FAZ 22.12.2025
16:24 Uhr

Leipziger Nationalspieler: Welche Fußballregeln würden Sie ändern, Herr Baku?


Nationalspieler Ridle Baku verrät im F.A.Z.-Fragebogen Motivationssprüche seines Vaters, wer Yousef Emghames ist, was er von Michael Phelps gelernt hat – und entscheidet zwischen Klopp und Guardiola.

Leipziger Nationalspieler: Welche Fußballregeln würden Sie ändern, Herr Baku?

Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Nationalspieler Ridle Baku von RB Leipzig. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Wenn ich früher, als pubertierender Halbstarker, mal nicht Vollgas gegeben habe, hat mein Papa immer gesagt, um mich wieder auf Spur zu bringen: „Baustelle oder Fußballprofi!“ Das habe ich so oft von ihm gehört. Er wollte mir damit einfach immer ins Bewusstsein rufen, mein Talent nicht zu vergeuden, nicht nur mit 80 Prozent ins Training zu gehen, sondern jede Minute darin zu investieren, besser zu werden – ausdrücklich nichts gegen den ehrenwerten und harten Beruf des Bauarbeiters! Dass ich heute mit meiner größten Leidenschaft Geld verdienen kann, empfinde ich als Glück. Und dass ich damit gleichzeitig auch noch Menschen begeistern darf. Applaus ist eine tolle Sache. Sie entfacht Energie in einem. Macht einen noch leidenschaftlicher. Lässt Schmerzen und Erschöpfung vergessen. Wenn es übrigens nicht geklappt hätte, Profi zu werden, wäre ich gerne Immobilienmakler geworden. Das hätte mir – vermute ich – auch Spaß gemacht. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Wenn mein Körper nicht einsatzbereit ist, ich verletzt bin. Aber ich meine damit nicht kleinere Blessuren, die ein, zwei Wochen dauern. Ich hatte zum Glück bisher in meiner Karriere kaum gravierendere Verletzungen. Irgendwann 2018 war ich mal wegen eines Syndesmosebandanrisses 57 Tage raus. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Wenn er Dinge macht, die nicht jeder Fußballer kann. Gute Spieler sind herausragend im Eins gegen Eins. Ich muss sofort an Ronaldinho denken, an seine Leichtigkeit, seine Magie, mit der er im Tempo-Dribbling agierte. Seinen Skill „Elastico“ wollte jeder können, aber kaum einer hat es so zelebriert wie er. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Ich habe wirklich gegen unglaublich gute Spieler gespielt. Schon super früh. Bei einem Jugendturnier, ich glaube in Ilshofen, habe ich gegen Yousef Emghames von Hertha gespielt. Er war wahnsinnig gut, heute spielt er in der Oberliga. Manche Wege sind unbegreiflich. Bei irgendeinem U-Länderspiel mit Deutschland habe ich gegen Jeff Reine-Adélaïde spielen müssen – ja, wirklich müssen. Das war kein großes Vergnügen. Er war Linksaußen, ich rechts. Von ihm hätte ich erwartet, dass er eine Weltkarriere macht – eigentlich verwunderlich, dass das nicht geklappt hat. Und dann war da noch Mario Götze – als er das erste Mal in Dortmund war, was ein Fußballer! Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? - Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Ich hatte mal in der Jugend bei Mainz einen Trainer, der mich genervt hat. Der war nie zufrieden mit mir, hat ständig den Finger in die Wunde gelegt: „Setz deine eigenen Maßstäbe! Vergleich dich nicht mit den anderen. Guck nur auf dich. Und gib dich nie zufrieden.“ Heute, rückblickend, bin ich ihm wahnsinnig dankbar und froh. Und verstehe ihn total, warum er mir Druck gemacht hat. Er hieß Thomas Krücken und arbeitet inzwischen bei Manchester City als Nachwuchschef. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Die Kabine ist ein heiliger Ort. Nichts von dem, was dort besprochen wird, gehört in die Öffentlichkeit. Es ist ein Ort, an dem es um Gewinnen und Verlieren geht. Da geht es auch knallhart zu, gerade nach Pleiten. In der Kabine zeigt man keine Gefühle, höchstens nach dem Gewinn großer Titel. Aber an sich zeigt man dort keine Schwächen. Man überspielt dort vieles. Wen bewundern Sie? Cristiano Ronaldo für die Härte zu sich selbst. Wer diesen Mann nicht für seine Arbeitseinstellung bewundert, versteht Leistungssport nicht. Ich finde aber auch Michael Phelps cool. Der sagte mal: „The one thing that’s common to all successful people: They make a habit of doing things that unsuccessful people don’t like to do.“ Also etwas frei übersetzt: „Wenn Sie der Beste sein wollen, müssen Sie Dinge tun, die andere nicht tun wollen.