Es wurde an dieser Stelle schon einmal beanstandet, dass und wie sehr mit Künstlicher Intelligenz an der Inflation von Relevanz in der Alltags-, ja, überhaupt in der Kommunikation gearbeitet wird. Es sind mittlerweile so viele E-Mails mit einem Wichtigkeitshinweis versehen, dass es un- oder mittelwichtige Nachrichten gar nicht mehr zu geben scheint. Wenn alles „wichtig“ ist, was ist dann überhaupt noch wichtig? Eben: alles oder nichts. „Sie erhalten nicht häufig E-Mails von . . . Erfahren Sie, warum dies wichtig ist.“ Hatte dieser noch vor dem Anklicken sichtbare Vermerk anfangs noch eine gewisse frohe oder bange Erwartung geschürt, so winkt man jetzt nur noch ab: Lasst mich mit euren wichtigen Mails zufrieden, ich habe . . ., nun ja, Wichtigeres zu tun? Allerdings. Zum Beispiel, darauf aufmerksam zu machen, dass das Buhlen um Aufmerksamkeit diese schon von selbst entwertet. Wobei: In gewisser Weise ist es ja allein schon zur Schonung der Nerven tatsächlich wichtig, dass man nicht so viele Mails von diesem oder jenem erhält. Nur funktioniert das Digitale leider so, dass es von allem gar nicht genug geben kann, nicht genug Bestätigungen, nicht genug Paketankündigungen und nicht genug Nachfragen, ob man auch wirklich zufrieden sei, gerne schon vor Lieferung der Ware. Dieser Tage, passend zur Winterschlafsaison, erreichte uns nun eine Nachricht, die aus der Überfülle des Wichtigen doch noch einmal herausragt und die deswegen nicht auf die leichte Schulter genommen werden soll. Sie fing so an: „Entdecke, wie gut dein Körper wirklich schläft . . .“ Weiter sind wir nicht gekommen. Wir hatten ja geschlafen, hörten das „Pling“, sahen zwar, dass es sich um keine dieser wirklich wichtigen E-Mails handelte, fragten uns noch dumpf, ob „wirklich schläft“ nun „sehr gut“ oder „ganz schlecht“ bedeutet, und nickten darüber wieder ein. Erst später wurde uns klar, wie sehr es diese Nachricht in sich hatte, welcher Sprengstoff darin enthalten war, allein schon philosophisch: das ganze gute alte Leib-Seele- beziehungsweise Körper-Geist-Problem nicht nur mal eben so nur angetippt, sondern im Handumdrehen gelöst. Denn augenscheinlich soll es ja nur der Körper sein, der schläft, nicht der Geist. Wenn das aber so ist, dann ist die Frage, ob „man“, als Schlafender oder als Wachender, überhaupt noch mit sich identisch ist, wenn es diesem Absender, dessen Namen wir hier lieber nicht nennen, einfällt, uns gewissermaßen als „du und dein Körper“ von der Seite anzuquatschen und dabei stillschweigend vorauszusetzen, dass, während der Körper schläft, der Geist etwas anderes tut, wach liegen auf jeden Fall und dabei vielleicht an die Decke starren. Das tun wir beziehungsweise, während unser Körper weiter schön schläft, unser Geist seither und finden keine Ruhe. Und das nur wegen einer noch nicht einmal als „wichtig“ deklarierten Nachricht!
