Anders als Papst Johannes Paul II. im Oktober 1988 in Metz hat Papst Leo XIV. sich in der lothringischen Stadt nicht in deutscher Sprache an sein Publikum gewandt. Aber in seiner in französischer Sprache gehaltenen Rede zu „Den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit“ spielte Deutschland eine wichtige Rolle. Zum Abschluss seiner viertägigen Frankreich-Reise erinnerte der Papst im Robert-Schuman-Kongresszentrum an die Bedeutung der deutsch-französischen Verständigung für den europäischen Einigungsprozess, sein Ton schien teilweise besorgt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war zu der Veranstaltung eingeladen worden, aber hatte sich mit Terminschwierigkeiten entschuldigt. Deutschland wurde durch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) vertreten, die zugleich bis Monatsende noch Kulturbevollmächtigte für die deutsch-französischen Beziehungen ist. Der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline, verlas ein Grußwort von Bischof Heiner Wilmer von der deutschen Bischofskonferenz: „Wir beten mit Ihnen“. Am Nachmittag zelebrierte der Heilige Vater in der Kathedrale von Metz die Messe an einem Altar, der aus der Bronze alter deutscher Kanonen gegossen wurde. Präsident Emmanuel Macron entschloss sich kurzfristig, der Messe beizuwohnen. Er wandelte zum Dank für den Besuch des Kirchenoberhauptes in seinem Land den Spruch „Glücklich wie Gott in Frankreich“ in „Glücklich wie Papst Leo in Frankreich“ ab. Jeder Europäer soll sich für den Respekt des Völkerrechts einsetzen Der amerikanische Papst richtete zuvor einen eindringlichen Appell an alle Europäer, „der Abwärtsspirale ein Ende zu setzen“, indem sie „das Völkerrecht und den Multilateralismus“ verteidigen. Leo XIV. beklagte, dass die internationalen Beziehungen „immer barbarischer“ werden und das Recht des Stärkeren „Ursache aller Konflikte“ sei. „Der Wert des gegebenen Wortes wird missachtet; stattdessen rühmt man sich der Lüge und der Täuschung“, sagte der in Chicago geborene Papst. Er schrieb den europäischen Regierungen, aber auch jedem einzelnen Europäer die Aufgabe zu, sich für den Respekt des Völkerrechts einzusetzen und Europa als Gegengewicht zu bewahren, „da es in den vergangenen 80 Jahren eindrucksvoll bewiesen hat, dass es möglich ist, unterschiedliche Meinungen, Forderungen und Interessen geltend zu machen, indem man sich begegnet, anstatt sich zu bekämpfen“. Er forderte auf, mit „mehr Mut“ für europäische Werte einzustehen, die christliche Wurzeln hätten. Der Papst verwies in seiner ersten Europarede zugleich darauf, dass die christlichen Grundlagen der europäischen Kultur „kein ausschließlich konfessionelles Kriterium“ bildeten, sondern vielmehr eine lebendige Quelle der Zivilisation seien. Er würdigte das Werk des europäischen Gründervaters Robert Schuman, dessen Wohnhaus in der Nähe von Metz in ein Museum umgewandelt wurde. „Das Christentum hat die Gleichheit aller Menschen gelehrt, (…) ohne Unterschied von Rasse, Hautfarbe, Klasse oder Beruf“ zitierte der Papst Schuman. Heute sei es wichtiger denn je, zu den Quellen der Werte wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit zurückzukehren, die auch in der Präambel des EU-Vertrags stehen. Leo richtet sich gegen Aufrüstung der NATO Papst Leo wandelte auf den Spuren Johannes Pauls, der Anfang Oktober 1988 in Metz der tragischen Geschichte der zwischen Deutschland und Frankreich lange umstrittenen Region gedacht hatte. Leo XIV. mahnte an, den täglichen Dialog nicht zu vernachlässigen, „auch wenn die zurückgelegten Schritte manchmal klein und fast unmerklich sind“. „Der moderne Anspruch, alles sofort zu haben, entspricht nicht der europäischen Geschichte und Kultur“, sagte er. Der vom amerikanischen Präsidenten in der nordatlantischen Allianz NATO geforderten Aufrüstung erteilte der amerikanische Papst eine klare Absage. „Man muss sich vor der Illusion der Wiederaufrüstung hüten“, sagte er. Die Förderung des Friedens sei vielmehr ein aktives Unterfangen, das Kreativität verlange. Das Streben nach Frieden dürfe nicht naiv verfolgt werden, sondern verlange „schöpferische Anstrengungen, die den Gefahren angemessen sind“, zitierte er abermals Schuman. Er erinnerte an das Prinzip, Ressourcen zu bündeln, damit „jeder Krieg nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich wird“. Der Schuman-Plan 1950 sah vor, Kohle und Stahl als Instrumente des Krieges zum Gemeinwohl sechs europäischer Staaten zu machen und bildete so die Grundlage für die 1951 geschaffene Montanunion – der Beginn der EU. Der Papst setzte sich in seiner Europarede auch kritisch mit dem immer härteren Diskurs gegen Einwanderung auseinander, der besonders in seiner amerikanischen Heimat dominiert. Er mahnte, man müsse die historische Tragweite dessen begreifen, was gerade geschehe: eine beispiellose Begegnung von Völkern und Kulturen. Das verlange „echte Zusammenarbeit gegen Schlepper, wirksamen Opferschutz, seriöse Aufnahme- und Integrationsprozesse sowie politische Maßnahmen, die es jedem Menschen ermöglichen, in Würde in seiner eigenen Heimat zu leben“. Gastgeber Macron rief in seiner Begrüßungsrede in Metz auch zum Handeln auf, „um uns vor der Flut von Desinformation und Einmischung zu schützen, die darauf abzielt, unsere Demokratien zu untergraben und uns zu spalten“. Eine Demokratie sterbe nicht nur unter Granaten, sondern auch, „wenn man sich nicht mehr versteht“. Er sprach sich dafür aus, dass Europa den Mut aufbringt, sich nicht der Rückkehr spaltender Nationalismen zu beugen.
