Leon Weintraubs Gesicht erscheint auf dem Smartphone, der Neunundneunzigjährige hat einen Videoanruf gestartet. Wir können uns gerne unterhalten, sagt er auf Deutsch und deutet ein Lächeln an. Allerdings habe er heute schon zehn Telefonate geführt und müsse seine Stimme vorerst schonen. Weintraub ist einer der wenigen Schoa-Überlebenden, die noch gesundheitlich in der Lage sind, persönlich vom Terror der Nationalsozialisten zu berichten. Seit Jahrzehnten erzählt er in Deutschland, Polen, Israel, Schweden und den Vereinigten Staaten von seiner Kindheit und Jugend, die er als Pole jüdischer Herkunft in Ghettos und Konzentrationslagern verbringen musste. „Die paar Schritte haben mein Leben gerettet“ Am ersten Tag des Jahres 1926 wurde er geboren, in einfachen Verhältnissen. Er wuchs als jüngstes Kind einer alleinerziehenden Mutter mit vier älteren Schwestern im polnischen Łódź auf. 1940 zwangen die Deutschen die Familie in das Ghetto Litzmannstadt, von wo aus sie 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Dort sah Weintraub seine Mutter zum letzten Mal. Er selbst entkam der Ermordung nur knapp: Einer Eingebung folgend, schloss er sich unbemerkt einem Gefangenentransport an und überlebte das letzte Kriegsjahr als Arbeitshäftling in verschiedenen Konzentrationslagern. Kurz nachdem Weintraub Auschwitz verlassen hatte, wurden die Jugendlichen seines Blocks als arbeitsunfähig eingestuft und in die Gaskammer geschickt. „Die paar Schritte haben buchstäblich mein Leben gerettet“, sagt er einige Tage nach dem Telefonanruf in einem Videogespräch, und sein Blick sucht dabei die Kameralinse, als wolle er dem Gesagten Nachdruck verleihen. Aber auch in den anderen Konzentrationslagern kämpfte Weintraub angesichts der schweren Arbeit, der katastrophalen hygienischen Bedingungen und des allgegenwärtigen Hungers täglich um sein Leben. „Ich kann mich nicht daran erinnern, mir irgendwann Gedanken darüber gemacht zu haben, wie es für mich ausgehen wird. Man lebte nicht nur von Tag zu Tag, sondern eigentlich nur von Stunde zu Stunde. Solange man atmete, war man noch da. Aber der Tod war etwas Gegebenes und das Leben die Ausnahme“, stellt er fest. „Meine geistige Verfassung war damals Lebensfreude“ Kurz vor Kriegsende gelang ihm während der Bombardierung seines Gefangenentransports die Flucht vor den SS-Männern. Zu diesem Zeitpunkt wog Weintraub nur noch 35 Kilogramm. Nach dem Krieg erfuhr er, dass drei seiner vier Schwestern den Krieg überlebt hatten. „Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich ein freier Mensch war“, erinnert er sich. „Weil ich jetzt kein Einzelner, sondern Teil einer Familie war. Und da habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich mit meinem Leben anfangen soll.“ 1946 begann der nun Zwanzigjährige ein Medizinstudium in Göttingen. Es war ein Neuanfang im Land der Täter, die vier Fünftel der Mitglieder seiner Großfamilie umgebracht hatten. Wie er damit umging? „Meine geistige Verfassung war damals Lebensfreude“, erklärt er. „Mich haben sie nicht umgebracht. Ich lebte, ich fühlte, schmeckte, dachte. Alles war möglich für mich.“ Er heiratete eine deutsche Frau, das Paar bekam drei Söhne und zog zurück nach Polen. Dort leitete er die gynäkologische Station eines Kreiskrankenhauses. Bis er sein Land Ende der Sechzigerjahre wegen der antisemitischen Politik der Kommunisten erneut verlassen musste. Nachdem Israel seine arabischen Nachbarn im Sechstagekrieg 1967 militärisch besiegt hatte, initiierte die Sowjetunion eine Kampagne gegen Israel, die 1968 auch von der polnischen Parteiführung übernommen wurde. Viele polnische Jüdinnen und Juden verloren ihre Stelle – unter ihnen auch Weintraub. Er wanderte deshalb mit seiner Familie ins neutrale Schweden aus. Bis heute erhebt Weintraub seine Stimme gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus: Im November 2024 war er im Niedersächsischen Landtag zu Gast und überreichte der AfD-Fraktion zum Abschied ein Exemplar seiner Biographie „Die Versöhnung mit dem Bösen“. Als unheilbarer Optimist hoffe er, sagte Weintraub damals, dass sein Buch die Politiker zu „anderen Gedankengängen“ anregen würde. Am 27. Januar 2025, dem achtzigsten Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, drückte er vor Delegationen aus 55 Ländern seinen Schmerz über das Erstarken rechter Parteien in Europa aus. Dabei forderte er „alle Menschen guten Willens“ dazu auf, wachsam gegenüber Intoleranz und Ressentiments zu bleiben. Insbesondere dann, wenn sie sich gegen Menschen einer anderen Hautfarbe, Religion oder sexuellen Orientierung richteten. „Ich habe keine Absicht, bald Farewell zu sagen“ Weintraub, das wird auch im Gespräch immer wieder deutlich, beschränkt sich nicht darauf, sein Überleben als eine Geschichte vergangenen Leids zu erzählen. Er will Menschen im Hier und Jetzt aufrütteln. Im Februar 2025 wandte er sich in einem offenen Brief an Friedrich Merz und appellierte an ihn, sein „menschenfeindliches Zustrombegrenzungsgesetz“ nicht weiter zu verfolgen. „Die Folgen Ihrer derzeitigen Politik führen […] zu einer Fremdenfeindlichkeit und Polarisierung in der Gesellschaft“, schrieb der Neunundneunzigjährige damals, „die wir Überlebenden des Holocausts so bitter am eigenen Leibe erfahren mussten“. Um sein Leben zu beschreiben, sei das Wort Glück zu stark, sagt er im Videogespräch und wägt seine Worte dabei vorsichtig ab, aber er lebe heute ein zufriedenes Leben in Stockholm. Sein ältester Urenkel sei inzwischen zwanzig Jahre alt, und wer weiß – vielleicht erlebe er ja noch die Geburt eines Ur-Urenkels? „Ich habe keine Absicht, bald Farewell zu sagen.“ Solange er kann, macht Weintraub weiter. Seinen hundertsten Geburtstag begeht er, der sich selbst als Weltbürger bezeichnet, mit Weggefährten und Freunden aus verschiedenen Ländern. Menschen unterschiedlicher Lebensalter, Herkünfte, Religionen und sozialer Klassen seien eingeladen, erzählt Weintraub. Er ist nun einmal ein unverbesserlicher Optimist, sagt er, und glaubt daran, dass unsere Gesellschaften irgendwann so friedlich miteinander leben können, wie seine Geburtstagsgäste am 1. Januar miteinander feiern werden.
