Jetzt fragen wieder einige Frauen, die ein paar Jahre jünger sind als ich: Wollen sie wirklich ein Kind? Manche tun das prominent in den Medien, andere fragen es sich selbst. Wieder andere fragen mich. Weil ich diese Frage ja auch gestellt habe, auch sehr prominent, nämlich in dieser Zeitung und in meinem Buch „Die K-Frage“. Und weil ich jetzt auch noch vermeintlich eine Antwort gefunden habe. Immerhin ist mein Kind jetzt schon zwei Jahre alt. „Ja, und? Wie ist es denn jetzt?“ Das wollten viele wissen, Kolleginnen wie Freunde. In den Monaten nach der Geburt habe ich immer nur gestrahlt und gesagt „schöööön“, weil die Zeit mit meinem Baby wirklich so für mich war (für viele andere ist es – anders). Ein traumwandlerischer Zustand in einer entlegenen Welt, fernab von schlechten Neuigkeiten und geregelten Tagesabläufen. Immer ein bisschen zu müde, um Sachen ernsthaft blöd zu finden oder kritisch zu sehen. Immer ein bisschen zu viele Hormone, beim Stillen, beim Kuscheln, beim Schlafen, als dass ich es irgendwas anderes als gemütlich hätte finden können. Und immer ein bisschen zu sehr ins Staunen versetzt angesichts dieser großen und zugleich gewöhnlichen Sache: dass mein Körper dieses Lebewesen produziert hatte. Dass in mir ein Menschlein gelebt hatte, das jetzt da war, mit Zehen, Fingern, Zunge und Wimpern. Und dass dieses Menschlein jetzt an mir klebte und lebte, ganz nah dran, nicht viel konnte außer gucken, trinken, schreien und pupsen, und dabei so entzückend war, dass einem die Luft wegblieb. Ich kann sagen, dass ich mit vielerlei Befürchtungen recht hatte. Und dass ich doch keine Ahnung hatte. Dass man sich vorher schlau machen kann, aber dass es nichts nützt: Man springt ins kalte Wasser. Trotzdem möchte ich, für alle, die hadern und zögern, für alle, die fragen, und für alle, die einfach neugierig sind, meine bescheidenen Lehren teilen, die ich aus den vergangenen zwei Jahren ziehen kann. 1. Der Partner macht den Unterschied Ohne verlässlichen, liebevollen, aufrichtigen Sparringspartner, der sich gleichberechtigt um alles kümmert, wäre es – das sehe ich bei Freundinnen und Verwandten – nicht dasselbe. Ich wäre gestresster und würde auch mein Kind nicht mehr auf die Art genießen können, wie ich es jetzt kann. Dass ich ein erfülltes Leben führe, also eines, in dem ich weiterhin viel arbeiten kann, Zeit mit meinen Liebsten habe und ab und an auch Zeit für mich – das wäre ohne meinen Mann nicht möglich. Er ist mir keine Hilfe oder Unterstützung, er ist einfach da und macht genauso viel wie ich. Natürlich kann das auch eine Partnerin leisten. Und natürlich können es sich manche Mütter nicht aussuchen oder hätten es sich anders ausgesucht. Aber eine zweite Person ist hilfreich. Die Ökonomin und Autorin Corinne Low hat mir in einem Interview erklärt, viele Frauen neigten zur Schönmalerei à la: Wenn das Baby dann da ist, wird alles anders. Dann wird er mitanpacken. Sie sagt: Wird es nicht. Die Datenlage zeigt das. Dabei ist es gerade für frisch gebackene Mütter wichtig, Zeit zum Regenerieren zu haben. Man kann sich seinen Mann nicht schnitzen, wie man ihn braucht, das ist mir auch klar. Aber man sollte vorher gemeinsam einen realistischen Plan aufstellen, wie die Aufteilung funktionieren könnte (Elternzeit muss man ja eh beantragen). Und wenn der Plan nicht funktioniert, muss man in der Lage sein, zu sagen: Es klappt nicht! Wir müssen einen neuen Plan machen. Auch das kommt vor. 2. Man muss sich seine Inseln suchen Das ist eine Binse, aber um es mal anders zu erklären: Bei einer Influencerin, die Mutter ist, las ich