FAZ 16.02.2026
18:56 Uhr

Lehren aus Manöver: Wie die Ukrainer der NATO eine Lektion erteilten


Die NATO ist das größte Militärbündnis der Welt. Zehn ukrainische Drohnen-Kämpfer aber zeigten ihre Schwächen auf. Das soll nicht folgenlos bleiben.

Lehren aus Manöver: Wie die Ukrainer der NATO eine Lektion erteilten

Das deutsche Heer will rascher aus den Kriegserfahrungen der Ukraine lernen und seine Soldaten intensiver auf den Umgang mit Drohnen vorbereiten. Deutschland und andere NATO-Nationen hängen dabei zum Teil weit hinterher. Das hat im vorigen Jahr das NATO-Manöver „Hedgehog 2025“ in Estland belegt, bei dem ukrainische Drohnen-Piloten in simulierten Gefechten westliche Einheiten stark dezimiert hatten. Betroffen von dem Vorfall, über den in mehreren Publikationen berichtet wurde, waren estnische und britische Truppen. Während Drohnen in den vergangenen Jahren zu einem Hauptkampfmittel wurden, hat in Deutschland vor allem die SPD-Bundestagsfraktion unter dem Vorsitzenden Rolf Mützenich die Einführung bewaffneter Dohnen in die Streitkräfte verhindert. Erst seit Mützenichs Ablösung im vorigen Jahr hat das Heer die Möglichkeit, sich entsprechend zu bewaffnen. Technische und organisatorische Schwierigkeiten behindern diesen Prozess. Deutsche und europäische Anbieter, darunter Helsing, Stark und Quantum Systems, versuchen, bedarfsgerecht und massenhaft zu produzieren. Techno­logietreiber ist das Kriegsgeschehen in der Ukraine. Im Rahmen bilateraler Rüstungskooperation können seit Oktober ukrainische Drohnen in Deutschland hergestellt werden. Hierzu hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz das Unternehmen Quantum besucht. Dort sollen zunächst bis zu 10.000 unbemannte Fluggeräte pro Jahr produziert werden. NATO-Truppen schlecht gedeckt und abwehrschwach Pistorius sagte: „Das Ganze hat Vorteile für alle Seiten: Wir unterstützen damit die Ukraine in ihrem Kampf. Wir profitieren aber auch selbst, wir lernen von den unfassbar großen Datenmengen und den vielen Erfah­rungen, die auf dem Gefechtsfeld in der Ukraine gesammelt werden“. Selenskyj sagte, die Ukraine sei Deutschland unendlich dankbar für das Training und die Lieferungen von Panzern, Artillerie, Flugabwehr, und nun „werden wir unser Wissen weitergeben und ihre Truppen trainieren“ für den Drohnenkrieg. Dazu sollen ukrainische Ausbilder vor allem die taktische Unterweisung deutscher Unteroffiziere begleiten, so ist es aus dem Heer zu hören. Die Bedeutung der elektromagnetischen Kriegsführung und des Kampfes mit Drohnen ist dem Heer bewusst, jedoch hapert es in der Praxis. So üben deutsche Fallschirmjäger auf einem Übungsplatz derzeit erstmals intensiver mit Drohnen. Selenskyj hatte bei der Sicherheitskonferenz in München beschrieben, dass ein Großteil der etwa 65.000 russischen Frontverluste im Dezember und Januar auf das Konto ukrainischer Drohnen gehen. Bei dem NATO-Manöver Hedgehog, deutsch Igel, hatten im Mai etwa 16.000 Soldaten in Estland geübt. Unter an­derem ging es um Szenarien aus dem Ukrainekrieg. Dazu waren Drohnenteams eingeladen, die aus unmittelbarer Fronterfahrung schöpfen konnten. Ge­gen Teile einer britischen Brigade und gegen estnische Verbände, darunter viele Reservisten, gelang es angeblich ei­nem einzelnen ukrainischen Team von zehn Soldaten, innerhalb eines Vormittags 17 gepanzerte NATO-Fahrzeuge zu zerstören und 30 weitere Angriffe zu starten. Die NATO-Truppen waren demnach schlecht gedeckt und abwehrschwach. Anders verhielten sich in dem Manöver etwa französische Truppen vom 1. Regiment der Marineinfanterie aus An­goulême, die Mannschaften und Fahrzeuge komplett in Unterständen und zivilen Liegenschaften wie alten Kolchoshöfen untergebracht hatten. Doch neben den Fehlern der Truppen war es vor allem die Fähigkeit der Ukrainer, ihr Gefechtsfeldmanagement in ei­ne extrem kurze Kette von Aufklärung, Mitteilung, Angriff zu verwandeln, die sogenannte „Kill Chain“. Die Devise: „Alles ist besser als nichts“ Kritiker sagten nach Angaben des „Wall Street Journal“, den NATO-Truppen fehle das Verständnis vom modernen Gefechtsfeld, sie trainierten nach veralteten Doktrinen und Handbüchern. Allerdings wird auch vermerkt, dass die NATO – anders als im Übungsgeschehen – in einem Kriegsfall mit umfassender Luftüberlegenheit, weitreichender Ar­tillerie, satellitengestützter Aufklärung und integrierter Flugabwehr kämpfen würde. Dennoch seien die Lektionen aus Hedgehog wertvoll für bestimmte Szenarien. Zu den Lektionen zählt, dass sich das Heer bemühen muss, seine Fähigkeiten zur Drohnenabwehr zu verbessern. Das gilt vor allem für die neue Litauen-Brigade, die 2027 einsatzbereit sein soll. Die für sie vorgesehen Flugabwehrkanonenpanzer „Skyranger“ wurden aber nicht nur in zu kleiner Stückzahl von zunächst 19 Radpanzern bestellt, die Fahrzeuge treffen auch erst bis einschließlich 2028 im Heer ein. Dass inzwischen etwa 600 Skyranger bestellt werden sollen, zeigt den Bedarf. Dennoch plant das Heer, wegen der überlangen Lieferzeiten zur Drohnenabwehr weltweit nach „Brückenlösungen“ Ausschau zu halten. Dabei gilt die Devise: „Alles ist besser als nichts.“ Womit der augenblickliche Zustand umschrieben ist.