Grundschullehrer in Hessen machen auf eine bedenkliche Entwicklung aufmerksam: Immer mehr Eltern betrachteten Schule als „Serviceeinrichtung“, die sie von ihrer Verantwortung entbinden soll. Viele Kinder blieben mit ihren schulischen Belangen sich selbst überlassen, weil die Eltern sie beim Lernen, bei den Hausaufgaben, beim Material Besorgen und Organisieren nicht mehr ausreichend unterstützten. Auch die Verhaltensauffälligkeiten nähmen zu. „Vielen Kindern fehlt eine Erziehung, die sie dazu befähigt, sich in einer Gruppe oder Klasse angemessen zu verhalten und lernen zu können“, heißt es in einer Resolution, die die Lehrer am Mittwoch dem Kultusministerium überreicht haben, unterstützt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen. Die schlechte Personalausstattung an den Grundschulen verstärke diese Entwicklung: Der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften nehme „dramatische Formen“ an, heißt es in der Resolution. Ein erheblicher Anteil der Unterrichtsstunden werde durch nicht qualifiziertes Personal abgedeckt. Kürzungen im Landeshaushalt würden auf dem Rücken von Kindern und Lehrkräften ausgetragen. „Die Institution Schule soll immer mehr leisten.“ Die Resolution wurde von den Personalräten der Grundschulen aus Darmstadt und Dieburg verfasst und von knapp 1100 Lehrkräften aus ganz Hessen unterzeichnet. Sie bemängeln die Arbeitsbedingungen an den Grundschulen und eine fehlende Wertschätzung seitens des Kultusministeriums für die geleistete Arbeit. „Der Arbeitsplatz Grundschule wird zunehmend unattraktiver“, schreiben die Lehrer und verweisen auf eine erhebliche Steigerung des Arbeitsaufkommens. Sie fordern auch kleinere Klassen mit höchstens 20 Kindern, die von multiprofessionellen Teams unterrichtet werden. Heike Ackermann, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hessen, unterstützt die Forderungen: „Die Lehrkräfte an den Grundschulen leisten sehr viel.“ Doch viele Kollegen seien mittlerweile an ihrer Belastungsgrenze angelangt. „Seit Jahren fordern wir kleinere Klassen, mehr multiprofessionelle Teams und mehr Zeit für die pädagogische Arbeit. Die Herausforderungen werden sich noch verschärfen, wenn im kommenden Schuljahr der Anspruch auf Ganztagsbetreuung schrittweise eingeführt wird“, sagt Ackermann. Kürzungen, die zu einer weiteren Arbeitsverdichtung führen, sind laut GEW Hessen der falsche Weg: „Die Institution Schule soll immer mehr leisten. Demokratieerziehung, Digitalisierung, Integration und Inklusion sind nur zu stemmen, wenn die Bedingungen daran angepasst werden.“ Das Kultusministerium sei gefordert, an Lösungen zu arbeiten. Problem mit digitalen Geräten: „Ersatz gibt es nicht“ Die Lehrer aus Darmstadt und Dieburg sind nicht die Einzigen, die mit aktuellen Entwicklungen in der Bildungspolitik unzufrieden sind. Vor wenigen Tagen erst haben sich die Personalräte der Schulen in Stadt und Kreis Offenbach an das Kultusministerium gewandt, weil sie mit der IT-Ausstattung der Lehrer unzufrieden sind. Zwar böten sich an den Schulen durch die inzwischen angeschafften digitalen Tafeln mehr Möglichkeiten, um den Unterricht zeitgemäß und attraktiv zu gestalten. „Doch um die digitalen Chancen zu nutzen, ist zumindest ein geeignetes digitales Endgerät vonnöten. Unser Arbeitgeber sieht es offenbar als selbstverständlich an, dass wir weiterhin Smartphones, Laptops und Tablets auf eigene Kosten anschaffen“, kritisieren die Lehrer in einer Resolution. Zwar seien während der Pandemie Leihgeräte zur Verfügung gestellt worden, die die Lehrer zur Sicherstellung des Distanzunterrichts über den Schulträger ausleihen konnten. Doch inzwischen seien diese Geräte nicht nur veraltet, sondern oft auch defekt. „Ersatz gibt es nicht“, heißt es weiter. Das Kultusministerium bestätigt, dass 2021 mehr als 68.000 mobile Endgeräte angeschafft worden seien. Um die Ausstattung der Lehrer mit Dienstgeräten zu verbessern, müsse aber der Digitalpakt zwischen Bund und Ländern fortgeführt werden. Das Ministerium rechnet damit, dass dies im kommenden Jahr geschieht. „Wer möchte, dass Lehrkräfte digitale Lehrwerke, digitale Klassenbücher, digitale Kommunikation und digitale Unterrichtsmedien nutzen, dass wir unsere Schüler fit machen für die digitalen Herausforderungen der Arbeitswelt, dass wir sie schulen im Umgang mit KI, dass sie einen kritischen Umgang mit den Inhalten sozialer Netzwerke entwickeln, der muss auch das nötige digitale Endgerät zur Verfügung stellen“, meinen die Lehrer aus Offenbach. Dies schließe Support, Wartung und möglichen Ersatz zwingend mit ein. In anderen Berufen sei es nicht vorstellbar, dass Beschäftigte ihren eigenen Laptop ins Büro mitbrächten, um damit zu arbeiten.