neulich den erhellenden Satz: Arbeit ist Me-Time. Ich stutzte kurz – und gab ihr dann recht. Selten habe ich mit so einer Hingabe und so effizient am Schreibtisch gesessen und selbst unliebsame Aufgaben weggearbeitet. Weil ich die vollständige Kontrolle habe über das, was ich tue. Weil ich das Gefühl habe, meine Gedanken werden hier wertgeschätzt, und ich bin nicht nur Nahrungs- oder Kuschelquelle. Ich habe meinen Job schon immer gern gemacht, aber jetzt bin ich dankbar, ihn zu haben. Es ist sicherlich nicht alles immer nur entspannt mit Kindern, aber man kann sich seine Inseln suchen. Es geht dabei (auch) um die innere Haltung! In der Elternzeit hatte ich mir zum Beispiel kleine Etappen und Ziele gesetzt, deren Erfüllung mich froh stimmte: Das erste Mal, als ich nach Schwangerschaft, Wochenbett und Rückbildung wieder zum Sport konnte. Das erste Mal, dass ich ohne mein Baby aus dem Haus gegangen bin (es war schrecklich, ich hatte das Gefühl, mir fehlt ein Arm oder Bein). Das erste Mal, dass ich wieder Zug gefahren bin, mit meinem Baby in der Trage. Daneben gab es als Inseln der Glückseligkeit noch unzählige erste Male unserer Tochter, mit denen ich Sie gar nicht weiter behelligen will. Auch wenn das erste Lächeln einen umhaut. Also echt. 3. Der After-Baby-Body ist real Einige Frauen sind bei Veranstaltungen oder Lesungen auf mich zugekommen und haben mir ihre große Angst anvertraut: die Angst vor der Schwangerschaft im physischen Sinne, davor, dass sich ihr Körper unkontrolliert verändern würde. Ich kann ihnen diese Angst nicht nehmen, denn genau das tut ein Körper in der Schwangerschaft. Auch diese Veränderungen sind selbstverständlich individuell und bei jeder Frau unterschiedlich stark ausgeprägt. Fakt ist: In einer Schwangerschaft nimmt man zu, und zwar nicht nur am Bauch (da aber besonders). Als mein Baby da war, fühlte ich mich wie eine Hülle, schlaff und leer. Zugleich war ich aufgedunsen wie nie. Als ich Stunden nach der Geburt im Krankenhausbett lag, konnte ich live beobachten, wie sich die Organe unter meiner Bauchdecke wieder neu sortierten (der menschliche Körper ist ein Wunder). Und wenn das Kind auf der Welt ist, kann man als Mutter davon ausgehen, dass sich der Beckenboden verändert und man ihn hinterher gezielt trainieren muss. Das ist ziemlich langweilig, weil es kein Sport ist, bei dem man sich verausgabt (meistens liegt oder sitzt man dabei nur rum), aber es ist wichtig, damit es nicht zu einer Organsenkung oder zu Inkontinenz kommt (kann übrigens trotzdem passieren). Die geraden Bauchmuskeln driften während einer Schwangerschaft außerdem so weit auseinander, dass man auch sie mit gezieltem Training stimulieren sollte. Auch wenn ich drei Monate nach der Geburt wieder mit dem Sport anfangen konnte (mit Kursen, die auf Postpartum-Frauen ausgelegt waren), sollte es viele Monate dauern, bis ich wieder richtig fit war. Zehn Monate nach der Geburt stand ich wieder in der Basketballhalle, und noch mal zwei Monate später hatte ich bei einem Training das Gefühl: Ich bin wieder die Alte. Mehr oder weniger. Aber noch heute ist mein Körper anders, als er früher war, und das ist okay. Und nichts, vor dem frau sich fürchten sollte (tun viele natürlich trotzdem). Was in den sozialen Medien aber teilweise verkauft wird, angefangen mit übermäßigen Bauchmuskelübungen nur Wochen nach der Geburt bis zu Diätplänen, die dazu führen, dass Stillende buchstäblich Hunger leiden (allein die Milchproduktion verbraucht 500 bis 700 Kalorien am Tag), halte ich für gefährlich. Auch hier hilft nur: radikale Akzeptanz. Dafür kann