Leon Draisaitl hat müde ausgesehen an diesem Vormittag in Mailand. Seine Haut trug die Blässe der kurzen Nacht, unter den Augen lagen Schatten, der Blick war wach, aber angespannt. Seit fünf Uhr stand er auf den Beinen, der Jetlag hatte ihm den Schlaf genommen. Und doch saß er in dem vom Deutschen Olympischen Sportbund gemieteten Raum in einem Start-up-Gebäude im Zentrum der Stadt, das den beinahe programmatischen Namen „Talent Garden“ trägt, mit einer Ruhe vor den Kameras, die seine professionelle Routine spiegelte. Die vergangenen Tage waren dicht gepackt mit Spielen, Flügen und Gesprächen: „Anstrengend ist das falsche Wort“, sagte er der F.A.Z., „eher war es voll an Emotionen.“ Nicht effektheischend, sondern zielgerichtet Sobald Draisaitl, der nach seiner Ankunft aus Kanada bei der Eröffnungsfeier das deutsche Team als Fahnenträger ins San-Siro-Stadion geführt hatte, über Eishockey sprach, ordneten sich die Gedanken, klangen seine Sätze nicht effektheischend, sondern zielgerichtet. Es sind seine ersten Olympischen Spiele. Draisaitl wirkt nicht wie jemand, der etwas nachholt, sondern wie einer, der an einem Punkt angekommen ist, auf den er lange gewartet hat. In Nordamerika ist er als prägende Figur der Edmonton Oilers längst ein markantes Gesicht der Profi-Liga NHL. Draisaitl gehört zu den Topleuten, die Spiele wenden, Serien prägen und Gegner zermürben können. Sein jüngster Vertrag garantiert ihm bis Ende der Saison 2032 ein Jahreseinkommen von umgerechnet zwölf Millionen Euro. In Mailand winken Ruhm und Ehre als Lohn. Deutsches Team mit so viel individueller Qualität wie nie Draisaitl sprach mit Begeisterung über die vor ihnen liegende Herausforderung im Trikot der Nationalmannschaft. „Ich freue mich unfassbar, mit einem Teil meiner besten Freunde und mit den anderen Jungs zusammenzuspielen. Das wird es nie wieder geben.“ Olympische Spiele seien für ihn ein „Once in a lifetime“-Moment. Die NHL unterbrach erstmals seit 2014 ihre Saison für die Winterspiele, die Eishockeyelite trifft sich zu einem echten Best-on-best-Turnier. „Das hat ein Riesenansehen“, sagt Draisaitl mit Blick auf Nordamerika, das ihm seit Langem zum Zuhause geworden ist. Das deutsche Team reiste mit so viel individueller Qualität wie nie zuvor an. Mitspieler wie Tim Stützle (Ottawa Senators), Moritz Seider (Detroit Red Wings), Nico Sturm (Minnesota Wild) oder Philipp Grubauer (Seattle Kraken) genießen in der NHL ebenfalls Ansehen. Die Etikettierung als stärkste deutsche Mannschaft der Geschichte ist allgegenwärtig. Draisaitl begegnet ihr mit Vorsicht. Er weiß um die Fallhöhe: „Hier ist keine Mannschaft dabei, über die man mal so drüberfliegt“, sagte er und äußerte sich zu „Abläufen“, zum „schnellen Zusammenfinden“, zu „Rollen“, die akzeptiert werden müssen. Es bedürfe Malocher an der Bande wie Künstler an der Scheibe. „Jeden Aspekt, den du haben möchtest“, sagte Draisaitl zur Kaderzusammenstellung von Bundestrainer Harold Kreis, „haben wir in unserer Mannschaft.“ „Es geht hier nicht um mich“ Mehrmals kehrte er zu einem Gedanken zurück, den er in verschiedenen Variationen formulierte: „Der Sport ist zu schwer, um zu glauben, dass man als Einzelner irgendetwas ausrichten kann.“ Draisaitl ist ohne Zweifel bereit, Verantwortung zu übernehmen. Zugleich machte er klar, dass er eine aus seiner Vita abgeleitete Extrastellung ablehnt: „Es geht hier nicht um mich“, sagt er, stattdessen wolle er als einer unter Gleichen zum Wohle aller beitragen. Fakt ist jedoch auch, dass der fähigste deutsche Eishockeyspieler, den es bislang gegeben hat, als Nummer-eins-Center gesetzt und als Fixpunkt auf die Spielstrategie des Bundestrainers Einfluss nehmen wird. „Dafür würde ich alle persönlichen Erfolge hergeben“ Pokale und Plaketten, die Draisaitls herausragendes Können als MVP oder Torjäger dokumentieren, gibt es massenhaft. Kürzlich ehrten ihn die Oilers für seinen 1000. Scorerpunkt in der NHL. „Wenn man in Deutschland aufwächst, scheint das weit weg zu sein“, sagte der gebürtige Kölner nach der Feierstunde, „ich bin natürlich sehr stolz darauf, aber ich unterschätze auch nicht, wie viel Arbeit dazu gehört.