhanden ist. Der Gaza-Konflikt war anfangs der öffentlich verkündete Anlass für die Angriffe auf Handelsschiffe im Roten Meer, es ging aber immer schon um mehr. Die Bedrohung dieser vital relevanten Seewege für Europa, die Region und die Weltwirtschaft sind Teil des sehr viel größer angelegten Konflikts mit dem Westen – sowohl für die Huthi als auch für ihre Unterstützer in Teheran, Moskau und – zumindest stillschweigend – auch in Peking. Mit ihnen lässt sich nicht nur Druck auf den Westen ausüben und die (vermeintliche) Hilflosigkeit Europas Zurschaustellen, sie sortieren auch das regionale Wirtschaftsgefüge neu – verdrängen den freien Warenhandel auf Schiffen aus allen Herkunfts- und Zielländern zu Gunsten vor allem chinesischer Reedereien, die schützende diplomatische Rückendeckung erhalten. Nicht zuletzt üben die Attacken auch sehr schmerzhaften Druck auf Ägypten aus, das auf Einnahmen aus dem Suezkanal angewiesen ist und als bevölkerungsreichstes Land im muslimischen Nahen Osten und Nordafrika ein wichtiger strategischer Zugewinn für eine globale anti-westliche, anti-europäische Koalition wäre. Sicherheit im Roten Meer liegt im zentralen, langfristigen, strategischen Interesse der EU und Deutschlands. Aber es wird sie nur geben, wenn die machtpolitische und wirtschaftliche Motivation hinter den Angriffen der Huthi durchbrochen und dauerhaft einhegt wird. Allerdings braucht es dazu regionale Partner und den Einsatz des kompletten eigenen machtpolitischen Instrumentenkastens – einschließlich militärischer Mittel. Deutschland wird dabei aufgrund seiner enormen Bedeutung für die Handlungsfähigkeit der EU eine zentrale Rolle spielen müssen.