mein Körper, wie ich jetzt weiß, ziemlich phänomenale Dinge: Organe wachsen lassen, ein Vier-Kilo-Baby zur Welt bringen, extreme Schmerzen aushalten, monatelang ein Kind mit eigens produzierter Milch ernähren. Der After-Baby-Body ist real. Er ist vielleicht nicht mehr so normschön wie vorher. Aber er fühlt sich gut an. 4. Du wirst kein anderer Mensch Elternschaft macht uns nicht zu anderen, womöglich besseren Menschen. Ja, man widmet sein Leben nun zu einem größeren Teil der Sorge und Pflege eines kleinen Menschen, der nicht man selbst ist. Und damit trägt man irgendwie auch seinen Teil zum Erhalt der Gesellschaft bei. Aber man wird nicht netter oder besser. Zum Kind ja, zu dem ist man so lieb, man wusste gar nicht, dass man so lieb sein kann. Aber nicht zum Rest der Welt. Da kriegt man eher so eine „Mir jetzt egal“-Haltung, ohne die es definitiv nicht geht. Ständig kommt man mit dem Kinderwagen irgendwo nicht rein, kann sein Kind irgendwo nicht wickeln oder bekommt strafende Blicke, weil man im Café stillt. Man legt sich ein dickes Fell zu und ein paar moralische Überlegenheitsgefühle. Die machen einen aber leider nicht moralisch überlegen, im Gegenteil. Ansonsten: Ich liebe es immer noch, zwei Sekt zu viel zu trinken, durch die Basketballhalle zu rennen, lange Texte zu schreiben und laut Musik zu ballern. Und wenn ich konzentriert bei der Arbeit sitze, ist es manchmal so, als gäbe es das andere Leben, in dem ich Mama bin und Nudeln koche und fehlende Socken in der Wohnung zusammensuche, gar nicht. Bis der Anruf kommt: „Kind krank, abholen bitte!“ Dann lasse ich alles stehen und liegen und rase mit dem Fahrrad zur Tagesmutter. Mein Kind braucht mich! So egal war mir Arbeit sonst nie. 5. Dein Leben ändert sich komplett – und dann irgendwie auch nicht Ja, das Leben verändert sich. Wir essen nun um 18 Uhr gemeinsam zu Abend, zum Beispiel. Danach ist der Tag gelaufen für die Person, die das Kind ins Bett bringt (wir haben ein aufgewecktes Kind, das abends lange braucht, um zur Ruhe zu kommen). Am Wochenende gehen wir nicht mehr so oft aus wie früher. Man ist sonst einfach zu fertig am nächsten Tag. Aber die anderen gehen ja auch nicht mehr, die haben ja auch Kinder bekommen oder sind älter geworden. Es stimmt aber nicht, dass man diese Dinge gar nicht mehr tut. Nur überlegter, dosiert, und dann machen sie gleich noch mehr Spaß. Ich würde behaupten, dass ich auf den letzten Feiern, auf denen ich war, in Hochstimmung war. Weil ich eben nicht mehr ständig ausgehe. Mom’s night out! Und auch sonst kann ich Dinge weiterhin tun, die ich vorher schon gemacht habe: Morgens, wenn unsere Tochter in der Betreuung ist, kann ich in Ruhe einen Kaffee trinken und Nachrichten lesen. Ich schaffe es regelmäßig zum Sport (inklusive home work-outs). Ich habe mir einen E-Reader zugelegt und kann damit abends im Bett lesen. Und, ja, ich schlafe auch ganz okay. Weniger als früher, aber wir schlafen (das kommt allerdings sehr aufs Kind an). Ins Theater oder Kino bin ich dafür nicht mehr gegangen, seit ich Mutter geworden bin. Auf Konzerte habe ich es seltener geschafft. Wir machen dafür andere Dinge: Wir kennen jetzt sämtliche Spielplätze in der Umgebung. Frühere Bekannte wurden zu Freunden, weil sie ein Kind im ähnlichen Alter haben. Wir sammeln Blätter, Eicheln und Kastanien. Und wenn wir Kaffee und Babyccino trinken und Kuchen essen gehen, lesen wir dabei die „Raupe Nimmersatt“. Ja, das Leben ist wie vorher und zugleich ganz anders. Das zu akzeptieren, macht es leichter. Und dann ist das Leben immer noch schön. 