“ Seine Karriere war früh international geprägt. Mit 13 verließ er das Elternhaus in Köln, zog ins Internat nach Mannheim, mit 16 ging er nach Kanada. Seine Eltern werden nun in Mailand auf der Tribüne sitzen. Von seinem Vater Peter, einst selbst Nationalspieler, lernte er Gelassenheit. Diese Ruhe trägt ihn bis heute. Auch durch Niederlagen. Die verlorenen Stanley-Cup-Finals 2024 und 2025 gegen die Florida Panthers haben Draisaitl physisch und psychisch zugesetzt. Phasenweise schleppte er sich angeschlagen übers Eis, spielte unter Schmerzen – letztlich vergebens. Solche Erfahrungen ließen seinen Ehrgeiz weiter wachsen. „Für diesen Titel würde ich alle persönlichen Erfolge hergeben“, sagt Draisaitl. In Edmonton schuftet er inzwischen auch vor dem eigenen Tor mit und übernimmt Aufgaben, die sich nicht in Statistiken abbilden lassen. Er macht deutlich, dass Zahlen für Treffer und Vorlagen zweitrangig seien, solange sein Team nicht das letzte ist, das im Wettbewerb übrig bleibt. Deutschland gehört bei Olympia zu den Außenseitern In Mailand bestimmen wenige Spiele über Wohl und Wehe. „Es kommt daher auch auf die Kleinigkeiten an“, sagte Draisaitl. Im Hinblick auf das Vorrundenprogramm sei „ein guter Start“ gegen Dänemark an diesem Donnerstag (21.10 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) „das Ziel“, so wollten sie sich Selbstvertrauen holen, um danach in der Wochenenddoppelschicht gegen Lettland und die USA zu bestehen. „Wenn du im ersten Spiel deine Mannschaft findest, kann dich das sehr weit bringen“, sagte er. Gerade gegen die Amerikaner, die er alle aus dem Berufsalltag in Übersee zur Genüge kennt und deren Aufgebot komplett aus hochdekorierten NHL-Kollegen besteht, möchte Draisaitl nicht leer ausgehen. „Wir wollen der Eishockeywelt zeigen, wie gut wir Deutschen spielen können“, sagte er und verknüpfte damit die Absicht, auch in der alten Heimat Werbung für eine Sportart zu machen, die im Schatten des Fußballs um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Zu den Favoriten auf Gold zählen Kanada, das als Weltranglistenerster antritt, die USA, Schweden und Finnland. Dass Deutschland zu den Außenseitern gehört, sagt auch Draisaitl, aber ohne falsche Zurückhaltung. Er verlangte, dass man trotzdem mit der Überzeugung auflaufen müsse, eine Medaille gewinnen zu wollen. „Natürlich wissen wir, dass wir vielleicht ein kleines Wunder brauchen. Aber wenn ich nicht mit der Einstellung reingehe, dass ich gewinnen will, dann brauche ich gar nicht kommen.“ Dass seine Mitspieler im Team wie er Wichtiges zusammendenken können: die Möglichkeiten und die Grenzen, die individuelle Klasse und die Kraft des Kollektivs. Draisaitl fuhr am Samstagabend bei einer kurzen Übungseinheit übers Eis in der Santagiulia-Arena, schoss aus allen Lagen aufs Tor, stimmte sich mit dem Bundestrainer und den Nebenleuten ab, mit denen er teilweise wie im Fall von Frederik Tiffels (Eisbären Berlin) und Dominik Kahun (HC Lausanne) die Nachwuchsausbildung durchlief, ehe ihm seine herausragende Begabung den Weg ins Schlaraffenland des Eishockeys ebnete. Draisaitl wirkte konzentriert und bereit für das, was kommt. „Es ist mir enorm wichtig, dass Deutschland versteht und dass unsere Mannschaft versteht, dass wir über die Einheit für Deutschland kommen und nicht über Einzelspieler“, sagte er. Größe im Eishockey hat nichts mit Ansagen zu tun. Entscheidend ist die Einsicht, dass in den wichtigen Momenten ein Star allein nicht reicht.