“ Was bewundern Sie? Menschen, die Verantwortung übernehmen. Was fürchten Sie in einem Spiel? „Fürchten“ finde ich unpassend. Ich bin genervt vom VAR. Ich liebe Spiele, die voller Nervenkitzel sind, die lange auf Messers Schneide stehen. Ich habe mal 2022 mit Wolfsburg in Hoffenheim gespielt und es war völlig offen, wer gewinnt. Beide Teams waren richtig gut. Es ging hin und her. In dem Spiel habe ich den Siegtreffer erzielt – das war doppelt schön. Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels überrascht hat? „Was für eine Scheiße!“ Dieser Gedanke schoss mir mal nach einem Tor zum Ausgleich durch den Kopf. Werder Bremen war durch Leonardo Bittencourt in Führung gegangen. Dann gelang mir der Anschlusstreffer. Es war im November 2020. Die Spiele fanden wegen der Corona-Pandemie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Es war wie ein schlechter Stummfilm, auch wenn es natürlich grundsätzlich gut war, dass wir unter strengen Vorgaben überhaupt spielen durften. Welche Fußballregeln würden Sie ändern? SCHLUSS MIT VAR! Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Wenn früher Verhandlungen liefen, war ich viel nervöser, wollte ständig Updates und habe permanent nachgefragt. Heute bin ich da viel reifer und lasse Volker Struth, meinen Manager, und dessen Agentur Sports360 machen. Die wissen, was sie tun und was ich möchte. Was ist der Sinn des Spiels? Zu gewinnen! Ich spiele lieber schlecht und gewinne als andersherum. Es geht nur ums Gewinnen! Ihr Lieblingsspieler? Ich hatte früher in meinem Kinderzimmer Bravo-Starschnitte von Robinho, von ‚Fenômeno‘, also dem brasilianischen Ronaldo, und von Ronaldinho. Gäbe es Zeitmaschinen, würde ich mich in diese Zeit beamen, um mal gegen sie zu spielen. Ihr Lieblingstrainer? Meine bisher erfolgreichste Zeit hatte ich unter Oliver Glasner. Unter Julian Nagelsmann bin ich wieder Nationalspieler geworden. Und mit Ole Werner werden wir viel Gutes bei RB Leipzig erleben! Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? „Der tägliche Stoiker: 366 nachdenkliche Betrachtungen über Weisheit, Beharrlichkeit und Lebensstil“ – und außerdem, hoffentlich klinge ich jetzt nicht wie ein Streber, habe ich gerade noch einmal die Autobiografie von Philip Knight, ‚Shoe Dog‘, rausgeholt. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Die Bereitschaft, alles zu geben! Und ich mag Mitspieler, die genau so gerne gewinnen wollen wie ich! Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund, einer Freundin am meisten? Loyalität! Ich habe immer noch zwei wirklich gute Freunde aus der Schulzeit von der Gustav-Stresemann-Wirtschaftsschule. Ihr größter Fehler? Ich hätte länger in Mainz bleiben sollen damals! Ich habe 54 Spiele für den FSV gemacht. Eine Saison mehr hätte nicht geschadet. Ihre Helden der Gegenwart? Meine Frau! Ihre Heldinnen der Geschichte? Meine Eltern! Die haben so viel ihrer ­Lebenszeit in meinen Traum investiert. Was ist der größte Irrtum über das ­Leben als Fußballprofi? Dass wir nur eine Stunde am Tag arbeiten. Das ist völliger Blödsinn. Wir müssen unsere Körper immer auf Höchstleistung präparieren. Dazu gehört viel Pflege, auch Regeneration. Der Aufwand, den wir betreiben, um in den Spielen bereit zu sein, wird unterschätzt. Messi oder Ronaldo? Messi ist der viel bessere Spieler! Er kann eigentlich alles! Trotzdem sage ich: Ronaldo. Weil er seinem Sport alles untergeordnet hat. Er ist die personifizierte Leistungsbereitschaft. Niemand investiert mehr! Guardiola oder Klopp? Kloppo – Mainzer halten zusammen. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Das ist jetzt keine Schleimerei: Ich liebe das Engagement der Fans, um bei unseren Spielen dabei zu sein. Ihre Liebe, mit der sie uns folgen. Ihre Lautstärke, mit der sie uns anfeuern. Ihre Begeisterung, mit der sie uns tragen. Ihre Kreativität, mit der sie uns überraschen. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Die dunklen Auswüchse auf Social Media. Der Hass, der unter dem Deckmantel der Anonymität gesät wird. Ebenso wie Rassismus, der dort verbreitet wird. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? F.A.Z.-Fragebögen! Scherz! Ich habe jetzt hierfür 47 Minuten gebraucht, um hoffentlich etwas Anständiges aufzuschreiben. Aber im Ernst: Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Und ein guter Kaffee in toller Atmosphäre.