6. Vereinbarkeit ist eine Lüge Immer, wenn ich das Gefühl habe, es läuft in dem einen Bereich meines Lebens gerade richtig gut, kann ich sicher sein, dass es in dem anderen den Bach runtergeht. Und zwar den Sturzbach. Mal angenommen, ich hatte ein langes, intensives Wochenende mit meiner Tochter und meinem Mann, wir haben gekocht, waren spazieren, haben Kakao getrunken und „Der Herbst ist da“ aus der Toniebox gehört. Komme ich dann am Montagmorgen zur Arbeit, fühle ich mich wie Falschgeld. Alles ist hektisch, mein Mailprogramm sieht nach einem Update komisch aus, und die Nachrichten der letzten zwei Tage habe ich nicht so intensiv verfolgt, dass ich mich an der Morgenkonferenz beteiligen könnte. Habe ich auf der anderen Seite gerade alles im Griff, eine Recherche organisiert, Interviews geführt, dann kann ich sicher sein, dass ich irgendeinen Impftermin meiner Tochter vergessen habe oder ich sie früher abholen muss, weil sie krank ist. Oder die Betreuung ausfällt. Vereinbarkeit gibt es eigentlich nicht, es gibt nur Pläne, die ständig nicht aufgehen oder neu gemacht werden müssen. 7. Ein Kind ist nicht kein Kind – aber eben auch nicht zwei Zur Wahrheit gehört auch: Viele Sachen sind mit einem Kind gut möglich. Wir sind immerhin zwei Erwachsene (plus Großeltern und Tanten und Onkel) und nur ein Zwerg. Noch ein Kind würde uns vermutlich ziemlich aus der Balance bringen (man wünscht sich trotzdem oft noch mehr Kinder, weil man süchtig wird nach den Gefühlen, die das Kind auslöst). Aber das Leben mit einem Kind lässt sich gut handeln – vorausgesetzt, der Partner verhält sich nicht noch wie ein weiteres Kind, um das man sich kümmern muss. Auch das gibt es. 8. Man muss bereit sein, die Kontrolle abzugeben Das gilt schon für die Geburt. Allein das Wort Geburtsplan ist ein Widerspruch in sich, weil Geburten nicht so richtig planbar sind. Eine Geburt ist eine Grenzerfahrung, ein Schweben zwischen Leben und Tod, Schmerz und Euphorie. Und so geht es weiter. Immer wieder erinnere ich mich daran, dass ich nicht alles kontrollieren kann. Zum Beispiel, was meine Tochter in manchen äußerst ungünstigen Momenten will. Nie hätte ich geglaubt, dass ich ein zwölf Kilo schweres Kind stundenlang auf dem einen Arm durch die Stadt tragen würde, um mit dem anderen Arm den Kinderwagen zu lenken. Aber wenn das Kind tränenüberströmt nur „Arm, Arm, Arm“ schreit (und bei Papa-Arm-Versuchen „Mama Arm, MAMA ARM!!!“), weil es Backenzähne kriegt und Nähe braucht, dann macht man das. Es ist paradox: Es gab in meinem Leben noch nie eine Zeit, in der ich so viel geplant und rumorganisiert habe wie als Mutter: Die Betreuung hat zu, ich habe einen Termin, wer kann übernehmen? Arzttermine, Impfungen, Kinderturnen, Spielplatzdates. Und gleichzeitig sind mir Termine nie so oft geplatzt wie jetzt: Kind krank, Tagesmutter krank, Oma krank, Tante krank, dann Papa und Mama krank, wenn das Kind wieder gesund ist. Da hilft nur: Akzeptieren, dass man nicht Gott ist. Nur Mama. Meine persönliche Bilanz nach zwei Jahren Mutterschaft: Eine Welt, die auf Planung und Job und Karriere ausgelegt ist, Rentendebatte hier, Sparen da, ist nicht besonders einladend für Kinder. Das ist ein bisschen schade. Denn die Gefühle – die lassen sich gar nicht richtig in Worte fassen. Am Anfang ist es, als wäre man frisch verliebt. Nur schöner, weil es ein Baby ist. Die riechen besser und sind süßer als Erwachsene. Auch hier gilt: Jede Mutter fühlt es sicherlich anders. Aber das eigene Kind kennenzulernen, es wachsen zu sehen und dabei zu begleiten, ist eben nicht nur eine Aufgabe. Es ist ein verdammt gutes Gefühl.
